Als Menschenrechte noch ein Thema waren

Vor 60 Jahren betraten die (neuen) Staaten Afrikas und Asiens selbstbewusst die Bühne der Weltpolitik. Wenig blieb vom Gründungsmythos der „Dritten Welt“.

Von Stefan Brocza

Die Konferenz von Bandung? Heute allenfalls noch in einschlägigen Nachschlagewerken vertreten, war das Treffen damals – im April 1955 auf der indonesischen Insel Java – ein bahnbrechendes Ereignis. „Die erste interkontinentale Konferenz farbiger Völker in der Geschichte der Menschheit“, wie Gastgeber Sukarno, der Präsident Indonesiens, in seiner Eröffnungsrede sagte, gilt als Endpunkt der europäischen Kolonialzeit und Geburtsstunde der Dritten Welt.

Über tausend VertreterInnen aus 29 Ländern und 30 Befreiungsbewegungen repräsentierten 57 Prozent (1,4 Milliarden Menschen) der damaligen Weltbevölkerung. Sie verfügten über 11,2 Prozent des Welteinkommens und 17 von 60 UNO-Sitzen. Ihr zentrales Anliegen: Eine neutrale Position bei der Blockbildung im Kalten Krieg.

Bewegung der Blockfreien. Die Zehn Punkte von Bandung beinhalteten Aufrufe zur Respektierung der Menschenrechte und der Charta der Vereinten Nationen sowie zur nationalen Souveränität, zum Frieden, zur Zusammenarbeit und zum Ende des Systems des Rassismus, der als Rechtfertigung von Unterdrückung gedient hatte. Wichtiger Bestandteil war auch die Forderung nach „Verzicht auf die Nutzung von Übereinkommen der kollektiven Verteidigung, die jedwedem bestimmten Interesse der Großmächte dienen“. Aus diesem Geist heraus entstand kurz darauf auch die Bewegung der Blockfreien (die noch heute existiert). Ab den 1960ern wurde die Deutung von Blockfreiheit allerdings fast beliebig und schloss auch eine enge Anlehnung an einen der beiden Blöcke des Kalten Kriegs nicht aus.

Zum 60. Jahrestag lud Indonesien im April 109 Länder zum Thema „Stärkung der Süd-Süd Kooperation zur Verbreitung des Weltfriedens und des Wohlstandes“ nach Jakarta und Bandung. Das Treffen verkam zu einer Nostalgieveranstaltung der ehemaligen „Dritten Welt“. Die Erinnerung an Bandung und das Ende der Kolonialzeit wurde über weite Strecken den Funktionären aus Peking überlassen. Wo vor 60 Jahren die Dritte Welt die Einhaltung der Menschenrechte einforderte, wurden nun ganz profan Wirtschaftsgeschäfte angebahnt. So ändern sich die Zeiten.

Stefan Brocza ist Experte für Europarecht und internationale Angelegenheiten. Er lehrt an der Universität Salzburg.

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