Unauslöschliches Handwerk

Seit 700 Jahren bringt die Familie Razzouk TätowiererInnen hervor. Wie ihre Nachfahren das Handwerk noch heute in Jerusalem fortführen, berichtet Lars Krutak.

Wassim Razzouk tätowiert, wie schon seine Vorfahren, christliche PilgerInnen in Jerusalem im alten Studio nahe dem Jaffator.© Lars Krutak

Haile Selassie, der einstige Kaiser von Äthiopien, Edward der VII. und Georg der V., Könige des Vereinigten Königreichs von Großbritannien und Irland: sie sind wohl die bekanntesten, aber nur drei von unzähligen KlientInnen, die von Familienmitgliedern der Razzouks in den letzten 700 Jahren tätowiert wurden. Die Vorfahren, koptische Christen, stammen aus Ägypten. Ein Urahn namens Jersius, ein koptischer Priester, brachte die Familie und ihr Handwerk im 18. Jahrhundert nach Palästina und dann um ca. 1750 nach Jerusalem, um dort PilgerInnen zu tätowieren. Seine NachfolgerInnen machen das noch heute.

Einer davon ist der 77-jährige Anton Razzouk. Erst vor kurzem ging er in den Ruhestand. Davor hatte er 50 Jahre lang in Jerusalem als Tätowierer gearbeitet. „Die Tattoos, die sich die Pilger und Pilgerinnen in Jerusalem stechen lassen, waren und sind mehr als ein unvergessliches Souvenir. Sie erinnern die Menschen auch ein Leben lang an ihren christlichen Glauben und daran, nicht gegen die damit verbundenen Gebote zu verstoßen“, erklärt er den religiösen Hintergrund des Familiengeschäfts.

Eintrittskarte Tattoo. In koptischen und anderen ostchristlichen Gemeinschaften in Äthiopien, Armenien oder Syrien waren Tätowierungen seit jeher für PilgerInnen ins Heilige Land bedeutsam. Ein kleines Kreuz am Unterarm diente auf ihrer Reise dorthin als Erkennungsmerkmal und damit als Eintrittskarte in Kirchen und andere heilige Stätten. Junge Mädchen ließen sich Bilder der Jungfrau Maria und des Erzengels Gabriel, der ihr die Empfängnis des Sohns Gottes verkündigte, stechen. Das galt nicht nur als Symbol der Frömmigkeit, sondern auch der Fruchtbarkeit.

Durch den Akt des Tätowierens sollen sich die Menschen aber auch näher zu Gott gebracht gefühlt haben. Das Bluten und die Schmerzen wurden mit den Leiden Jesu am Kreuz verbunden.

Die ersten Überlieferungen von europäischen PilgerInnen, die im Heiligen Land tätowiert wurden, gehen auf das 17. Jahrhundert zurück. So genannte Dragomanen, sprachenkundige Reiseführer, sollen in Bethlehem gemeinsam mit Franziskanermönchen zunächst Tattoo-Designs mit Holzstempeln und einer Tinktur aus Kohle und Ochsengalle auf die Haut aufgetragen und dann mit Nadeln gestochen haben. Ein französischer Pilger berichtete 1658 von verschieden Vorlagen zum Auswählen und mehreren Durchgängen beim Stechen, bis die Linien dunkel genug waren. Dann wäre die Stelle bis zu drei Tage lang geschwollen und leichtes Fieber könnte auftreten, „bis sich die Kruste löste und die Markierungen dunkelblau blieben und nie mehr verschwanden“.

Um 1910 stellte die Familie noch selber Stempel mit Symbolen des koptischen Christentums (u. l.) her, um die Tattoo-Designs vorab auf die Haut zu bringen.© Lars Krutak

Tattoos für alle. Durch die Holzstempel sollen die Tätowierer in der Lage gewesen sein, schneller zu arbeiten und ihren KundInnen Vorlagen zu bieten. Besonders in der Osterzeit war der Andrang groß. Einige der Stempel aus Oliven- und Zedernholz befinden sich noch heute im Besitz der Familie Razzouk. Die Motive sind vielfältig und zeigen unter anderem den Heiligen Georg, den Drachentöter, Wiederauferstehungs-Szenen, die Heilige Veronika mit dem Grabtuch und die Kreuzigung Jesu. Auch die Jahreszahlen der Pilgerreisen wurden auf der Haut verewigt.

Anton Razzouk bekam das Jahr 1948 eintätowiert – von seinem Vater Yacoub, der der erste war, der in Israel nach einem eigenen Geheimrezept hergestellte Farben und eine elektrische Maschine benutzte. Diese war aus einer umfunktionierten Türglocke gemacht und Anton gerade acht Jahre alt, als er sein erstes Tattoo bekam. Im Folgenden brachte sein Vater ihm und seiner Schwester Georgette das Handwerk bei.

Yacoub Razzouk tätowierte aber nicht nur PilgerInnen – Männer, Frauen und Kinder – sondern auch zu therapeutischen Zwecken. Besonders auf verstauchten oder verletzten Gelenken sollten Linien aus Punkten zur Heilung beitragen. Diese Therapieform ist auch in anderen Regionen des Mittleren Ostens bekannt. Besonders in Ägypten setzen die Menschen Nadeln ein, um Kopf- und Zahnschmerzen sowie Augenleiden zu behandeln.

Einst dachte Anton Razzouk, dass er vielleicht der letzte Tätowierer seiner Familie sein würde. Sein Sohn Wassim war nicht immer überzeugt davon, das Handwerk zum Beruf machen zu wollen. Allerdings war er talentiert: „Als ich eine Gruppe äthiopischer Pilger tätowierte, wurde ich müde und fragte Wassim, ob er übernehmen könne. Nach anfänglichem Zögern tat er es und alle waren hellauf begeistert vom Resultat“, erzählt Anton stolz. Und als Wassim von russischen Tätowierern auch neue Techniken lernen konnte, war er bereit zur Übernahme des Geschäfts.

Generationenwechsel geglückt. Heute arbeitet der 46-jährige Wassim Razzouk sowohl im alten Familiensitz, wo sich schon seine Vorgänger betätigt hatten, als auch in einem neuen Studio, das er gemeinsam mit seiner Frau in der Altstadt von Jerusalem betreibt. Drei Mal in der Woche fährt er auch ins palästinensische Ramallah, um dort in Schönheitssalons kosmetische Tätowierungen zu machen. Die meisten KundInnen hat er aber immer noch feiertagsbedingt in der Osterzeit. „Da arbeite ich ab vier oder fünf Uhr in der Früh und mache bis zu 40 Tattoos pro Tag. Es ist schön zu sehen, wie stolz die Menschen dann sind: auf ihre Pilgerfahrt und das Tattoo, das sie für immer daran erinnern wird, sind.“ Für viele sei das Tattoo aus Jerusalem ihr erstes. „Mein ältester Kunde hier war 87 Jahre alt. Er kam aus dem Irak, war ein chaldäischer Christ und wollte ein Tattoo, um seinen Glauben auszudrücken. Meine älteste Kundin war eine syrische Christin, die mit 92 Jahren zum ersten Mal im Heiligen Land war.“ Es pilgern auch immer mehr jüngere KatholikInnen und wollen, wie ihre Vorfahren, ein Andenken in Form einer Tätowierung.

Das traditionelle Handwerk der Razzouks scheint vorerst gesichert. Und auch Wassims Kinder üben sich bereits im Zeichnen.

Lars Krutak ist US-amerikanischer Anthropologe, aktiv in der Forschung mit Schwerpunkt Indigene Identitäten (und Tätowierungen), (TV-) Journalist und Buchautor. www.larskrutak.com

Übersetzung und redaktionelle Bearbeitung: Christina Schröder

nach oben