Alles für Europa

In Fußballakademien in Ghana träumen junge Burschen vom Sprung in den europäischen Profifußball. Die Konzepte der Ausbildungseinrichtungen gehen oft nicht auf.

Von Martin Kainz
Testspieler der Akademie des holländischen Vereins Feyenoord Rotterdam warten auf ihre Chance.

Einmal entscheidende Tore für den FC Barcelona schießen wie einst der Kameruner Samuel Eto’o. Einmal die gesamteuropäische Champions League, die bedeutendste Liga der Welt, gewinnen wie der Ivorer Didier Drogba. Unzählige junge afrikanische Burschen haben diese Träume. Afrikanische Fußballstars wie Drogba und Eto’o sind Vorbilder, Beispiele dafür, dass jeder es schaffen kann, auch ohne Geld oder Ausbildung. Wer gut im Fußball ist, kann ein Held werden. Dort, in Europa, wo die Fußballvereine schier unendlich viel Geld haben und tausende Menschen ins Stadion sowie Millionen vor die Fernsehapparate locken können.

„Alles was ich mache, mache ich, um in Europa zu spielen. Das ist mein Ziel, mein Ein und Alles. Ich kann an nichts anderes denken.” Der junge Spieler, der das sagte, war Spieler in der Red Bull-Fußballakademie in Ghana. Er setzte all seine Hoffnungen auf die Akademie. Sie hätte das Sprungbrett nach Europa sein können.

Europäische Fußballvereine, die in Afrika Fußball-Akademien eröffnen, suchen nach Talenten, nach den Stars von morgen. Nach Achtungserfolgen bei Weltmeisterschaften bzw. nach Erfolgen afrikanischer Nationalmannschaften bei Nachwuchs-Weltmeisterschaften wurden Spieler aus Ghana, Nigeria oder Elfenbeinküste für europäische Spielervermittler zunehmend interessanter.

Zusätzlich kam es in Folge des so genannten Bosman-Urteils von 1995 zu einer Liberalisierung des Arbeitsmarktes im Profi-Fußballsport: Die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes brachte die davor bestehenden Restriktionen für AusländerInnen zu Fall. Länderübergreifende Transfers von Fußballern wurden erheblich vereinfacht, die Zahl afrikanischer Spieler in den Kadern europäischer Vereine stieg stark an. Nicht zuletzt, weil es sich oftmals um minderjährige und vergleichsweise billig zu erwerbende Spieler handelte.

Die europäischen Vereine versuchen mittels der Akademien, Spieler in möglichst jungen Jahren an den Verein zu binden. Sie werden entsprechend der jeweiligen Vereinsphilosophie ausgebildet, um sie – im Idealfall – in den europäischen Fußballmarkt zu integrieren. Um einen Exodus minderjähriger Spieler zu verhindern, führte die FIFA im Jahr 2001 eine Regel ein, die es Spielern erst ab dem vollendeten 19. Lebensjahr erlaubt, ohne ihre Eltern ins Ausland zu wechseln. 

Bereits 1999 errichteten die europäischen Topklubs Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam aus den Niederlanden Akademien in Ghana. 2007 folgte Red Bull. Der internationale Konzern mit Firmensitz in Salzburg besitzt mehrere Fußballvereine weltweit, darunter den FC Red Bull Salzburg.

Sogakope ist eine Kleinstadt mit 7.300 EinwohnerInnen im Südosten Ghanas. Am nördlichen Rand der Stadt führt eine holprige Lehmstraße entlang des Volta-Flusses zur Fußball-Akademie von Red Bull. Das Areal, etwa 25 Minuten Autofahrt von Sogakope entfernt, wirkt wie ein Fremdkörper in der karg bewachsenen Landschaft: umringt von vereinzelten Hütten und Wegkreuzungen zu umliegenden Dörfern. Abgelegenes Terrain ist nicht ungewöhnlich für Leistungssporteinrichtungen in Westafrika. Heißt es doch, dass man so ungestörter arbeiten könne, die Jugendlichen weniger abgelenkt seien.

Die Red Bull Soccer Academy West Africa wurde Ende 2007 gegründet und im Vorjahr bereits wieder geschlossen. Das Gelände umgibt ein durchgehender, etwa zwei Meter hoher Zaun. In aktiven Zeiten wartete an der Pforte ein Wachmann. Innerhalb des Akademiegeländes befanden sich Trainingsplätze, eine Tribüne, die Wohnbereiche der Trainer, Manager und Spieler sowie ein Schulkomplex – hochwertige Infrastruktur. Unter der Woche wurde hier trainiert und gelernt. An den Wochenenden gingen Spieler und Ausbildner ins nächstgelegene Dorf zum Friseur oder zum Kleinwarenladen oder fuhren nach ­Sogakope. Unter der Woche verfolgten die ghanaischen Nachwuchshoffnungen im Fernsehen mit großer Begeisterung die Spiele der großen Idole in den europäischen Fußballligen. „Wenn wir hart arbeiten und unser Ziel konsequent verfolgen, können wir es schaffen“, so ein 14-jähriger Spieler der Akademie damals.

Doch in Sogakope hat es sich mittlerweile ausgeträumt. Die Bilanz nach der Schließung der Akademie Red Bulls im Sommer 2013 war mager: Mit Felix Adjei war lediglich ein Spieler der Akademie zu einem Red Bull-Team in Europa gewechselt, und zwar zur zweiten Mannschaft von Red Bull Salzburg. Ursprünglich hatte sich das Unternehmen erwartet, dass man bereits nach einem Jahr des Bestehens den ersten Spieler in den Fußball-Nachwuchs Salzburgs holen könne. Jährlich sollten weitere Spieler folgen.

Laut Gerard Houllier wurden Fehler gemacht. Der Franzose ist seit 2012 Sportdirektor des Fußballbereichs des Red Bull-Konzerns. Ein Problem sei gewesen, so Houllier, dass die Akademie zu weit weg von einer größeren Stadt war.

Zudem sei der große Konkurrenzkampf unter den Akademien in Ghana ein Grund für die Schließung gewesen, so die Pressestelle von FC Red Bull Salzburg gegenüber dem „Südwind-Magazin“. 

Die Zahl der Fußballer, die in der Akademie von Red Bull in Ghana lebten, lag konstant zwischen 60 und 70 – mit hoher Fluktuation. Oft mussten alteingesessene Spieler neuen weichen. Eine Garantie auf einen längeren Verbleib gab es nicht. Es kam zu Konkurrenzsituationen: „Teilweise ist der Druck zu hoch“, klagte etwa ein Jungfußballer aus dem Team der Unter-17-Jährigen. Von der Taktik bis zu Anweisungen zum Passspiel, wie verteidigt werden soll – alles wurde ganz genau vorgegeben. „In meinem vorigen Team konnte ich spielen, wie ich wollte. Hier muss ich spielen, wie Red Bull es will.“

Nach Schließung der Akademie unterstützte Red Bull laut eigenen Aussagen die Spieler „im Rahmen der Möglichkeiten“ bei der Suche nach neuen Klubs. Ein paar wenige schafften den Sprung nach Europa. Der Durchbruch gelang allerdings keinem von ihnen. Andere fanden Klubs in der ersten Liga Ghanas. Die meisten gingen zu ghanaischen Unterklasse-Vereinen oder sind nach wie vor auf der Suche.

Viele Jugendliche in Ghana wechseln von Akademie zu Akademie, in der Hoffnung, den Sprung nach Europa zu schaffen. Meist sind es Eltern, Verwandte oder ehemalige Jugendtrainer und Sportlehrer, die als Manager fungieren. Und dabei auch mit Tricks arbeiten: Nicht selten wird etwa das Alter der Spieler nach unten korrigiert. Denn jüngere Spieler mit einer vermeintlich fortgeschrittenen körperlichen Entwicklung fallen eher auf. Um dem entgegenzuwirken, prüfen die Akademien die Geburtsurkunden, stellen Nachforschungen an den Schulen der Jugendlichen an. Zudem wird auch Handwurzelröntgen zur Einschätzung des biologischen Alters angewendet – eine höchst fehleranfällige Methode.

Für das Areal der ehemaligen Red Bull-Akademie in Ghana werden noch Käufer gesucht. Auch Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam brachen nach ähnlich erfolglosen Jahren ihre Zelte in Westafrika ab. Der damalige ghanaische Sportdirektor der Feyenoord Akademie in Ghana, Sam Arday, schätzt die Zahl der Fußballer, die zwischen 1999 und 2010 in der Akademie der Niederländer getestet wurden, auf 4.500. Die meisten von ihnen entdeckte Feyenoord bei landesweiten Turnieren oder bei regionalen Schulmeisterschaften.

Doch immer noch gibt es laut ExpertInnen hunderte Akademien allein in Ghana. Eine genaue Zahl zu eruieren ist schwierig. Unter den Ausbildungseinrichtungen, die untereinander in Konkurrenz stehen, gibt es auch unseriöse. Diese bieten keine adäquaten Fußballplätze, dafür Baracken mit Massenschlafplätzen und eine schlechte Ausbildung. Es gibt allerdings auch funktionierende Modelle. Etwa die „Right to Dream Academy“. Die europäischen Besitzer kooperieren zwar auch mit europäischen Fußballvereinen. Aber die Akademie bindet ebenso lokale Expertise ein. Schulische und sportliche Bildung sind gleich wichtig. Mehrere Jugendliche der „Right to Dream Academy“ erhielten bereits langfristige Stipendien für englische und nordamerikanische Schulen. Zumindest im Bereich Bildung ein Erfolg. 

Martin Kainz besuchte 2010 die Red Bull Soccer Academy West Africa und blieb seitdem mit jungen Spielern in Kontakt. Sein Buch „Red Bull Ghana. Eine Akademie auf verlorenem Boden“ erscheint demnächst im LIT-Verlag.

Kainz brillierte bei überschaubaren Kurzeinsätzen in der Schülerliga und ist seither passiv sehr aktiv am Fußballgeschehen interessiert.

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