

Uruguay gewinnt seinen Strom fast ausschließlich aus erneuerbaren Energien. Über das Geheimnis des Konsenses und die Tücken des grünen Kapitalismus.
Uruguay hat kein Öl, kein Gas und keine Kohle. Vor zwei Jahrzehnten war das Land deshalb noch komplett abhängig vom Weltmarkt, es gab regelmäßige Stromausfälle und die Preise schwankten je nach Weltmarktdynamik von fossilen Brennstoffen. Heute ist das kleine südamerikanische Land weltweites Vorbild der Energiewende und gewinnt inzwischen 98 bis 99 Prozent seines Strombedarfs selbst aus erneuerbaren Energien. Wie hat das funktioniert?
Der politische Architekt der Wende Ramón Méndez Galain, beschreibt den Kurswechsel pragmatisch: „Erneuerbare Energien sind heute einfach die beste Option, unabhängig vom Klimawandel“. Der Physiker war von 2008 bis 2015 im uruguayischen Industrieministerium für Energie zuständig. Die Umstellung auf erneuerbare Energien sei schon lange kein Thema von Ökoidealist:innen mehr, sondern auch für den Privatsektor sinnvoll. Das Geheimnis basiere auf verschiedenen Säulen – vor allem auf politischem Konsens. Was Uruguay von anderen Ländern unterscheidet, sei nicht die Technologie, sondern die Umsetzung. Der Schlüssel war ein par-teiübergreifendes Langzeitabkommen, das 2010 von allen Parteien unterzeichnet wurde. „Das ist zentral. Denn in vielen Ländern ändert sich die Energiepolitik je nach Regierungspartei“, betont Méndez Galain gegenüber dem Südwind-Magazin.
Stromstreber. Außerdem sei die staatliche Lenkung des Marktes wichtig gewesen, denn der Energiemarkt funktioniere nach den Regeln der Fossilen. Greife der Staat nicht ein, könnten die Erneuerbaren unter den Marktregeln einer lange gewachsenen Industrie nicht konkurrieren. Das sei so, als würde man bei einem Fußballspiel mit Lionel Messi als bestem Spieler antreten, ihn aber mit einem Tennisschläger ins Feld schicken.
Heute exportieren uruguayische Unternehmen Dienstleistungen und Fachwissen ins Ausland. Die enge Kooperation von Staat und Privatwirtschaft birgt allerdings auch Risiken. Vor allem sei die Energiewende durch Abnahme- und Preisgarantien ein sehr rentables Geschäft für den Privatsektor, wie der uruguayische Soziologe Daniel Pena gegenüber dem Südwind-Magazin kritisiert. Pena begrüßt die Diversifizierung von bestehender Wasserkraft und Biomasse durch Investitionen in Solar- und Windenergie, kritisiert jedoch die zunehmende Privatisierung des Sektors. „Das bringt neue Probleme von Abhängigkeiten und Preisdruck”, sagt er mit Blick auf private Profitinteressen und Schwankungen der Weltmarktpreise.
Die Preis-Mähr. Dass die Preise für Endverbraucher:innen gesunken seien, bezweifelt er. Die Allgemeinheit habe keinen Vorteil, meint der Soziologe. Dem widerspricht Méndez Galain und rechnet vor: „Wir haben die Kosten für die Energieproduktion um die Hälfte reduziert”, sagt er. Der Preis für ein Kilowatt sei von 11 US-Dollar Cents, also rund 10 Euro Cents, auf 5 bis 6 US-Dollar Cents gesunken. „Uruguay spart dadurch jährlich rund 500 Millionen US-Dollar.“ Außerdem wurden 50.000 Arbeitsplätze geschaffen, was rund drei Prozent der Arbeitskraft des Landes entspricht. Zusätzlich exportiert der nach Suriname zweitkleinste Staat Südamerikas heute Energie an seine Nachbarn Argentinien und Brasilien. Das bringt rund 400 Millionen US-Dollar Devisen pro Jahr ins Land. „Die Energiewende hat Einfluss auf die gesamte Wirtschaft“, sagt der Vordenker in Sachen Energiepolitik.
Doch nicht die gesamte Preisreduktion kommt bei den Endverbraucher:innen an. „Kosten für Strom haben sich durchschnittlich nur um etwa 20 Prozent reduziert”, erklärt Méndez Galain. Grund: Regierungen aller Parteien nutzen die Einnahmen aus dem Energiesektor für öffentliche Ausgaben. Die Kritik, dass Preise nicht genug fallen, sei also berechtigt – so seien höhere Stromrechnungen meist auf einen gestiegenen Verbrauch zurückzuführen. Abseits der niedrigeren Energiekosten profitierten alle von Investitionen in Gesundheit, Bildung und Infrastruktur. Für ihn steht fest: „Das Gemeinwohl profitiert von der Energiewende.“
Fast fossilfrei. Einer der größten Mythen über Uruguays Energiewende ist, dass das Land energetisch unabhängig sei. Doch die Unabhängigkeit betrifft nur die Stromversorgung. Die Bereiche Verkehr und Industrie beziehen nach wie vor rund 40 Prozent der Energie aus fossilen Energieträgern. Vor allem die Entkarbonisierung des Transportes bleibe die wichtigste Baustelle, so Méndez Galain, denn der Verkehr mache 80 Prozent der Treibhausgas-Emissionen im Land aus.
Der Begriff einer „zweiten Energiewende“ sei eine Erfindung der vergangenen rechten Regierung gewesen, um die Produktion von grünem Wasserstoff voranzutreiben und sich Devisen der Zukunft zu sichern. Der ehemalige Energiedirektor ist überzeugt: „Grüner Wasserstoff wird das neue grüne Öl.“ Denn für große Mengen Energie in Industrie oder Transport sei Elektrifizierung keine Möglichkeit.
Auch Fernando Schaich, Chemieingenieur und einer der privaten Treiber der Energiewende, sieht im grünen Wasserstoff Uruguays die große Zukunftshoffnung. Kritik daran basiere auf falschen Annahmen, sagt er. Der Wasserbedarf für die Produktion von grünem Wasserstoff sei im Vergleich zu anderen Wirtschaftszweigen im Land, wie Bewässerung oder Fleischindustrie, verschwindend gering.
Soziologe Pena befürchtet dennoch, dass die Produktion von grünem Wasserstoff in Uruguay primär internationalen Wirtschaftsinteressen diene und weniger der nationalen Energiewende. Es gehe ausschließlich um den Export nach Europa und würde nicht die uruguayische Energiewende vollenden. Es sei eher eine grüne Investition, eine Spekulation des grünen Kapitalismus, der sich klimafreundlich anstreichen will. Die Industrie verbrauche allerdings nur lokale Ressourcen, um sie in die globalen Metropolen zu bringen. „Es ist eine Aktualisierung kolonialer Beziehungen.“
Laura May lebt als freie Journalistin in Buenos Aires. Sie berichtet über Klima, Kapitalismus und Kultur.
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