Alles Wandel

Es ist ja in unseren Tagen immer wieder von einem Wandel die Rede. Damit ist nicht der normale Lauf der Dinge gemeint – die Alten sterben, die Jungen werden alt und so weiter –, sondern eine grundsätzliche Veränderung der Gesellschaft. Das Thema interessiert mich, weil ich immer den Eindruck habe, dass das, was derzeit unter dem Motto „normal“ herumläuft, sowieso aus einer Anstalt entflohen ist. Das Normale hat sich gut verkleidet, es trägt tolle Anzüge, hat eine verdammt gute PR-Strategie, aber ehrlich gesagt: Ich trau ihm nicht. Diese Rastlosigkeit, die unsere Gesellschaft auszeichnet, verbunden mit einer enormen Materialschlacht, von der sich wahrscheinlich die nächsten 30 Generationen nicht erholen werden, erscheint von außen betrachtet so sinnvoll wie das Betonieren eines Ziergartens. Viel Arbeit mit dem Endergebnis: schiach.

Also ging ich zu einem kleinen, feinen Vorbereitungstreffen für eine Veranstaltung mit dem Titel „Der Wandel passiert. Auch in Unterhöflein“. Bei dem Vorbereitungstreffen gestalteten etwa sieben Leute unter findiger Moderation einer Trainerin ein Plakat zum Thema: Wo finden wir Spuren des Wandels? Ich war dann ganz erstaunt über die Berichte der Einzelnen. Jemand erzählte von einem Artikel, den er gelesen hat: Auch die Mafia ist drauf und dran, bei Schutzgelderpressungen in Zukunft Umweltschutzpapier zu verwenden. Eine junge Frau berichtete, dass in ihrem Ort das Maibaumkraxeln in ein Windrad-Besteigen umgeändert wird. Die Volkstanzgruppe hat schon einen Tanz entwickelt. Den Schützen muss nur noch beigebracht werden, dass die Windräder keine Zielscheiben sind.

Aber sonst tut sich da sehr viel! Ein junger Mann sagte, dass er innerhalb seiner politischen Partei eine Initiative entwickelt hat: Menschenrechte für Fußgänger. Das Unglaubliche: Der Antrag sei fast durchgegangen! Eine ältere Dame brachte sich dann noch mit einem Beispiel aus ihrem Firmenalltag ein. Nach einem zweijährigen „Change-Prozess“ ist auch dort ein Wandel passiert. MitarbeiterInnen, die Fragen haben, dürfen diese jetzt stellen! Spuren des Wandels wohin man blickt! Die Gruppe zeigte sich über die Ergebnisse hocherfreut und war voll motiviert. Was mich dann allerdings etwas nachdenklich stimmte war, dass jemand meinte: „Alles passt. Jetzt können die Außerirdischen kommen!“ Ich war mir nämlich nicht sicher, ob das ironisch gemeint war.

Georg Bauernfeind ist Kabarettist und Publizist in Wien. Programm und Termine auf www.georg-bauernfeind.at

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