Liebe Südwind-Redaktion!

Mit der Post ist das so eine Sache in Saudi-Arabien. Es gibt keine Hausnummern und viele Straßen haben keine Namen. Deshalb müssen alle mein Briefe an das Postfach meiner Schule adressiert werden, die sie dann an mich weiterleitet.

Das gilt auch für Zeitschriften. Eine, in der kaum Fotos sind, kommt in einem braunen, neutralen Umschlag, wie bei uns ein Erotik-Magazin. Eine andere, mit vielen Modeanzeigen, kam neulich noch in Plastik eingeschweißt mit einem großen schwarzen Tintenklecks auf dem Titelblatt.

Nanu! Im Heft sind noch mehr. Viel mehr. Die sind ja im ganzen Heft! Da hat sich doch tatsächlich jemand hingesetzt und hat jeden einzelnen Frauenschenkel ab dem Knie aufwärts und jeden einzelnen tiefen Ausschnitt mit tiefschwarzer Farbe überpinselt. Ein paar Seiten sind rausgerissen. Da konnte wohl auch der Pinsel nicht mehr helfen.

Ein Kollege, dem ich das erzählt habe, sagte, ich solle mich einmal in der Toilettensachen-Abteilung eines Kaufhauses umsehen. Gute Güte! Auf allen freizügigeren Seifen- und Haartönung-Verpackungen hatte der Pinsel seine Arbeit getan!

Na gut. Aber ein Regime, das sich so etwas leistet, muss doch todgeweiht sein.

Doch nein! Nicht das Königreich der Frommen. Als neulich eine Internet-Seite nach ägyptischem Vorbild zu einem „Tag der Wut“ aufrief, ging keiner hin. Die Regierung hatte einfach die Imame in den Moscheen angewiesen, bekannt zu geben, Demonstrationen verstießen gegen den Islam. Und das war’s.

Der Pinsel wird hier wohl noch eine ganze Weile seine Arbeit tun.

Der Journalist und Autor Peter Böhm ist derzeit als Lehrer in der saudi-arabischen Hauptstadt tätig.

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