Afrikas erster Steinway-Klaviertechniker

Von Markus Schönherr · · 2023/Jan-Feb
© Markus Schönherr

Tshepiso Ledwaba hatte schon immer eine Vorliebe für klassische Musik. Der junge Südafrikaner ist Afrikas erster Steinway-Klaviertechniker.

Es war ein reiner Glücksfall. „Es fühlt sich immer noch unecht an – und großartig zugleich“, erzählt Tshepiso Ledwaba, erster Steinway-Klaviertechniker Afrikas. Mit 30 Jahren hat er einen erstaunlichen Karriereweg hinter sich, geprägt von politischen und persönlichen Stolpersteinen.

Aufgewachsen ist er im Township Soshanguve nördlich von Südafrikas Verwaltungshauptstadt Pretoria. Als Sohn einer anglikanischen Pastorin und eines Kräuterheilers waren es Religion und Tradition, die seine Kindheit prägten – und die Musik. „Irgendwann eröffnete meine Mutter eine Kinderkrippe. Dort wurde ständig gesungen und Musik gespielt.“ Und auch bei Zeichentrickfilmen war es die Filmmusik, die früh sein Interesse weckte: „Wenn ich vor dem Fernseher saß, vergaß ich den Cartoon und hörte bloß noch die Musik im Hintergrund, die mir die Handlung erzählte.“

Klavier von Weltruhm. Als Jugendlicher sang er regelmäßig bei Konzerten in den umliegenden Gemeinden. Er hatte Talent – und eben ein bisschen Glück. Seine musikalische Begabung und sein Faible für Instrumente wurden von der Musikstiftung der Universität von Südafrika (UNISA) in Pretoria gefördert und er begann zunächst als Musiklehrer zu arbeiten. Über die UNISA erfuhr er von einem Stipendium für das renommierte Oberlin College im US-Bundesstaat Ohio. Er bewarb sich, und wurde genommen.

Das Musikkonservatorium hat eine Kooperation mit dem Klavierhersteller Steinway & Sons. Dass es sich dabei um das bekannteste und erfolgreichste Klavierbauunternehmen der Welt handelte, wurde Ledwaba erst später bewusst.

Die Nobelmarke des Klavierbaus wurde 1853 vom deutschen Auswanderer und Musikinstrumentenbauer Heinrich Steinweg in den USA gegründet. Bereits der russische Pianist Sergei Rachmaninow (1873-1943) spielte auf einem seiner Klaviere – ein „in jeder Hinsicht perfektes“ Instrument, wie der Komponist in einem Brief an Steinweg festhielt.

Der Funke der Begeisterung sprang auch auf Ledwaba über, der die Geschichte der Flügelbaulegende Steinweg und die „feine Technologie“ des Instruments während seines US-Aufenthalts zu schätzen lernte. Seine Prüfung zum zertifizierten Steinway-Techniker absolvierte Ledwaba folglich in der Steinway-Fabrik in New York unter den strengen Augen des Werkleiters.

Klassisch kolonialistisch. Heute leitet Ledwaba das Klavierreparaturzentrum der UNISA. Fünf Klaviere stimmt, repariert und wartet er derzeit pro Woche; das sei vergleichsweise wenig. Überhaupt sei die Universität bislang die einzige in Südafrika, die dauerhaft Instrumententechniker:innen beschäftige, klagt er.

Er musste einige Hürden überwinden, angefangen mit dem Widerwillen seiner Eltern. „In ihren Köpfen galt es Arzt, Ingenieur oder Lehrer zu werden, wenn man Geld verdienen wollte“, erinnert sich Ledwaba. „Ein Beruf im Kunstbereich galt als verschwendete Lebenszeit und ein Künstler als jemand, der nichts zur Gesellschaft beitragen kann.“

Entscheidend für diese Einstellung sei die Politik seiner Heimat, allem voran Südafrikas rassistische Vergangenheit. „Während der Apartheid herrschte die Auffassung, dass Schwarze Menschen nichts tun durften, was sie über Weiße stellen würde. Klaviertechnik war davon nicht ausgenommen.“

Wertschätzung weitergeben. Schuld daran sei die „fehlende Wertschätzung“ für Instrumente. „In Südafrika herrscht Mangel an hochqualifizierten Instrumententechnikern.“ Das wurde ihm schmerzlich bewusst, als er seine Klarinette zur Reparatur schickte – und die Mechaniker das Instrument verloren.

Ledwaba will etwas verändern. So hofft der Musiklehrer und -techniker nicht nur, dass sein Erfolg andere Nachwuchstalente in Südafrika inspiriert. Er will sein Wissen in einer Ausbildungswerkstätte weitergeben.

Noch ist diese in Planung. Doch Ledwaba ist zuversichtlich, dass er Wandel anstoßen kann. Er will jungen Südafrikaner:innen beibringen, wie man Klaviere, Klarinetten und andere Instrumente stimmt und pflegt.

„In Südafrika haben wir viele Blasmusik-Gruppen mit mangelhaften, furchtbaren, undichten Instrumenten. Sie können wundervolle Musik machen. Doch dafür brauchen sie gut gestimmte Instrumente.“

Markus Schönherr ist freier Journalist in Pretoria und berichtet für deutschsprachige Medien aus dem südlichen Afrika.

Basic

Berichte aus aller Welt: Lesen Sie das Südwind-Magazin in Print und Online!

  • 6 Ausgaben pro Jahr als Print-Ausgabe und/oder E-Paper
  • 48 Seiten mit 12-seitigem Themenschwerpunkt pro Ausgabe
  • 12 x "Extrablatt" direkt in Ihr E-Mail-Postfach
  • voller Online-Zugang inkl. Archiv
ab € 25 /Jahr
Abo Abschließen
Förder

Mit einem Förder-Abo finanzieren Sie den ermäßigten Abo-Tarif und ermöglichen so den Zugang zum Südwind-Magazin für mehr Menschen.

Jedes Förder-Abo ist automatisch ein Kombi-Abo.

84 /Jahr
Abo Abschließen
Soli

Mit einem Solidaritäts-Abo unterstützen Sie unabhängigen Qualitätsjournalismus!

Jedes Soli-Abo ist automatisch ein Kombi-Abo.

168 /Jahr
Abo Abschließen