Kunst im Zeichen der Gleichberechtigung

Von Redaktion · ·
Porträtbild Ragini Upadhyayas beim Malen an einer Staffelei
Ragini Upadhyaya beim Malen © Sitaram Badal

Die nepalesische Künstlerin Ragini Upadhyaya verbindet Mythologie, Feminismus und persönliche Erfahrung.

Von Milena Österreicher

„Namaste, namaskar“, begrüßt Ragini Upadhyaya das Publikum im Weltmuseum Wien. Anfang März sprach sie dort über die Situation von Künstlerinnen in Südasien. Zwischen ihren Augenbrauen trägt die nepalesische Künstlerin eine kleine, aufsteigende Sonne. „Alles hat eine symbolische Bedeutung für mich“, sagt sie.

Geboren wurde sie am 9. November 1959 in Kathmandu als fünftes Kind in eine Familie von Brahmanen, traditionelle Priester und Gelehrte, die die höchste Kaste im Hinduismus bilden. Im nordindischen Bettiah besuchte sie eine katholische Schule. „Ich hatte einen tollen Vater, er ermöglichte mir eine gute Ausbildung“, sagt sie.

Als junge Frau trug sie zwei Schlangen als Symbol für Wünsche und Sehnsüchte der Jugend auf der Stirn. Später ersetzte sie diese durch einen Dreizack – das Attribut der Göttin Durga, für Upadhyaya ein Symbol für Stärke und Selbstvertrauen im Kampf um eine eigene Identität in einer männlich dominierten Gesellschaft.


Fortwährende Unterdrückung
Das Ringen um Selbstbestimmung präge die Lebensrealität vieler Frauen in Nepal. „Frauen werden in unseren Tempeln als Göttinnen verehrt, im Alltagsleben sieht es anders aus“, sagt Upadhyaya. Zwar gingen heute mehr Mädchen in die Schule als früher, doch besonders im ländlichen Raum werden Frauen unterdrückende Praktiken, wie das sogenannte Chhaupadi-System, weitergeführt: Obwohl es seit 2005 verboten ist, werden Frauen während ihrer Menstruation aus dem Haus verbannt, weil sie als „unrein“ gelten.

Bild von Ragini Upadhyaya, mit dem sie illustriert, wie junge Mädchen bei ihrer ersten Menstruation wie Tiere weggesperrt werden
Kritisches Bild darüber wie junge Mädchen bei ihrer ersten Menstruation wie Tiere weggesperrt werden © Ragini Upadhyaya

In ihrer Kunst setzt sich Upadhyaya gegen diese Ungerechtigkeiten ein. In einem ihrer Werke trägt ein Vogel ein Kind im Schnabel. „Der Vogel macht keinen Unterschied zwischen Mädchen und Buben“, erklärt sie. „Die Eltern und die Gesellschaft schon.“

Selbst nach ihrer Schulbildung musste Upadhyaya sich gegen deren Erwartungen behaupten. „Meine Schwester heiratete mit 22 Jahren“, erzählt sie. „Ich habe über fünf Jahre lang jeden Kandidaten abgelehnt, den meine Eltern mir vorstellten“. Erst nach langen Diskussionen durfte sie ihren Weg in die bildende Kunst einschlagen.

Künstlerisches Schaffen

Seit ihrer ersten Einzelausstellung 1979 hat Upadhyaya mehr als 65 Soloausstellungen realisiert. Von 2014 bis 2018 war sie zudem die erste Vorsitzende der Nepal Academy of Fine Arts. Doch trotz wachsender Anerkennung sei es noch immer nicht selbstverständlich, dass Künstlerinnen in Ausstellungen vertreten sind. „Außerdem müssen die meisten berufstätigen Frauen noch immer auch die gesamte Hausarbeit machen“, sagt Upadhyaya.

Sie betont deshalb weibliche Solidarität und stellt bei ihrem Vortrag im Weltmuseum auch Künstlerinnen aus der Region vor, u.a. die indische Malerin Gogi Saroj Pal, die pakistanische Künstlerin Shehzil Malik sowie Himiko Nguyen aus Vietnam.

In ihren eigenen Arbeiten greift Upadhyaya immer wieder auf starke weibliche Figuren zurück – etwa auf die hinduistische Göttin Kali. Sie steht zugleich für Zerstörung, Schutz und den Widerstand gegen Ungerechtigkeit.

Engagement für Gesundheit und Frauen

Für Upadhyaya ist die blau oder schwarz dargestellte Göttin ein Symbol weiblicher Stärke. „Als eine große Tragödie in meinem Leben geschah, bin ich eine Kali geworden“, sagt sie. 2016 starb ihre Tochter Shivata während ihres Auslandsstudiums in Europa im Alter von 20 Jahren an einer Meningitis-Erkrankung. „Der Schmerz dieses Verlustes ist unbeschreiblich.“

Bild von Ragini Upadhyaya, das Kali die Göttin des Todes und der Zerstörung. Es symbolisiert ihre Wut am System und zeigt, wie sie zur Kämpferin wurde
Kali die Göttin des Todes und der Zerstörung. Es symbolisiert ihre Wut am System und zeigt, wie sie zur Kämpferin wurde When I became KALI, 70×100 cm, Acrylic, 2019 © Ragini Upadhyaya

Ein Jahr lang habe sie daraufhin kein Symbol mehr auf ihrer Stirn getragen. Aber schließlich entstand ein neues Zeichen: die aufgehende Sonne – ein Symbol für Hoffnung und für die Liebe zu ihrer Tochter. 2017 gründete sie die Shivata Love Foundation, die seither über Impfungen gegen Meningitis aufklärt und Stipendien für benachteiligte Mädchen in Nepal vergibt.

Was Upadhyaya jungen Frauen heute mitgibt? „Verfolgt immer euren Weg und eure Ziele, ganz gleich, welche Hindernisse euch begegnen.“

Mehr Info zu Ragini Upadhyaya und ihrem Werk: raginiupadhayay.com

Milena Österreicher ist Chefredakteurin des vierteljährlich erscheinenden MO-Magazin für Menschenrechte. Als freie Journalistin schreibt sie über gesellschaftliches Zusammenleben, Demokratie und Menschenrechte.

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