Alice im Todestal

In Haiti wütet – scheinbar unbemerkt von der Weltöffentlichkeit – eine der schlimmsten Choleraepidemien der jüngeren Geschichte. Andreas Boueke besuchte das gebeutelte Land.

Wenig Hoffnung auf eine bessere Zukunft: Trotzdem bleibt Alice gelassen und will einfach im Jetzt leben.© Andreas Boueke

Vier junge Männer hocken im Schatten einer schwarzen Plastikplane und spielen Domino im Staub eines Hügels oberhalb von Anse-à-Pitres, einem verarmten Zwanzigtausend-Seelen-Ort an der Südküste Haitis. Keiner von ihnen hat Arbeit. Ein Mädchen kommt vorbei. Einer der Männer kommentiert ihre hübschen Beine.

Die sechzehnjährige Alice ist auf dem Weg zum Wasserholen. „Mein Großvater konnte sich noch an die Zeit erinnern, als es hier Quellen gab, Wälder und Äcker“, erzählt Alice. „Heute gibt es keine Bäume mehr, das Wasser ist versiegt und der fruchtbare Boden weggespült.“

Todesquelle Wasserstelle. Internationale Umweltorganisationen schätzen, dass seit der Kolonialzeit 98 Prozent des ursprünglichen Waldbestands Haitis abgeholzt wurden. Deshalb ist der Niederschlag so gering und Alice muss lange über ausgetretene Pfade bis zu einer Stelle gehen, an der Wasser aus einem faustdicken Plastikrohr fließt. Ein Ingenieursteam der Europäischen Union hat das Rohr vor drei Jahren verlegt. Das Wasser kommt aus einem mehrere Kilometer entfernten Flussabschnitt. Ein Filtersystem war nicht Teil des Projekts, obwohl das Wasser aus demselben verseuchten Fluss stammt, der an Anse-á-Pitre vorbeifließt, dem Pedernales. Sein Wasser bringt den Menschen nicht nur Leben, sondern auch Tod. Es hat den Choleraerreger in die Küstenregion um den Ort Anse-à-Pitres gespült.

Bis zum Jänner 2010 gab es in Haiti keine Cholera. Dann kam das desaströse Erdbeben mit mindestens 250.000 Toten, von dem sich das Land immer noch nicht erholt hat. Im Zuge der Katastrophenhilfe haben nepalesische Soldaten der Vereinten Nationen ihre verseuchten Latrinen in die Flüsse entleert. Seither haben sich rund eine Million Menschen mit Cholera infiziert. Mindestens zehntausend sind daran gestorben.

Die Wasserstelle ist ein sozialer Treffpunkt. Alle Kinder, Frauen und Männer, die hier warten, kennen das Gerücht, dass das Wasser aus dem weißen Rohr mit gefährlichen Bakterien verseucht ist. Doch was bleibt ihnen anderes übrig als zu hoffen, dass es zumindest etwas gesünder ist als das Wasser aus dem Fluss, in dem sie baden und ihre Wäsche waschen?

Von der Welt vergessen. Oberhalb der Wasserstelle leiten die BewohnerInnen hunderter Siedlungen ihren Unrat in den Pedernales. Eigentlich müsste sich die Präventionsabteilung des haitianischen Gesundheitsministeriums um das Problem kümmern, doch der zuständige Repräsentant in der Region zeigt wenig Interesse. Doktor Pierre-Fils Lamartine, Direktor der staatlichen Gesundheitsstation in Anse-à-Pitres, wiegelt ab: „Es stimmt schon, dass wir viele Patienten mit akuter Diarrhöe haben. Aber nicht alle sind an Cholera erkrankt. In einigen Fällen führen wir einen Schnelltest durch. Das Ergebnis ist oft positiv. Aber die Aussagekraft dieser Tests ist nicht wirklich zuverlässig.“

Die zuständigen RegierungsbeamtInnen tun viel zu wenig und die internationalen Organisationen übernehmen keine Verantwortung. Mehrmals am Tag fahren Lastwagen mit Ausrüstung der Vereinten Nationen oder des Roten Kreuzes durch die Gegend. Doch abgesehen vom Staub, den die UNO-Laster aufwirbeln, sehen Menschen wie Alice kein Ergebnis.

Das Mädchen hat seinen Eimer gefüllt. Nach ihr ist ein sehr schmutziger Mann an der Reihe. Er wäscht sich und klagt: „Unser Elend interessiert niemanden. Es bringt uns den Tod. In Wirklichkeit sterben wir an Hunger. Die haitianische Regierung hat gesagt, sie würde unser Problem lösen, aber nichts ist passiert. Wir alle werden sterben, denn hier gibt es nichts mehr, das uns am Leben hält. Nicht einmal ein paar Kräuter oder Bananenstauden.“

Der Mann heißt Oscar. Er hat den Tag über Holzkohle produziert. Jetzt hält er einen kleinen Plastiksack voll Reis in der Hand. „Die habe ich heute gegen eine Fuhre Holzkohle eingetauscht. Zuhause warten sechs Kinder. Dieser Reis ist unsere Tagesration. Sonst haben wir nichts zu essen.“

Wurzeln zu Holzkohle. Auf einem nahegelegenen Hang graben einige Männer weitere Löcher, um Baumwurzeln aus der Erde zu holen und sie zu Holzkohle zu verarbeiten. François, ein dürrer Mann, ist sich bewusst, dass seine Arbeit dem geschundenen Ökosystem weiteren Schaden zufügt. „Aber was sollen wir machen?“, fragt er. „Ich würde viel lieber etwas pflanzen. Aber hier wächst nichts mehr. Uns bleibt nichts anderes übrig, als Holzkohle zu produzieren.“

Es gab eine Zeit, da war Haiti mit seinen boomenden Zuckerplantagen die reichste Kolonie Frankreichs. Heute ist es das ärmste und am meisten entwaldete Land des amerikanischen Kontinents. Seine Geschichte ist geprägt von Menschen afrikanischer Herkunft, die unter der heißen Sonne der Karibik den Boden bearbeiten. Es ist das einzige Land der Welt, in dem es den SklavInnen gelang, ihre Peiniger zu entmachten und einen eigenen Staat zu gründen. Doch die ehemaligen Kolonisatoren haben die fragile Nation gnadenlos ausgebeutet, oft zusammen mit der eigenen korrupten Regierung. Zudem sind die HaitianerInnen immer wieder tropischen Stürmen und Erdbeben ausgesetzt. Haiti hat seit dem Sklavenaufstand Ende des achtzehnten Jahrhunderts nie die Chance bekommen, eine eigenständige Volkswirtschaft zu entwickeln.

Ungewissheit. Alice trägt ihren vollen Eimer zurück ins Lager, ohne zu wissen, ob das Wasser choleraverseucht ist oder nicht. Sie stellt den Eimer in einen Wellblechverschlag. Es ist die Küche ihrer Familie. Ein paar Schritte dahinter befindet sich ein weiterer kleiner Raum. Alice öffnet die Tür. „Dies ist unsere Toilette. Sie ist nicht schön. Wir haben kein Wasser. Deshalb riecht es auch so. Aber wir tun unser Bestes, um alles sauber zu halten.“

Vielleicht kommt eines Tages eine kompetente Organisation und nimmt sich der Situation im Tal an. Falls nicht, geht es so weiter wie bisher: Die Menschen sterben an Hunger und Cholera. Alice nimmt es gelassen: „Über die Zukunft kann ich nichts sagen. Nur über das Jetzt. Wer weiß schon, was morgen wird?“

Andreas Boueke stammt aus Deutschland und lebt seit 15 Jahren als freier Journalist und Buchautor in Guatemala.

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