Spielwiese politischer Phantasien

Tanz und Performance haben für Thomas Frank, den künstlerischen Leiter von brut Wien, viel mit Offenheit und politischem Bewusstsein zu tun. Sara Schausberger verriet er, wieso Kunst in den vergangenen Jahren wieder stärker aktivistisch wurde.

Im Rahmen des brut- Schwerpunktes BRAVE NEW WORLD lädt der niederländische Künstler Jonas Staal zu Debatten im „New World Summit“.

Südwind-Magazin: Herr Frank, das brut zeigt gerade im Rahmen des Schwerpunkts BRAVE NEW WORLD vier Stücke, die sich mit politischen Themen auseinandersetzen. Was erwartet einen da?
Thomas Frank:
„Brave New World“ – das sind Katastrophenszenarien, Anti-Visionen, und menschliche sowie politische Abgründe. Die Performance „Anonymous P.“ von Chris Kondek und Christiane Kühl zielt auf einen sehr aktuellen politischen Diskurs ab: Es geht um Datenüberwachung und den digitalen Fußabdruck, den wir tagtäglich hinterlassen. Dem gegenüber steht die Performance „The Notebook“ der Gruppe Forced Entertainment. Sie beschreibt das Ende eines großen Krieges und das Überleben in einer völlig entmenschlichten Gesellschaft. Auch bei der französischen Künstlerin Lise Lendais ist ein Kriegsszenario der Ausgangspunkt: Sie setzt sich mit der Geschichte der französisch-stämmigen Algerier und deren Schicksal nach dem Bürgerkrieg auseinander. Die vierte Performance wird in einem ehemaligen Luftschutzkeller stattfinden. Hier fragt sich der Künstler Jonas Lahtinen, wie ein Leben im Bunker heute, in einer durch Überfluss geprägten Zeit, aussehen könnte.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie Politisches auf die Bühne bringen. Ist Performance und Tanz als Format besonders dafür geeignet?
Da muss ich eine Gegenfrage stellen: Was ist eine unpolitische Performance? Selbst Stücke, die nicht explizit im Sachverhalt politisch sind, können durchaus im Kontext des politischen Raumes, in dem sie entstehen, gesehen werden. Ich halte es auch für eine politische Aufgabe, nicht arrogant und akademisch aufzutreten und die Hemmschwelle, sich auf Unbekanntes einzulassen, so niedrig wie möglich zu halten.

Wie groß ist die Verantwortung, als Performance-Haus dezidiert politische Themen aufzugreifen?
Als Theater sind wir ein Ort, an dem öffentliche Diskussionen ausgetragen werden. Es hat das brut immer schon ausgezeichnet, dass wir auch politische Fragen in unserem Programm thematisieren. So hatten wir beispielsweise zur Nationalratswahl im September 2013 den Themenschwerpunkt „The Power of Voice“, der sich unter anderem mit Politaktivismus, den Spielregeln demokratischer Systeme oder dem Phänomen des Wahlkampfes auseinandersetzte. Unser Schwerpunkt „Freedom of Speech“ 2012 beschäftigte sich mit der Meinungsfreiheit im Zeitalter des Internets.

Im Programmheft zum Schwerpunkt erwähnen Sie eine Renaissance politisch-aktivistischer Arbeiten in der Kunst. Woran lässt sich diese erkennen?
Grob gesprochen gab es bis Ende der 1990er, Anfang der 2000er Jahre in der zeitgenössischen Kunst einen starken selbstreflexiven Prozess. Dieser Prozess ist eindeutig beendet. Der Drang, sich der politischen Wirklichkeit zuzuwenden, ist stark geworden. Es herrscht nun die Auffassung, dass man Performance und Kunst durchaus dazu nutzen kann, politische Diskussionen auszulösen oder sogar direkt aktivistisch einzugreifen.

Woher kommt dieser Drang?
Das rührt vielleicht daher, dass wir alle kontinuierlich mit Krisen konfrontiert sind, was nicht zuletzt bei den Künstlerinnen und Künstlern das Gefühl ausgelöst hat, man müsse darauf reagieren. Die Entwicklung hin zu politischen Aktionen hat sicher mit der Erfahrung zu tun, dass es in der Politik so wenig visionäre oder auch konkrete Vorschläge gibt, die immer drängenderen sozialen, ökonomischen und ökologischen Probleme konstruktiv zu lösen. Die Kunst wurde vor diesem Hintergrund als Spielwiese für politische Phantasien entdeckt, und da spielen sich neuerdings die Politaktivistinnen und -aktivisten und die Künstlerinnen und Künstler die Bälle zu.

Künstlerinnen und Künstler im brut beschäftigen sich immer wieder mit Traditionen aus dem globalen Süden. Inwiefern besteht da die Gefahr, in die „Exotik-Falle“ zu tappen und diese Traditionen zu klischeehaft zu zeigen?
Wir sind uns sehr bewusst, dass es diese Falle gibt und dass es gilt, diskriminierende Sichten und Haltungen zu hinterfragen. Das Künstlerduo Monika Gintersdorfer und Knut Klassen etwa hat genau das in einer ganzen Reihe von Arbeiten mit Künstlerinnen und Künstlern aus der Elfenbeinküste thematisiert. In ihren Stücken ist es ihnen auf sehr kluge und pointierte Weise gelungen, mit dem Blick westafrikanischer Kunstschaffender die aktuellen künstlerischen Diskurse der westlichen Welt zu kommentieren. Bei den migrantischen Wiener Künstlerinnen und Künstlern, mit denen wir zusammenarbeiten, stellen wir niemals deren Herkunft in den Vordergrund. 

Sara Schausberger arbeitet als Kultur-Journalistin in Wien.

Der Themenschwerpunkt BRAVE NEW WORLD läuft noch bis 21. Februar im brut Wien.
www.brut-wien.at

nach oben