Am Motorroller zur Pagode

Vietnam liegt im Trend. Der ehemalige Kriegsschauplatz ist mittlerweile zu einem der beliebtesten Reiseziele Südostasiens geworden. Josef Ladenauf war zwischen Straßenmärkten und Reisfeldern unterwegs und hat Menschen getroffen, die sich über die Gäste aus dem Ausland freuen.

Hanoi: Fliegende FahrradhändlerInnen gehören in Vietnam zum alltäglichen Straßenleben.© Flora Juraszovich

“Das ist die tägliche Gehirnwäsche der Regierung“, meint Vu Linh (29) zum Lärm um halb sieben morgens. Die krachenden Lautsprecher und an- und abschwellenden Gesänge seien Propaganda der Kommunistischen Partei. 1976 wurden Nord- und Südvietnam wiedervereint. Seither wird das Land mittels Einparteiensystem regiert. „Sie führen das frühmorgens und abends auf, außer am Wochenende“, erzählt der drahtige Vietnamese, zupft an seinem Krawattenknoten und entschuldigt sich für die Störung. „Wir Jungen haben uns noch nie darum gekümmert. Aber mittlerweile glauben ihnen nicht einmal mehr die Alten“, sagt er lächelnd und kopfschüttelnd.

Bis vor wenigen Jahren war das Land fast ausschließlich agrarisch geprägt. Noch heute sind 65 Prozent der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig, ein Großteil im Reisanbau. So auch Vus Eltern, die im Norden von Hanoi einige Felder bewirtschaften. Als einziges von vier Kindern konnte er Tourismus studieren und arbeitet heute für ein kleines Hotel in der Altstadt von Hanoi.

Lieber nicht darüber sprechen. Vu gehört zu den wenigen jungen gebildeten Menschen, die sich kritisch äußern. Auf die Frage, wie sie über die Politik in ihrem Land denken, geben die meisten Vietnamesinnen und Vietnamesen ungern Antwort. Selbst eine Journalistin aus Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon, antwortet darauf lakonisch mit: „Ich denke normal darüber.“ Eine vietnamesische Botschaftsmitarbeiterin in Hanoi, die nicht genannt werden möchte, meint dazu: „Ich habe gewisse Einblicke in die Politik, ziehe es jedoch vor, nicht darüber zu sprechen. Ich kann sagen, dass wir nur eine Partei haben. Das bringt Vorteile und Nachteile.“

Angst, Zorn, Unsicherheit und Zuneigung werden in Vietnam nicht öffentlich gezeigt, Kritik nicht direkt geübt. Das ist dem engsten Kreis der Familie vorbehalten. Bei heiklen Fragen wird oft einfach abgeblockt. Wenn es um die zukünftigen Geschicke des Landes geht, vertrauen viele Menschen übergeordneten Mächten. Überall in den Straßen finden sich Spuren hinduistischer und buddhistischer Verehrung; brennende Räucherstäbchen in üppigen Marmorschalen vor Pagoden, zwischen Baumwurzeln, selbst an Autonummernschildern. Der bunt ausgeleuchtete Hausaltar hat in jedem noch so kleinen Geschäft einen Ehrenplatz. Beim morgendlichen Ritual werden hier Bier, Redbull und Schokokeks geopfert. Für Glück, Schutz und ein langes Leben.

Auf der Suche nach Touristen. „Can you help me with my homework, please?“ fragt Thao Nguyen (15) schüchtern. Das Mädchen in Schuluniform ist in einem Park im Zentrum von Ho-Chi-Minh-Stadt auf der Suche nach Unterstützung. Ihre ganze Klasse schwärmt am sonnigen Nachmittag aus, um englischsprechende Touristinnen und Touristen zu finden. Fremdsprachen-Kenntnisse sind ein entscheidender Gradmesser für die Aufstiegschancen nach der Ausbildung. Darum lernt ihr Klassenkollege Dat Nhu (16) seit sechs Monaten auch noch Deutsch am Goethe-Institut. Dats Mutter hat ein kleines Tourismusbüro. Sie bietet Busreisen ins nahe liegende Mekong-Delta an, und vermietet Motorroller. Das ist ein gutes Geschäft. Der Motorroller ist die heilige Kuh der Vietnamesinnen und Vietnamesen. Manche essen und schlafen darauf, nachdem sie ihn im Schatten am Straßenrand eingeparkt haben. Nachts kommt er mit unters Dach, ins Wohnzimmer – direkt neben den Hausaltar. Ob Dat das Geschäft einmal übernehmen wird? Nein, meint er entschieden und erklärt fast akzentfrei auf Deutsch: „Ich möchte Tierarzt werden.“

Modischer Westen. Thao bittet um ein Foto mit den Reisenden. „Ich mag deine Haare“, sagt sie und berührt das gefärbte Haar einer Reisenden. Westliche Gesichter tauchen auf Werbeschildern für Fitnessclubs, Bekleidungsgeschäfte, Mobilfunkanbieter und Versicherungen auf. Mode aus Europa wird in den Städten Vietnams als Stilvorbild gesehen. In den Straßen finden sich Boutiquen, die die EU offenbar mit „modisch“ verbinden und mit deren Sternenkranz werben. In den klimatisierten Läden laufen alte Pop-Hits wie ABBAs „Money, Money, Money“. Viele Menschen, die unterwegs sind, tragen eine Art Stoffmaske, farblich für gewöhnlich mit Moped, Helm und Krawatte abgestimmt. Ob das gegen den Smog sei? „Nein“, meint ein deutscher Aussteiger, der vor dreizehn Jahren nach Vietnam gezogen ist und mit einer Vietnamesin verheiratet ist. „Man will nicht braun werden.“

Unter Deck. „Wissen Sie, Vietnam ist ein armes Land“, sagt Nam Hoeng Bo (24) und fügt hinzu: „Aber alles außer einem Auto oder einem Haus ist hier sehr billig.“ Der Vietnamese in brauner Uniform arbeitet für die Garden Bay Cruises, ein Schiffsunternehmen, das Reisende in die weltberühmte Halong-Bucht schippert. Bis zu 250 Euro verlangt das Unternehmen für eine Zwei-Tages-Tour. Wieviel er selbst verdient, will Nam nicht verraten. „Ich arbeite schon seit sieben Jahren hier, bei wechselnden Schiffsbetrieben.“ Vor drei Tagen habe er zu Garden Bay Cruises gewechselt. Es gefalle ihm nicht. Warum nicht? „Die Mannschaft, das Team, einfach alles eben“, sagt er vage. Er würde wohl wieder kündigen, meint er und lächelt. Am aushängenden Plan sind keine Mannschaftsquartiere eingezeichnet. Ein Blick unter Deck offenbart eine ölverschmierte Kammer, mit an Leinen aufgehängter Kleidung und einer Matratze in der Ecke. „Ich geh‘ da nicht runter“, meint Nam, auf die Frage, wo sein Quartier sei. „Zu eng, zu laut. Ich schlafe da hinten“, sagt er und deutet aufs Oberdeck unter freiem Himmel.

Als das Schiff anlegt, verabschiedet er sich freundlich und steigt auf seinen Motorroller. Er fahre jetzt zur Pagode. Ob er Buddhist sei? Nein, er gehöre keiner Religion an, erklärt er und schaut in die Ferne. „Ich glaube an mich selbst, aber ich mag die Pagode“, sagt er, startet den Roller und fährt los.

Josef Ladenauf, geboren in Graz, ist freier Journalist und Autor.

4. und 5. September: Kulturtage Vietnams in Wien, www.vieteu.at

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