„Ich will hier nicht weg“

Von Carina Bauer · ·
September 2025: Bad Bunny auf der in blaues Licht getünchten Bühne in Puerto Ricos Hauptstadt San Juan. Titel der Tournee:
September 2025: Bad Bunny auf der Bühne in Puerto Ricos Hauptstadt San Juan. Titel der Tournee: "No me quiero ir de aquí", „Ich will hier nicht weg“. © Comecoquito, CC0, via Wikimedia Commons

Warum Bad Bunny seine Heimat Puerto Rico auf die Weltbühne bringt.

58.000 Menschen halten ihre Handys in die Höhe und rufen seinen Namen: „Bad Bunny! Bad Bunny!“ Und dann steht er auf der Bühne des Nationalstadions in Warschau. Hier spielt der Musiker am 14. Juli eines der letzten Konzerte seiner monatelangen Welttournee. Im Scheinwerferlicht hält er die Augen geschlossen und schmunzelt. Erst als er das Mikrofon zu den Lippen hebt, schaut der Rapper in sein Publikum: „Hallo Polen, hier war ich noch nie!“

Benito Antonio Martínez Ocasio, besser bekannt als Bad Bunny, ist 32 Jahre alt und derzeit einer der erfolgreichsten Interpret:innen weltweit. Seine Musik wird Milliarden Mal gestreamt, sein sechstes Studioalbum „Debí tirar más fotos“– übersetzt: „Ich hätte mehr Fotos machen sollen“ – war ein weltweiter Erfolg. In nur einer Woche waren laut dem US-Entertainment-Unternehmen Live Nation mehr als 2,6 Millionen Tickets für die Tour verkauft. Und das für ein politisches Album. Bad Bunny bezeichnet es als sein wichtigstes: „So ehrlich war ich noch nie“. Der „schlechte Hase“ rappt und singt auf seiner bisher größten Tour ausschließlich auf Spanisch – über seine Familie, seine Heimat Puerto Rico und die Menschen, die sie verlassen mussten. Außerdem: über Kaffee und Rum, Strände und Stromausfälle, aber auch über Kolonialismus und die Angst, dass die Insel ihre Identität verliert.

Traum und Wirklichkeit
Puerto Rico wird als Paradies vermarktet: Palmen, weiße Strände, türkises Wasser. Für die Bevölkerung ist das Leben hier aber herausfordernd. Seit 1898 gehört die karibische Insel zu den Vereinigten Staaten. Die Bewohner:innen besitzen US-amerikanische Pässe, dürfen aber nicht an der Wahl des US-Präsidenten teilnehmen. Der Freistaat ist bis heute ein nicht eingegliedertes Außengebiet der USA und gilt als eine der ältesten Kolonien der Welt.
Für Tourist:innen und Investor:innen wird Puerto Rico immer attraktiver. Ferienwohnungen und Luxusimmobilien verändern die Landschaft. Für viele Einheimische wird es damit noch schwieriger, zu bleiben. Hohe Lebenshaltungskosten, Arbeitslosigkeit, eine marode Stromversorgung und die Folgen von Naturkatastrophen vertreiben viele Menschen. Zwischen 2010 und 2025 waren es 14,5 Prozent der Bevölkerung.

Bad Bunny macht seine Heimat hingegen zum Mittelpunkt seiner Karriere. 2025 spielte er dort 31 Konzerte unter dem Titel „No me quiero ir de aquí“, „Ich will nicht von hier weg“. Puerto Rico rieche nach Karibik und Meer, erzählt er in einem Vogue-Interview: „Ich möchte bleiben und dass viele Menschen kommen um meine Heimat zu sehen.“
Bad Bunny ist nicht der Erste, der Musik als Stimme der Insel benutzt. In der puerto-ricanischen Musiktradition, dem sogenannten Plena, werden Geschichten aus dem Alltag erzählt, über Armut, Politik, Liebe und Ungerechtigkeit – und das seit hundert Jahren. Einer erzählt, der Chor antwortet, die Trommeln geben den Takt vor. Plena ist Musik und zugleich eine musikalische Zeitung des Volkes.

Trotz Trump
Bad Bunny nimmt diese Tradition mit auf Tour. Mit „Chuwi“ und „Los Pleneros de la Cresta“ holt er Musiker:innen, die außerhalb Puerto Ricos kaum bekannt sind, auf große Konzertbühnen in aller Welt. Von Südamerika bis Osteuropa treten sie bei der aktuellen Tour vor Millionen internationaler Fans auf. Nur in den USA war keines dieser Konzerte geplant. Denn: Er habe Angst, dass die US-Einwanderungsbehörde ICE bei seinen Konzerten Fans ohne gesicherten Aufenthaltsstatus gefährden könnte. ICE reagiert darauf: Ein in den sozialen Medien verbreitetes Video einer Abschiebung unterlegte die Behörde mit einem Song des Künstlers. Eine Provokation.

Donald Trump und seinen Anhänger:innen ist der Sänger ein Dorn im Auge. Im Februar 2026 stand Bad Bunny dennoch in den USA auf der Bühne, ausgerechnet auf der größten des Landes: Allen Interventionsversuchen und öffentlicher Kritik aus Trumps Umfeld zum Trotz hatte ihn die Football-Liga NFL eingeladen, bei der Halbzeitshow des Super Bowl aufzutreten. Zum ersten Mal sang und rappte da ein Künstler nur auf Spanisch. Trump tobte auf Social Media: „Niemand versteht, was der Typ sagt“. Doch Bad Bunny machte mit Plena und Salsa seine Herkunft sichtbar und rief zum Schluss der Show: „Gott schütze Amerika“, wobei er alle Länder des Doppelkontinents aufzählte – von Kanada bis Chile.

„Ich kann nicht glauben, dass meine Musik auch in Polen gehört wird“, sagt Bad Bunny in Warschau immer wieder. Vor ihm tanzen Zehntausende zu seinen Liedern, singen mit und viele halten dabei ihre Handys in die Höhe. Er ruft dem Publikum zu: „Lebt im Hier und Jetzt! Es braucht nicht immer ein Foto. Genießt den Moment!“

Carina Bauer will Kulturen und Menschen verstehen. Wann immer sie kann, geht sie auf Reisen. In den vergangenen zehn Jahren arbeitete sie überwiegend als Redakteurin beim Fernsehen und erzählte Geschichten mit Bildern. Heute schreibt sie für verschiedene Magazine – zuletzt für das Branchenmagazin Österreichs Journalist:in.

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