„Am Beginn stand eine historische Legende“

Vor 50 Jahren ist der vietnamesische Revolutionär und „Vater der Nation“ gestorben. Biograf Pierre Brocheux gibt im Interview Einblick in das Phänomen Ho Chi Minh.

Als Denkmal allgegenwärtig: Ho Chi Minh, hier in der nach ihm benannten Ho-Chi-Minh-Stadt, früher Saigon.© Stefan Lippmann / oneworld picture / picturedesk.com

Wie war Ho Chi Minh als Person?

Er war eine sehr vielseitige und komplexe Persönlichkeit. Alle, die mit ihm in Kontakt kamen, haben ihn als einen sehr offenen und wissbegierigen Menschen erlebt. Aber auch als einen politischen Akteur mit rational argumentierten, aber prinzipiell unerschütterlichen Überzeugungen.

Seine pragmatische Ausrichtung und sein politischer Stil tendierten stärker in Richtung Diplomatie und pädagogische Aufklärung als zu gewaltsamer Konfrontation.

Schon zu Lebzeiten entwickelte sich um Ho Chi Minh ein Kult, der bis heute besteht.

Der Personenkult hat sich über eine lange Zeit entwickelt und hat verschiedene Faktoren. Man muss sich davor hüten, die Ikonisierung von Ho Chi Minh in Vietnam als eine Kopie der in der Sowjetunion, in China und Nordkorea praktizierten Form des autoritären Personenkults in kommunistischen Diktaturen zu sehen.

Der Kult um Ho Chi Minh in Vietnam steht in der Tradition der vietnamesischen Geschichte, der nationalen Helden im jahrhundertelangen Abwehrkampf gegen äußere Feinde, insbesondere gegen China. Aber er ist auch Ausdruck der in der vietnamesischen Gesellschaft besonders stark ausgeprägten Ahnenverehrung. Die häufigste Bezeichnung für Ho Chi Minh in Vietnam ist „Bac Ho“, Onkel Ho.

Wie ist dieser Personenkult entstanden?

Am Beginn stand eine historische Legende: die vom „kleinen Mann aus den Kolonien", also aus Vietnam, der bei der Friedenskonferenz in Versailles 1919 dem US-Präsident Woodrow Wilson eine Petition überreichte. Darin prangerte er die Gewaltherrschaft der französischen Kolonialmacht an.

Ho Chi Minh musste im Alter von 21 Jahren Vietnam verlassen um der Verfolgung durch die französische Kolonialpolizei zu entgehen. Den Großteil der 1920er Jahre verbrachte er in Frankreich. Nachdem er dann in Moskau und in China als Mitarbeiter der Kommunistischen Internationale tätig war, kehrte er erst mehr als 30 Jahre später in seine Heimat zurück.

Am 2. September 1945 trat er zum ersten Mal wieder öffentlich auf und proklamierte in Hanoi als Präsident das Ende der französischen Kolonialherrschaft. Während des ersten Vietnamkrieges, von 1946 bis 1954, war er die Leitfigur im militärischen Widerstand gegen die französische Kolonialarmee, das Symbol für nationale Unabhängigkeit und für die politische Einheit Vietnams.

Welche politische Rolle spielte er im seinem letzten Lebensjahrzehnt?

Diese Zeit war durch Krankheit, längere medizinische Aufenthalte in China und durch einen sukzessiven Ausschluss aus den Entscheidungen des kommunistischen Zentralkomitees über die Kriegsführung gegen die USA von 1963 bis 1975 gekennzeichnet. Er spielte noch eine nicht unwichtige Rolle in den internationalen politischen Kontakten der nord-vietnamesischen Regierung.

Durch das verstärkt aufgebaute und von der KP-Spitze politisch instrumentalisierte Image Ho Chi Minhs als Vater der Nation wurde er damals in gewissen Maße selbst Opfer. Das betraf sogar den privaten Bereich: So erlaubte ihm das Zentralkomitee in Hanoi nicht, die Frau, die er Ende der 1930er Jahre in China geheiratet hatte, wiederzusehen und verweigerte ihre Anerkennung als Ehefrau.

Als er in seinem Testament bestimmte, dass seine Asche an vier Stätten in Vietnam verstreut werden sollte, entfernten seine stalinistischen Genossen diesen Passus aus seinem schriftlichen Vermächtnis, ließen seinen Leichnam einbalsamieren und errichteten ein pompöses Mausoleum für ihn.

In Ihrer Biographie über Ho Chi Minh beschreiben Sie seinen Versuch, einen humanistisch ausgerichteten Patriotismus mit einem autoritären und undemokratischen leninistischen Politikmodell zu vereinen. Das sei ein Beispiel für die Tragödie von Idealisten, die sich in revolutionärer Praxis engagieren.

Ho Chi Minh war ein Idealist, der in seiner Entscheidung für das kommunistische Politikmodell nur ein Ziel hatte: die Befreiung und Unabhängigkeit seiner Heimat. Was er in den Jahren des Aufstiegs Josef Stalins und der großen Säuberungen in der Sowjetunion (v.a. 1936-1938, Anm. d. Red.) erleben musste, hat ihn ohne Zweifel über die negativen Aspekte des sowjetischen Sozialismusmodells aufgeklärt. Er blieb in seiner politischen Doktrin aber den politischen Prinzipien Lenins treu.

Wie sah seine politische Doktrin konkret aus?

Er war ein disziplinierter Kommunist, der zwar versuchte, die Exzesse der gewaltsamen Kollektivierung von Landwirtschaft und Handel in Vietnam, die unter starkem Druck des maoistischen Chinas erfolgte, möglichst einzudämmen. Er fügte sich aber doch auch der Mehrheit im Zentralkomitee der vietnamesischen KP.

Angesichts des aufbrechenden sowjetisch-chinesischen Konflikts und der Entwicklungen in der Sowjetunion wurde über die Jahre sein Glaube, dass das sowjetische wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Modell schlussendlich in der ganzen Welt triumphieren werde, zunehmend erschüttert. Seine Rückkehr zum humanistischen Konfuzianismus in den letzten Jahren seines Lebens zeigt das.

Wie wird Ho Chi Minh heute von Vietnamesen unter 40 gesehen? Was lernen sie über ihn?

Ho Chi Minh ist nicht nur Teil des nationalen Pantheons, er ist in den Schulen präsent, durch Porträts in den Klassenzimmern, in Liedern und Texten, die der moralischen und staatsbürgerlichen Erziehung dienen sollen.

Für viele Jugendliche, die heute unter zwanzig Jahre sind, hat der Unabhängigkeitskampf, der militärische Widerstand gegen Frankreich und die USA, kaum mehr Bedeutung. Demgegenüber ist die Person Ho Chi Minh als Vater der vietnamesischen Nation immer noch lebendig in der Erinnerung der jungen Generationen.

Interview und Übersetzung: Christina Schröder und Helmut Kramer

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