Wohin sollen wir uns wandeln?

Die Forderung nach sozial-ökologischen Transformationen ist allgegenwärtig. Warum das sperrig klingende Konzept global als Ausweg aus der Krise gilt, erklärt Andreas Novy.

© Tarikh Jumeer

Weiter so wie bisher ist nicht möglich! – diese Einsicht setzt sich nicht nur in der Klimaforschung und Klimapolitik durch, sondern bestimmt auch das Handeln global agierender sozialer Bewegungen wie Via Campesina oder des Just Transition-Movement. Aktuell findet eine Repolitisierung der Debatte über globale Entwicklung statt. So hat ein Konzept an Attraktivität gewonnen, das zwar sperrig, aber passend diese Wahrnehmung beschreibt: sozial-ökologische Transformation; ein Konzept, das die umfassenden sozialen und ökologischen Veränderungen thematisiert, die auf uns zukommen.

Sozial-ökologische Transformationen zu reflektieren heißt, wieder groß zu denken. Damit werden die Bemühungen für die Umsetzung der nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals, SDGs) ergänzt.

Diese 2015 verabschiedeten ambitionierten Ziele der Weltgemeinschaft werden nicht erreicht, wenn nicht weltweit grundlegende Veränderungen stattfinden, in der Art zu leben, zu wirtschaften und Politik zu organisieren.

Illusorische Versprechen. Der Sozioökonom Karl Polanyi beschrieb die industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts als Große Transformation, als eine Metamorphose, vergleichbar dem Formwandel von einer Raupe zum Schmetterling. Für uns sind diese Veränderungen Vergangenheit, den hohen Preis des Fortschritts haben frühere Generationen gezahlt. Doch den globalen Süden begleiten Landflucht, städtisches Massenelend und Ausbeutung in Fabriken bis heute. Es war die Hoffnung der ModernisiererInnen, den Menschen im globalen Süden durch nachholende Entwicklung ein gutes Leben zu ermöglichen.

Den globalen Mittelschichten, vor allem in China und Indien, gelingt dies teilweise. Für alle sieben Milliarden Menschen ist das Versprechen auf Auto, Kühlschrank und Urlaubsflüge aber illusorisch. Wer das Ziel eines guten Lebens für alle ernst meint, kann nicht auf nachholende Entwicklung setzen.

Paradigmenwechsel. Erforderlich ist die Abkehr von einem auf fossilen Energieträgern beruhenden Kapitalismus. Dies bedeutet für die Entwicklungszusammenarbeit einen Paradigmenwechsel in zweierlei Hinsicht. Zum einen erfordert die anstehende sozial-ökologische Transformation, Entwicklung in Nord und Süd zusammenzudenken. Für die Menschen in den reichen Ländern bedeutet dies, Verantwortung zu übernehmen für die exzessive Nutzung der Reichtümer dieses Planeten. So wird Solidarität zur ambitionierten Hausaufgabe, den eigenen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren.

Zum anderen ist aber genau dies keine Aufgabe, die durch individuell korrektes Handel alleine lösbar wäre. So löblich ethisches Konsumieren ist, so begrenzt sind die Möglichkeiten, auf diesem Wege Transformationsprozesse einzuleiten. Vielmehr geht es um das Ausloten der Möglichkeiten kollektiven Handelns und politischer Gestaltung in zentralen Politikfeldern vor Ort. Geändertes Mobilitätsverhalten im Alltag und Urlaub sowie Siedlungsformen mit weniger Flächenverbrauch sind zentrale Ansatzpunkte verantwortungsbewusster Transformationsprozesse.

Wachstum und Rückschritt. Die Transformationsforschung zeigt nicht nur die Gefahren exponentiellen Wachstums, sondern auch die bedenklichen Signale eines soziokulturellen Rückschritts. Die aktuelle Globalisierung des 21. Jahrhunderts gewinnt zunehmend strukturelle Ähnlichkeiten mit der Klassenstruktur und den imperialistischen Kämpfen des 19. Jahrhunderts. Wirtschaftsnationalismus, Krieg, Flucht und Wettlauf um knappe Ressourcen prägen erneut die Weltpolitik. Innerstaatlich begleitet wird die Zuspitzung zwischenstaatlicher Konflikte in viel zu vielen Ländern mit einer Gleichschaltung der eigenen Gesellschaft, der Medien und Justiz, einem systematischen Angriff auf Frauenrechte und oftmals sogar der Leugnung des Klimawandels.

Selbst in formal demokratischen Staatswesen werden die politische Opposition, DissidentInnen und WhistleblowerInnen immer öfter marginalisiert. In Europa spalten sich Nationen, es entsteht eine Dienstbotengesellschaft aufbauend auf der Sorgearbeit von MigrantInnen; die Kluft zwischen Nord- und Südeuropa wird größer.

In Brasilien scheiterte der Versuch, 6,5 Millionen DienstbotInnen echte Teilhabe zu ermöglichen, am Widerstand der Mittelschicht.

Standortnationalismus. So sehr diese aktuellen Zuspitzungen an die 1930er Jahre erinnern, so relevant sind die politischen Konsequenzen, die Karl Polanyi und John M. Keynes seinerzeit gezogen haben. Beiden war klar, dass grenzenlose Globalisierung den Standortnationalismus anheizt, der wesentlich verantwortlich ist für die Schwierigkeiten der Weltgemeinschaft, die globalen Herausforderungen konstruktiv anzugehen. Selbst so erfreuliche Entwicklungen wie der Beschluss der Nachhaltigen Entwicklungsziele und des Pariser Klimaabkommens 2015 verbleiben angesichts des ökonomischen Konkurrenzdenkens und geopolitischen Machtdenkens zahnlos.

Der Hyperglobalisierung und einem Konkurrenzdenken, das alle Lebensbereiche unterwandert, müssen Grenzen gesetzt werden. Gefragt sind mehr Solidarität innerhalb der Gemeinwesen und mehr internationale politische Zusammenarbeit. In Anlehnung an den Harvardprofessor Dani Rodrik braucht es stark regulierte Finanzmärkte, möglichst simple globale Spielregeln für den Welthandel und einen Rahmen, der kleine und mittlere Unternehmen nicht gegenüber Konzernen und Monopolisten benachteiligt. Ein derartiges wirtschaftliches Regelwerk denkt globale Zusammenarbeit nicht in stärkerer Vereinheitlichung und Zentralisierung, sondern setzt auf den Gleichklang von mehr demokratischer Teilhabe vor Ort und größerer Bereitschaft zu internationaler Kooperation.

Globale Zusammenarbeit und ein florierender Welthandel werden nicht abgelehnt, aber abgestimmt mit nationalen und lokalen Veränderungsstrategien.

In einem ersten Schritt heißt dies Widerstand gegen die neoliberale Hyperglobalisierung. Global agierenden sozialen Bewegungen ist dies bewusst. Die Kampagnen gegen TTIP und CETA basierten auf Bündnissen in Nord und Süd. Die Handelspolitik wurde politisiert und denen eine Stimme gegeben, die unter Abkommen leiden, die vor allem die Sicherheit von Investoren im Auge haben: Kleinbäuerinnen und -bauern, Gewerbetreibenden, Kommunal- und LandespolitikerInnen.

Lokal und global handeln. In einem zweiten Schritt geht es aber um die Gestaltung neu gewonnener Handlungsspielräume. Angesichts ökologischer Zuspitzungen schlummert in kleinräumigen Wirtschaftskreisläufen Potenzial, krisensicherer zu werden. All dies ist ein Balanceakt zwischen Vielfalt vor Ort und globaler Zusammenarbeit; der Stärkung der lokalen Alltagsökonomie und den Vorteilen internationaler Arbeitsteilung. Um die SDGs wirksam umzusetzen braucht es aber beides: Eigenständigkeit und Weltoffenheit, so etwas wie einen heimatverbundenen Kosmopolitismus.

Andreas Novy ist Professor am Institut für Multi-Level-Governance and Development an der Wirtschaftsuniversität Wien und organisierte im Februar 2017 zusammen mit Alexandra Strickner den zweiten „Gutes Leben für alle“-Kongress an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er ist Initiator der seit 2001 laufenden Österreichischen Entwicklungstagungen.

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