„Abtreibung ist Ausdruck der Autonomie“

Unzureichende Infrastruktur hindert Frauen in Südafrika häufig daran, sichere Eingriffe zu bekommen. Was das mit Konservatismus zu tun hat, erklärt Marion Stevens.

Unsichere Abtreibungen sind eine häufige Todesursache für schwangere Frauen. Wie ist die Situation in Südafrika?

Die Müttersterblichkeit ist in Südafrika generell eine Herausforderung. 34 Prozent der Frauen sterben an HIV-bedingten Todesursachen und zehn Prozent an septischen Abtreibungen. HIV und AIDS stehen im Vordergrund. 50 Prozent der Abtreibungen finden außerhalb des formellen Gesundheitssektors statt, obwohl Abtreibung legal ist.

Was hindert Frauen daran, in öffentliche Kliniken zu gehen?

Vielen Frauen bleibt der Zugang verwehrt, weil das Gesundheitssystem nicht über ausreichende Kapazitäten verfügt. Nur sieben Prozent der Gesundheitseinrichtungen in Südafrika bieten Abtreibungen an. Und nur 40 Prozent der vorgesehenen chirurgischen Abtreibungskliniken sind in Betrieb. Das Gesundheitsministerium verzögert immer wieder die Genehmigung und Umsetzung der nationalen Richtlinien für Abtreibungskliniken.

Südafrika hat Abtreibung im Zuge der Reform des Gesundheitssystems nach dem Ende der Apartheid 1997 legalisiert. Sie ist aber eben nicht für alle zugänglich. Wer reich ist, wird immer einen Weg zu einer Abtreibung finden.

Warum entzündet sich der Kampf um soziale Werte derart im Bereich der Abtreibung?

Abtreibung ist Ausdruck der Autonomie von Frauen und fordert als solche die Gesellschaft heraus. Konservatismus und Nationalismus sind auf dem Vormarsch – und sind eng mit patriarchalen Werten verbunden.

Der größte Geldgeber für Gesundheitsdienste und Forschung in Südafrika sind die USA. Seit dem Jahr 2000 hat sich unsere Regierung an ihren Finanzierungsbedingungen und Werten ausgerichtet. Illustrativ ist auch die Verbindung zu einer ganz bestimmten Sorte des evangelikalen Christentums, was als Anti-Choice gilt. Es geht hier um die Stimmen der Konservativen und schlicht und einfach um Machterhalt.

Apropos USA: Was hat sich verändert, seit US-Präsident Donald Trump Abtreibung als Argument für die Kürzung der Entwicklungshilfe verwendet?

Es änderte sich schon vor Donald Trump mit George W. Bush, der im Jahr 2001 wieder die sogenannte Global Gag Rule in Kraft setzte (NGOs, die zu Schwangerschaftsabbrüchen arbeiten, werden die finanziellen Mittel der US-Regierung gestrichen, Anm. d. Red.). Diese Regelung wird seit 1984 immer wieder von republikanischen Präsidenten eingesetzt und von demokratischen Präsidenten wieder aufgehoben. Was sich seit Trump geändert hat, ist, dass liberale internationale NGOs ins Land strömten – als Gegenreaktion auf die Kürzung der US-Entwicklungshilfe.

Sie hatten gute Absichten, waren aber nicht sehr hilfreich. Das untergräbt lokale Gruppen, die nachhaltig arbeiten. US-amerikanische Spenderinnen und Spender hingegen ziehen es vor, größere internationale NGOs zu unterstützen, die ihre eigenen Konzepte importieren und lokale Bewegungen ignorieren.

Interview: Christine Tragler

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