Wie die WM Mexikos Ungleichheit zementiert

Von Alice Pistolesi und Monica Pelliccia · ·

Am 11. Juni 2026 startet die Fußball-Weltmeisterschaft der Männer in Mexiko-Stadt, darunter auch das österreichische Nationalteam. Abseits des Fußballrummels warnen Umweltaktivist:innen in Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey vor den ökologischen und sozialen Folgen.

Mexiko ist neben den USA und Kanada einer der Hauptaustragungsorte der Fußball-Weltmeisterschaft 2026. 13 Spiele verteilen sich auf Mexiko-Stadt, Guadalajara und Monterrey. Doch während sich der Weltfußballverband Fifa rühmt „eines der diversesten und inklusivsten Feste aller Zeiten“ abzuhalten, prangern lokale Aktivist:innen die gravierenden Nebenwirkungen des Mega-Sportevents an: In Mexiko-Stadt gefährden Bauprojekte die ohnehin knappe Wasserversorgung. In Guadalajara im Südwesten des Landes bedrohen neue Infrastrukturen ein einzigartiges Biosphärenreservat. Und in der nordöstlichen Stadt Monterrey verschwinden die letzten Grünflächen.

„Sie versuchen, unseren Protest unsichtbar zu machen, aber wir wollen aufzeigen, was die WM mit unseren Gemeinschaften anrichtet“, klagen Aktivist:innen vor Ort. Seit Ende Februar 2026 ist die Lage in Mexiko, insbesondere um Guadalajara, extrem angespannt. Auslöser war die Tötung eines der Gründer der kriminellen Gruppe „Jalisco Nueva Generación“. „El Mencho“ wurde von der mexikanischen Armee und Marine in Tapalpa auf Basis von US-Geheimdienstinformationen gestellt und getötet. Dies löste eine Welle der Gewalt aus: Die Gruppe reagierte mit mindestens 300 bewaffneten Angriffen auf Polizei, Justizbehörden, Supermärkte, Einkaufszentren, Tankstellen, den öffentlichen Nahverkehr und sogar den Flughafen von Guadalajara. Diese Gewaltwelle bildet den Hintergrund, vor dem die sozialen und ökologischen Verwerfungen stattfinden.

Aktiv gegen Gentrifizierung

In Mexiko-Stadt, wo am 11. Juni das Eröffnungsspiel stattfindet, gibt es seit über einem Jahr fast täglich Proteste. In der Nähe des Aztekenstadions organisiert ein Kollektiv aus Anwohner:innen und Umweltaktivist:innen – meist aus dem nahegelegenen Viertel Santa Úrsula Coapa – jeden Sonntag eine Versammlung und verteilt Flyer. Außerdem bemalen sie regelmäßig die Mauern um das Stadion mit Wandgemälden, um auf Wasser- und Bodenverbrauch für private Interessen oder Gentrifizierung aufmerksam zu machen.


„In letzter Zeit gibt es bei unseren Treffen mehr Polizist:innen als Bürger:innen“, erzählt Natalia Lara, Umweltaktivistin der Nachbarschaftsversammlung gegen die Mega-Bauprojekte in Tlalpan-Coyoacán. Das Gebiet um das Aztekenstadion wird hauptsächlich von indigenen Gemeinschaften bewohnt, darunter die Siedlungen Santa Úrsula Coapa und San Lorenzo Huipulco, die bereits seit vorhispanischer Zeit existieren. „Wir sind besorgt über die zahlreichen Bauprojekte, die Parkplätze und Straßen betreffen, wie etwa die Calzada de Tlalpan. Aber auch über den privaten Immobilienboom mit Neubauten, die für die lokale Bevölkerung mit begrenztem Einkommen völlig unbezahlbar sind. Einige von ihnen sind bereits von Zwangsräumungen betroffen“, erklärt Lara.

Wasser als knappe Ressource

Die Fifa-Pläne umfassten nicht nur Stadionrenovierungen, sondern auch den Bau eines großen Komplexes mit Einkaufszentrum, Luxushotel und ausgedehnten Parkplätzen. Die Anwohner:innen argumentieren, dass eine solche Hochverbrauchsinfrastruktur die bestehende Wasserkrise verschärfen wird – mit einem sinkenden Grundwasserspiegel und veralteten Versorgungsnetzen. „Bei uns zu Hause haben wir etwa dreimal pro Woche Wasser, und der Druck wird immer geringer“, berichtet Lara. „Wir machen uns Sorgen über die Privatisierung der Wasserressourcen, wie es bei dem Privatbrunnen von Televisa geschieht – Mexikos wichtigster Radio- und Fernsehgruppe, die die WM übertragen wird.“

Dank einer Bürgerbeschwerde der Nachbarschaftsversammlung wurde der Brunnen von Televisa lokalisiert. Es stellte sich heraus, dass er sich in einem Radius von weniger als 500 Metern von dem Brunnen befindet, der die Gemeinschaft mit Wasser versorgt.

Die Bewohner:innen von Santa Úrsula haben die Aufhebung der Wasserkonzession für Televisa und die Enteignung des Brunnens beantragt, um ihn in das öffentliche Wassernetz von Mexiko-Stadt zu integrieren.

Bedrohung für die La Primavera-Biosphäre

Szenenwechsel nach Guadalajara. Dort ist das Akron-Stadion umgeben vom Biosphärenreservat La Primavera, einem 30.000 Hektar großen Gebiet. Das Reservat liegt in der Bajío-Region. Hier wurden auch die neuen Anlagen für die WM gebaut, obwohl ein Dekret dies verbietet, da es sich um eine hydraulische Auffüllzone handelt. „Unserer Meinung nach haben die Bauarbeiten für die WM die Überschwemmungen hier verschlimmert“, erklärt eine Nachbarin des lokalen Kollektivs Puerta Poniente. „Im vergangenen Jahr war das Akron-Stadion überflutet. Das Wasser kann nicht mehr versickern – alles stand unter Wasser.“

Überschwemmungen und Dürren sind zwei Seiten derselben Krise: „Wenn es zu viel regnet, drohen Überschwemmungen. Wenn es nicht regnet, fürchten wir Brände. Im Laufe der Jahre ist ein großer Teil des La Primavera-Reservats bereits niedergebrannt. Mit einer Gruppe von Freiwilligen versuchen wir, das Gebiet zu überwachen”, fährt die Aktivistin fort. „Aber uns fehlen die Arbeitskräfte und die Mittel, um das gesamte Reservat zu kontrollieren.“

Das Reservat ist Lebensraum für viele geschützte Arten wie Pumas, Goldadler, Hirsche, Waschbären und Zugvögel, die von der Umweltorganisation Anillo Primavera geschützt werden. Zwischen 2017 und 2023 wurden einige Pumas mit den Kamerafallen der Organisation gefilmt – doch heute fürchtet man, dass sie verschwunden sind. Zu den WM-bedingten Bauprojekten gehören die Erweiterung des Flughafens von Guadalajara, verschiedene Hotels, der Ausbau von Straßen und Wohnkomplexe – eine Dynamik, die die Region bereits während der Panamerikanischen Spiele 2011 erlebte und die sich nun wiederholt.

Fehlende Grünflächen und soziale Ungleichheit

Das BBVA-Stadion in Monterrey (seit 2015 in Betrieb) wird 2026 vier WM-Spiele ausrichten. Wie in Guadalajara stehen auch hier ökologische Verluste im Mittelpunkt der Proteste. „In Monterrey hat die WM viele neue Projekte gebracht: eine U-Bahn-Linie, neue Straßen und Parkplätze. Zuerst wurde ein Parkplatz auf einem der wenigen Grünflächen gebaut, die wir noch hatten. Die neue U-Bahn-Linie durchquert nun einen Park und reduziert das Ökosystem“, erklärt Esteban. Er engagiert sich in der Organisation Frente Nacional por las 40 Horas, die für eine 40-Stunden-Woche und soziale Rechte kämpft. „Der Bundesstaat Nuevo León hat ohnehin ein großes Problem mit fehlenden Grünflächen – und die WM hat diese Krise verschärft.“

In Guadalajara, Monterrey und Mexiko-Stadt wiederholt sich ein Muster: Großveranstaltungen beschleunigen Infrastrukturprojekte, die bestehende Ökosysteme und Gemeinschaften unter Druck setzen – und die Kosten tragen jene, die am wenigsten davon profitieren. In allen drei mexikanischen Städten gehen Umweltproteste Hand in Hand mit sozialen Kämpfen. Die interviewten Aktivist:innen aus Guadalajara, Monterrey und Mexiko-Stadt betonen, wie eng der Verlust von Ökosystemen mit Gentrifizierung und steigenden Lebenshaltungskosten verbunden ist. Auf eine Anfrage zu den sozialen und ökologischen Auswirkungen der WM 2026 reagierte die Fifa nicht.

Alice Pistolesi und Monica Pelliccia arbeiten als Journalistinnen in Italien. Pistolesi recherchiert v.a. zu Lebensbedingungen unterdrückter Bevölkerungsgruppen sowie zu Umwelt- und feministischen Protestbewegungen. Pelliccia legt ihren Fokus auf ökologische und soziale Themen wie Klimawandel, die Rechte indigener Völker, Ernährungssicherheit und Agrarökologie. 

Die Recherche wurde unterstützt vom Projekt „Game On! Sport für Menschenrechte“ der fairplay Initiative des Vienna Institute for International Dialogue and Cooperation (VIDC).

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