Aktienbetrug

Insiderhandel ist auf den weltweiten Wertpapiermärkten einfach der Normalzustand, meint New Internationalist Autorin Ellen Frank.

Von Ellen Frank
In den Zeiten des wilden, ungezügelten Kapitalismus war die Wall Street praktisch das Synonym für legalen Diebstahl. Aktienhandel war die Domäne kaltblütiger Insider. Die Wall Street war ein Ort, wo schlaue Füchse unbedarfte AnlegerInnen ausnahmen, indem sie falsche Informationen verbreiteten, Wertpapiere von Phantasieunternehmen emittierten und Schulden gegen Sicherheiten aufnahmen, die es gar nicht gab. Nach dem Börsenkrach von 1929 gründete der US-Kongress eine Börsenaufsichtsbehörde, die Securities and Exchange Commission (SEC), um für etwas Ordnung zu sorgen. Neue Gesetze in den 30er Jahren schrieben börsenotierten Unternehmen die Veröffentlichung geprüfter Jahresabschlüsse vor, verboten den Insiderhandel und zwangen die Banken, sich von ihrem Maklergeschäft zu trennen.
Danach ging es an der Wall Street etwas zivilisierter zu. Periodische Preismanipulationen und skandalöse Insidergeschäfte sorgten jedoch dafür, dass kleine AnlegerInnen vor Aktien zurückscheuten. In den 70er Jahren besaß nur eine von zehn US-Familien Aktien. Mitte der 80er Jahre jedoch wurden die „401 (k)“-Pensionspläne eingeführt. Beschäftigte können seither einen Teil ihres Gehalts einkommensteuerfrei an den Arbeitgeber abführen, der die Mittel in Aktien des Unternehmens, Investmentfonds oder andere Wertpapiere veranlagt. Gleichzeitig verloren die traditionellen, arbeitgeberfinanzierten Pensionen an Bedeutung, und die Konten erwiesen sich als probates Mittel, das finanzielle Risiko der Pensionierung von den Unternehmen auf die einzelnen Beschäftigten abzuwälzen. So landeten die Pensionsgelder der Hälfte der US-Bevölkerung in der Höhle des Löwen, der Wall Street.

Während diese Mittel in die Aktienmärkte strömten, verkündeten Kommentatoren eine neue Ära des „Volkskapitalismus“, in der Arbeiter-Aktionäre, gestützt auf Internet-Recherchen und Hausverstand, die Börsenprofis austricksen und einen ordentlichen Reibach machen würden. Investmentclubs schossen in jeder Kleinstadt wie Pilze aus dem Boden, und High Schools nahmen Börsenspiele in ihren Gemeinschaftskundeunterricht auf. Als die Spekulationsblase im Jahr 2000 platzte, stellte sich jedoch heraus, dass die Wall Street das Anlegerpublikum wieder reingelegt hatte. Während die US-AmerikanerInnen ihr Geld in die Aktienmärkte steckten, schaufelten es Insider wieder heraus, indem sie ihre eigenen Aktien noch rasch verkauften, bevor das bisher einmalige Ausmaß des Betrugs offensichtlich wurde und die Kurse stürzten.
Das funktionierte so: In den 90er Jahren begannen die Unternehmen, ihre Führungskräfte vermehrt mit Aktienoptionen anstatt mit Geld zu bezahlen. Diese Optionen repräsentierten das Recht, Aktien morgen, aber zum heutigen Preis zu kaufen. Wert waren sie nur etwas, wenn die Aktienkurse stiegen. Die Optionen betrafen oft Hunderttausende oder Millionen von Aktien, sodass Top-Manager bereits durch einen kleinen Kursgewinn enormen Reichtum anhäufen konnten. Ein kräftiger Anstieg konnte sie in die Fortune 400 (die 400 reichsten US-AmerikanerInnen, Anm. d. Red.) katapultieren. Da Aktienkurse in der Regel bei positiven Nachrichten über die Gewinnentwicklung steigen, versuchten Führungskräfte, den Markt mit einem stetigen Strom blendender Unternehmensnachrichten zu versorgen.

Einige Unternehmen wie Enron setzten dabei auf verschachtelte Finanzierungsverträge, um Aufwendungen und Verbindlichkeiten bei vorgeblich unabhängigen Gesellschaften unterzubringen, Umsätze und Aktiva aber in der eigenen Bilanz auszuweisen. Einige andere wie WorldCom begingen gewöhnliche Bilanzfälschung, indem sie laufende Aufwendungen als Investitionsausgaben auswiesen (die nur schrittweise in Abzug gebracht werden müssen) und so ihren Gewinn künstlich aufbliesen. Wieder andere wie Tyco steigerten ihren Gewinn, indem sie hunderte kleinere Firmen aufkauften. Unternehmen, die mit Strom- oder Breitband-Kapazitäten handelten, sprachen sich untereinander ab, um den Umsatz aus fingierten Geschäften in der jeweils eigenen Bilanz zu verbuchen; wieder andere wiesen den Gesamtbetrag der Einkünfte aus einem mehrjährigen Vertrag im Jahr des Vertragsabschlusses aus. Top-Manager veröffentlichten ehrgeizige Gewinnprognosen, manipulierten die Bilanz und gaben dann triumphierend bekannt, die Erwartungen übertroffen zu haben. Die Aktienkurse schnellten in die Höhe, und die Optionen wurden ausgeübt.
In einer Studie schätzten das Wall Street Journal und Thompson Financial Analysts, dass die Top-Manager der Telekom-Branche zwischen 1997 und 2002 mit Aktienverkäufen die gewaltige Summe von 14,2 Mrd. US-Dollar lukriert hatten. „Alles in allem handelt es sich um einen der größten Vermögenstransfers zwischen Investoren – kleinen und großen – in der amerikanischen Geschichte“, schrieb Dennis Berman vom Wall Street Journal. Heute steckt die Branche in der Krise: 60 Firmen gingen in Konkurs, 500.000 Menschen verloren ihre Arbeit.

Fortune Magazine analysierte 1.035 Unternehmen, deren Aktien zwischen 2000 und 2002 mindestens 75 Prozent ihres Werts verloren hatten. Das Ergebnis: Mitglieder der leitenden Organe der 1.035 Unternehmen hatten im selben Zeitraum rund 66 Mrd. Dollar verdient. Medienberichte enthüllten Dutzende Geschäfte, die auch alten Freunden in der Politik außerordentliche Gewinne eintrugen. Terry McAuliffe, Vorsitzender des Democratic National Committee (des führenden Gremiums der Demokratischen Partei), investierte 100.000 Dollar in Global Crossing, um ein paar Jahre später 18 Mio. Dollar einzusacken – eine sagenhafte Rendite von 17.900 Prozent. Vizepräsident Dick Cheney verdiente im Jahr 2000 36 Mio. Dollar mit dem Verkauf von Aktien der Halliburton Corporation. Zuvor, in der Zeit Cheneys als Chef von Halliburton, hatte der Konzern seine Bilanzierungspraxis geändert, um zweifelhafte Forderungen aus großen Bauprojekten im Wert von mehr als 100 Mio. Dollar als Erlöse ausweisen zu können, wie eine Untersuchung der SEC ergab.
Der Wirtschaftshistoriker Robert Brenner verweist darauf, dass die Aktienkurse auch durch den Rückkauf eigener ausstehender Aktien mit Eigenmitteln oder Fremdkapital hoch gehalten wurden. Allein zwischen 1995 und 2000 wurden mehr als 1.000 Mrd. Dollar ausgegeben, um jene Aktien vom Markt zu nehmen, die den Führungskräften über Aktienoptionen ausgehändigt wurden.
Die Konzernchefs und ihre Busenfreunde hätten derartige Betrügereien nicht ohne Hilfe ihrer Geldgeber und Wirtschaftsprüfer abwickeln können, die sie zu bewerten bzw. zu prüfen haben. Arthur Andersen, eine der fünf großen Wirtschaftsprüfungsfirmen der Welt, gab ihr Placet zur Bilanz von Enron im Austausch gegen lukrative Beratungsverträge. Als MitarbeiterInnen des Andersen-Büros in Houston dabei erwischt wurden, wie sie Enron-Unterlagen in den Papierwolf warfen, klagte die Staatsanwaltschaft das Unternehmen wegen Betrugs, und Arthur Anderson wurde schließlich aufgelöst. Bei Anhörungen im Kongress kam heraus, dass Merrill, Citigroup und andere führende Banken jene Firmenverträge mit aufgesetzt hatten, die dazu verwendet wurden, Geld von Enron abzuzweigen, und sich auch daran beteiligt und davon profitiert hatten.

Als sich die Lage der High-Tech-Branche verschlechterte, empfahlen angeblich unabhängige AnalystInnen von führenden Investmentfirmen wie Morgan Stanley, Salomon Smith Barney und Merrill Lynch leichtgläubigen AnlegerInnen weiterhin den Kauf dieser Aktien. Jede vernünftige Analyse musste nahelegen, dass der „Bullenmarkt“ vorbei war und die Kurse ihren Höhepunkt erreicht hatten. Bereits mehrfach war von Bilanzfälschung die Rede, und doch empfahl nur ein Prozent der Analystenberichte, aus den Aktien auszusteigen. Wall Street Insider erklärten diese positive Einschätzung mit dem von den neuen Technologien verursachten Optimismus. Doch bei Ermittlungen der Staatsanwaltschaft des Bundesstaats New York fanden sich interne E-Mails, in denen Merrill- und Salomon-MitarbeiterInnen die Aktien, die sie dem Publikum aufschwatzten, privat als „Mist“ oder „Schrott“ abqualifizierten. Große Investmentfirmen „umwarben routinemäßig Analysten mit Verträgen im Wert von mehreren Millionen Dollar“ auf Basis ihrer Fähigkeit, gerade aus jenen Firmen, die sie analysieren sollten, Honorare für Investment Banking herauszuholen, schrieb das Wall Street Journal. Enron allein bezahlte 323 Mio. Dollar an Honoraren an die Wall-Street-Firmen und wurde überall als ausgezeichnete Aktie gepriesen.
Im Gefolge des Skandals versprachen US-PolitikerInnen, unrechtmäßiges Handeln zu bestrafen und das „Anlegervertrauen“ wiederherzustellen. Aber nur wenige der jüngsten Betrügereien verstießen gegen Gesetze. Finanzmärkte sind eine Domäne von Insidern und werden es wahrscheinlich immer bleiben. Bilanzposten wie Gewinne, Umsätze und Aufwendungen sind äußerst elastisch. Man kann sie einfach durch kreative Bilanzierungstechniken manipulieren.
Solide Information über die Finanzen eines Unternehmens ist die Domäne der leitenden ManagerInnen und jener Anwalts-, Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsfirmen, denen sie vertrauen, der Investment Banker, die sie beraten, und der PolitikerInnen, von denen sie hofiert werden. Insider haben immer einen Anreiz und eine Fülle von Möglichkeiten, am Rande des Gesetzes dahinzuschlittern. Sie vertrauen darauf, dass nicht sie untergehen werden, sondern der Pöbel, der ihnen nacheifert.

In der New York Times nahm der Finanzjournalist Michael Lewis die Gier des Anlegerpublikums aufs Korn. Wie sollte sonst die Leichtgläubigkeit der Leute erklärt werden, fragt sich Lewis, als der Wert der Aktien sich verdoppelte, verdreifachte oder verfünffachte? Was sonst ist für die astronomischen Bewertungen verantwortlich, die von neu gegründeten „dot.coms“ (Internetfirmen; Anm. d. Red.) ohne Gewinne oder sogar ohne Umsätze erreicht wurden? Sicher, AnalystInnen der Wall Street und Fernsehgurus bewarben Aktien schamlos, doch die Bevölkerung war einfach begierig, sie zu kaufen. Doch Lewis übersieht einen wichtigen Punkt. Es handelt sich nicht nur um eine Fabel über rücksichtslosen Betrug und gierige Opfer. Millionen kleiner SparerInnen, die teuer gekauft hatten, wurden dank ihrer Arbeitgeber und einem gänzlich ungeeigneten Pensionssystem ausgenommen wie Weihnachtsgänse.
Ein Beispiel ist Enron. Auf Fernsehschirmen in den Aufzügen im Houstoner Hauptsitz von Enron lief permanent der Kanal CNBC, der den Aktienkurs des Unternehmens mitverfolgte und generell Aktien abfeierte. Aufgrund dieser stets aktuellen Börsenberichte fühlten sich die Beschäftigten von Enron – 60 Prozent ihrer Pensionsgelder waren in Enron-Aktien veranlagt – ziemlich wohlhabend. Aber es stand ihnen nicht frei, die Aktien zu verkaufen. Einen Monat vor dem Konkursantrag sperrten die für die Verwaltung der Pensionsgelder verantwortlichen Manager die Pensionskonten der Beschäftigten. Währenddessen warfen die Oberbosse von Enron ihre persönlichen Aktien und Optionen auf den Markt und kassierten 1,2 Mrd. Dollar – fast exakt den Betrag, den die Beschäftigten verloren. Sicher: Dass das Mängelrisiko beim Käufer liegt, war immer schon der vernünftigste Hinweis für KleinanlegerInnen. Aber das ist kein Grundsatz, auf dem ein zivilisiertes Land ein nationales Pensionssystem aufbaut.


copyright New Internationalist

Ellen Frank lehrt und schreibt über Volkswirtschaft in Boston. Sie arbeitet an einem Buch über das Finanzsystem der USA.

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