Alles nur geklaut!

Von Stefan Brocza ·
Benin-Bronzen
Über die Benin-Bronzen, hier im British Museum, wird seit Jahrzehnten gestritten. Manche Objekte sind 500 Jahre alt. © Carla_R1 / CC BY-NC-SA 2.0

In die Diskussion um die Rückgabe von Raubkunst kommt Bewegung. In Frankreich und Deutschland werden dazu die politischen Weichen gestellt. Bald auch in Österreich?

Er wollte nicht noch länger warten. Aus Protest gegen den Raub afrikanischer Kunstschätze nahm Emery Mwazulu Diyabanza die Forderungen nach Restitution in die eigene Hand. Im Sommer 2020 entwendete der kongolesische Aktivist ein westafrikanisches Kultobjekt aus dem Pariser Musée du Quai Branly. Er filmte seine Aktion und verbreitete die Aufnahme über Social Media. „Wir bringen es nach Hause“, lautete seine Videobotschaft.

Die Debatten um Restitution sind nicht neu. Seit über 60 Jahren fordern afrikanische Staaten Kunstwerke zurück, die während der Kolonialzeit gestohlen wurden. Genauso lange haben sich Museen in Europa dagegen gesträubt.

Jetzt könnte die Diskussion auch in Österreich in Gang kommen. Neuen Schwung erhält sie durch Jonathan Fine, mit 1. Juli neuer Direktor des Weltmuseums in Wien. Der Spezialist in Provenienzforschung war zuvor in Berlin als Kurator für die Sammlungen aus Westafrika, Kamerun, Gabun und Namibia zuständig.

Plünderung Afrikas. Im Jahr 1897 fielen britische Soldaten im Zuge einer sogenannten Strafexpedition gegen das damalige Königreich Benin, im heutigen Nigeria gelegen, in die Stadt Benin ein. Sie zündeten die Häuser an und raubten Tausende von kunstvoll gefertigten Skulpturen aus Elfenbein, Messing und Bronze aus dem dortigen Königspalast.

Bereits kurz danach forderte das damalige Königreich Benin die Bronzen zurück. Und seit über 60 Jahren kämpft Nigeria darum, die Kunstwerke und andere Objekte aus kolonialen Kontexten zurückzubekommen. Bislang vergebens.

Die erbeuteten Kunstgegenstände landeten kurze Zeit später im British Museum und auf öffentlichen Auktionen, über die sie ihren Weg in europäische Museen fanden – so auch nach Berlin ins Völkerkundemuseum oder in das damalige Hofmuseum nach Wien. Expert*innen schätzen, dass bis zu 10.000 Objekte in über 160 Museen und diversen Privatsammlungen verteilt sind.

Rassistischer Blick. Die kunstvollen Benin-Bronzen stehen exemplarisch für das weite Thema kolonialer Raubkunst. Zum einen gehören sie vermutlich zu den ersten afrikanischen Objekten, die in Europa als Kunst anerkannt wurden. Zum anderen wurden sie ikonisch für das Thema kolonialer Beutekunst.

Denn zu ihnen hatte es schon früh klare und deutliche Rückgabeforderungen gegeben. Konkret geschehen ist dazu über die Jahrzehnte nichts.

Das ändert sich jetzt. Deutschland bahnt einen Weg für die Rückgabe der im Land verwahrten Benin-Bronzen an Nigeria. Und Institutionen in anderen europäischen Ländern dürften folgen.

Einige werden dies bereitwillig und schon bald tun. Andere stemmen sich noch dagegen. Sie werden die Skulpturen nur widerstrebend, unter viel Druck und nach zahlreichen Verzögerungsmanövern zurückgeben.

Koloniales Erbe. Dynamik erhielt das Thema durch den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, der 2017 in einer Rede in Burkina Faso versprach, das in Frankreich befindliche afrikanische Kulturerbe dauerhaft an Afrika zurückzugeben.

Felwine Sarr und Bénédicte Savoy
Felwine Sarr und Bénédicte Savoy setzen sich für die Rückgabe afrikanischer Kulturgüter ein und haben dazu mehrere Bücher veröffentlicht. © Alain Jocard / AFP / picturedesk.com

Zusätzliche Bewegung entstand, als Macron mit dem senegalesischen Wirtschaftswissenschaftler und Künstler Felwine Sarr und der in Berlin lehrenden Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy keine Regierungskommission, keine Museumsleute, sondern zwei Intellektuelle und Wissenschaftler*innen mit einem Bericht über das in Frankreich verwahrte Raubgut und die Möglichkeiten seiner Rückgabe betraute.

Der von Sarr und Savoy im November 2018 vorgelegte Bericht ließ jedenfalls an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Nach Einschätzung der beiden befinden sich 95 Prozent aller afrikanischen Kulturobjekte aus der Kolonialzeit in Europa und den USA. Einzelne Museen horten enorme Mengen, die niemals ausgestellt wurden.

Nicht nur die Umstände des Erwerbs seien moralisch fragwürdig, so Sarr und Savoy. Auch die Tatsache, dass in Afrika selbst nur Bruchteile solcher Sammlungen vorhanden sind, führt dazu, dass Afrikaner*innen ihre eigene Kultur und Geschichte nur in den Museen des Globalen Nordens bestaunen und studieren könnten.

Neue Vision. Im Rahmen der über zehn Jahre bestehenden Benin Dialogue Group arbeiten Museen aus Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Österreich und Schweden mit nigerianischen Partner*innen und Vertreter*innen des Königshofs von Benin zusammen. Als Teil der Ergebnisse dieser Arbeit wurde ein Statement verfasst: „Die Vision ist es, ein neues königliches Museum zu errichten, um in Benin City die bedeutendsten historischen Artefakte Benins wieder zu vereinen, die derzeit an verschiedenen Orten auf der ganzen Welt bewahrt werden.“

Auf tatsächliche Rückgaben angesprochen, hält sich das Weltmuseum im Mai 2021 gegenüber dem Südwind-Magazin bedeckt: „Das Museum selbst ist nicht befugt, Objekte in seinen Sammlungen zurückzugeben. Diese Entscheidungen werden von Behörden des Bundes in Absprache mit dem Museum getroffen.“

Bei 196 Objekten des Wiener Weltmuseums geht man jedenfalls von einem Bezug zur kolonialen Strafexpedition der britischen Kolonialmacht von 1897 aus. Eindeutig nachgewiesen ist er vorerst jedoch nur für 13 Benin-Objekte.

Auch wenn Wien zahlenmäßig damit wohl nur am Rande von der aktuellen Entwicklung rund um die Benin-Bronzen betroffen scheint, inhaltlich rückt das Museum künftig sehr wohl ins Scheinwerferlicht der Diskussion. Schließlich hat der neue Leiter Fine bereits verlauten lassen, dass es für Museen wichtig sei, sich damit auseinanderzusetzen, „und zwar nicht nur auf Ebene der Rhetorik oder des Verschiebens von ein paar Etiketten“.

Stefan Brocza ist Experte für Europarecht und internationale Beziehungen.

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