An der Weggabelung

Mit der „Agenda 2030“ hat sich die internationale Staatengemeinschaft viel vorgenommen – und lässt derzeit doch entscheidende Fragen unbeantwortet.

Von Monika Austaller, Ruth Fulterer und Leonie Sontheimer

Globale Ziele, globale Herausforderung: Die Vereinten Nationen lassen die Fahne des SDG 2 (Kein Hunger) im Nordwesten Nepals wehen.© globalgoals.org

Es war ein historischer Tag: Am 25. September 2015 einigten sich PolitikerInnen aller 193 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen in New York auf die SDGs (Sustainable Development Goals), die 17 Ziele für Nachhaltige Entwicklung.

Die Ziele sollen bis 2030 erreicht werden, weshalb sie auch als „Agenda 2030” bezeichnet werden. Und sie sollen viel verändern, ein Plan sein, durch den die ganze Welt besser wird.

Bis 2015 ging es in erster Linie darum, in Ländern des globalen Südens extreme Armut und Hunger zu beseitigen, allgemeine Grundschulbildung zu ermöglichen, Kindersterblichkeit zu senken und HIV/AIDS zu bekämpfen. Die SDGs unterscheiden sich von ihrem Vorgänger – den Milleniums-Entwicklungszielen – insofern, dass nun neben Gesundheit und Bildung ebenso Gewicht auf Friede und Rechtsstaatlichkeit, weniger Ungleichheit, Umwelt- und Klimaschutz liegt.

Der Fokus liegt nicht mehr im globalen Süden, auch die Staaten des Nordens mit ihrem übermäßigen Ressourcenverbrauch haben gewaltigen Handlungsbedarf.

Im Zweifel soll der gemeinsame Kurs Vorrang vor nationalen Interessen haben. Das Regenbogen-Szenario: Alle Staaten erreichen alle Ziele. Dann sind alle Menschen gesund und gebildet, die internationale Gemeinschaft ist friedlich und respektiert die Grenzen der Umwelt, damit auch Tiere und Pflanzen gedeihen können.

Die Uhr tickt. Es gibt keine Statistik der Vereinten Nationen, die zusammenfasst, wie groß die Fortschritte der Länder in Bezug auf die SDGs sind. Klar ist: Kein Staat wird alle Ziele erreichen. Das zeigt ein Bericht der Bertelsmann Stiftung und des Sustainable Development Solutions Network, der Mitte Juni veröffentlicht wurde. Knapp ein Drittel der Zeit für die Umsetzung der SDGs ist verstrichen. Laut dem Bericht zur weltweiten Ungleichheit von 2018 steigt die Ungleichheit in den meisten Ländern weiter an – und jährlich erreichen wir den „Earth Overshoot Day”, an dem die Ressourcenkapazität der Erde für das Jahr aufgebraucht ist, früher. Die Einschulungsraten sind laut UNESCO zwar jahrelang gestiegen, stagnieren aber in letzter Zeit.

Auf den ersten Blick schneiden die europäischen Länder gut ab. Doch die Top-Plätze im Ranking im SDG-Bericht 2019 haben sie vor allem alten Errungenschaften gegen Hunger und Armut zu verdanken – nicht etwa einer erfolgreichen neuen Klimastrategie.

Norwegen zum Beispiel wurde auf Platz 8 eingestuft, es hat sehr gute Werte bei Kategorien wie Gesundheit und Industrie. Gleichzeitig ist es der zehntgrößte Kostenverursacher bezüglich der SDGs. Norwegens Reichtum beruht auf Öl- und Gasexporten. Die CO2-Emissionen im Inland liegen zwar bei nur 8,4 Tonnen pro Kopf (Österreich: 7,7 Tonnen), exportiert werden aber mehr als 86 Tonnen pro Kopf!

Problem Messbarkeit. Eine zentrale Herausforderung bei Zielen wie den SDGs ist, gesellschaftlichen Fortschritt überhaupt zu messen und darzustellen. Um auch die Nachhaltigkeit von Entwicklung zu berücksichtigen, haben WissenschaftlerInnen vorgeschlagen, zwei Indikatoren zu kombinieren: Erstens, ein Human Development Index (HDI) von mindestens 0,8. Der HDI misst Lebenserwartung, Bildung und Bruttonationalprodukt. Die Türkei erreicht den Wert knapp nicht, Rumänien liegt etwas darüber. Zweitens zählt der ökologische Fußabdruck: Der soll die Biokapazität der Erde nicht überschreiten. Die Wissenschaftler fanden damals nur ein einziges Land, das beide Kriterien für nachhaltige Entwicklung erfüllte: Kuba. Inzwischen erreicht Kuba keinen HDI von 0,8 mehr. Im SDG-Ranking liegt das Land auf Platz 55.

Wirtschaft gegen Umwelt. Was dahinter steckt: Die Agenda 2030 will Wirtschaft und Umwelt gleichzeitig fördern – doch die stehen oft im Widerspruch. Im Zweifelsfall wird der materielle Wohlstand höher bewertet als der Umweltschutz.

Eine Forschungsgruppe der Europäischen Kommission stellte fest, dass Länder wie Norwegen und Dänemark, die im SDG-Ranking insgesamt am besten dastehen, bei den Umweltzielen 12, 13, 14 und 15 viel schlechter abschneiden als andere Länder. Umgekehrt ist die Zentralafrikanische Republik Schlusslicht in der Gesamtwertung, aber zweitbeste beim Klimaschutz.

Ein moderner Lebensstil ist oft zerstörerisch für die Umwelt. Können wir heute ein komfortables und erfüllendes Leben führen, ohne den nachfolgenden Generationen zu verwehren, ihrerseits in Sicherheit und Fülle zu leben? Müsste das nicht das übergeordnete Ziel sein: ein gutes Leben für alle? Das geht sich so nicht aus.

Das imperiale Vermächtnis. Seit dem 15. Jahrhundert herrscht der globale Norden politisch und wirtschaftlich über den Süden. Bis heute gilt das westliche Lebensmodell oft als Vorbild. Klimakrise und steigende Zahlen psychischer Erkrankungen zeigen dabei u.a. dessen Kehrseite klar.

Auch in den SDGs ist dieser Lebensstil deutlich festgeschrieben.  Immer mehr Menschen kritisieren das damit verbundene Wirtschaftswachstum, während es die Industriestaaten nach wie vor als das Nonplusultra sehen. In der Agenda 2030 bekam das Wachstum einen wichtigen Platz zugesprochen, in Zielen wie „Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum” und „Industrie, Innovation und Infrastruktur”.

Die Politologen Ulrich Brand und Markus Wissen haben vor allem das Konsumverhalten in den Industriestaaten analysiert und als „imperiale Lebensweise“ bezeichnet (vgl. Dossier in Südwind-Magazin 1-2/2019). Sie fordern eine „große Transformation“ hin zum solidarischen Leben ohne Ausbeutung von Mensch und Natur, die den globalen Süden besonders trifft.

Indigene wehren sich gegen die Ausbreitung der imperialen Lebensweise. Im US-amerikanischen South Dakota haben Sioux die US-Regierung wegen des Baus einer Ölpipeline verklagt. In den Wäldern Nordindiens stehen Adivasi gegen Bauxit-Abbau und die damit einhergehende Umweltzerstörung auf.

Die Regierungen und Unternehmen dieser Länder gehen in den meisten Fällen den bisherigen westlichen Weg derweilen unbeirrt weiter.

Gute SDGs, schlechte SDGs. Wenn sich die globale Gemeinschaft fragt, ob wir mit den SDGs auf einem guten Weg sind, stellt sich die Frage: Was ist ein guter Weg? „Ein gutes Leben für alle zeichnet sich in erster Linie dadurch aus, dass weder Menschen noch Natur ausgebeutet werden”, sagt Laima Eicke. Sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) Potsdam und Teil des I.L.A.-Kollektivs, einer Gruppe junger WissenschaftlerInnen und AktivistInnen des deutschsprachigen Raumes, die gerade ein Buch zu dem Thema „Das gute Leben für alle” herausgebracht haben.

SDG 13: Abenteurer und Umweltschützer Inge Solheim posiert am Nordpol für den Klimaschutz.© globalgoals.org

Eickes Bild einer nachhaltigen Utopie sieht so aus: Entscheidungen werden demokratisch getroffen. Güter und Dienstleistungen werden gemeinschaftlich geschaffen, genutzt und gepflegt. Der Maßstab aller Tätigkeiten ist es, Leben zu erhalten, zu entfalten und Beziehungen zu pflegen. Mensch und Natur sind untrennbar verbunden. Und: Es ist genug für alle da, statt immer mehr für wenige.

Doch die SDGs drohen derweilen trotz allem in eine Sackgasse zu führen. „Die SDGs benennen viele Probleme richtig, etwa den Verlust an Biodiversität und Ungleichheit”, so Stefan Grasgruber-Kerl, Bereichsleiter für Kampagnen bei Südwind. „Aber es hapert an realistischen Lösungsstrategien. Wachstum soll Armut beseitigen. Industrielle Landwirtschaft soll Hunger tilgen. Die SDGs enthalten einige gute Ziele, doch binden sie uns für weitere 15 Jahre an ein Wirtschaftsmodell, das dringend strukturelle Veränderungen braucht.”

Die Utopie der SDGs ist gemeinhin eine, in der es weiterhin mächtige Konzerne, Banken und Superreiche gibt. Es ist eine Welt, in der Kleinbäuerinnen und -bauern Zugang zu Mikrokrediten haben und ihr Hybridsaatgut bei globalen Monopolen kaufen. Eine Welt, in der Umwelt gemanagt ist und jeder Baum seinen Preis hat, den er durch die Bindung von CO2 verdient.

Am Beispiel der Landwirtschaft zeigt sich vielleicht am klarsten, dass dieser Weg in die falsche Richtung führt. Die Antwort auf Hunger war und ist in den vergangenen Jahrzehnten: Produktivitätssteigerung in der Landwirtschaft, mehr Erträge auf kleinerer Fläche, Innovation und Investitionen, oft aus dem Ausland. Doch diese industrielle Antwort hat einen Preis. Sie belastet das Grundwasser, laugt Böden aus und heizt das Klima weiter auf. Kleinbäuerinnen und -bauern verlieren ihre Lebensgrundlage.

Transformatives Potenzial. Die 17 Nachhaltigkeitsziele sind nicht verpflichtend. Wer sie nicht umsetzt, wird nicht sanktioniert. Und es gibt keine Vorgaben dazu, auf welchem Weg sie zu erreichen sind. Das kann angesichts der auseinanderbröckelnden internationalen Zusammenarbeit beunruhigen.

In der offenen Art der Umsetzung liegt allerdings auch ein Potenzial für wirklich transformative Ansätze: Die Antwort auf Hunger muss keine sein, die die Umwelt zerstört und andere soziale Probleme nach sich zieht. Sie könnte auch in einem radikalen Systemwandel und der Ermächtigung lokaler Strukturen liegen. Sie könnte darin liegen, dass sich überall kleine souveräne Ernährungsräte bilden, die Produktion und Verteilung von Lebensmitteln selbst bestimmen. Sie könnte auch in einer Umverteilung von Reichtum liegen oder der Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens.

In den nächsten Jahren wird es Aufgabe von PionierInnen sein, lokale Alternativen zu entwickeln. Die Politik muss diese lokalen Lösungen unterstützen und gleichzeitig das große Ganze im Blick behalten. Sie muss aufpassen, dass sich die einzelnen Programme nicht gegenseitig aushebeln und dass alle Ziele gleichwertig angestrebt werden.

Viel zu tun. Die Umsetzung der SDGs ist eine riesige Baustelle. Eine „große Transformation“, wie es unter vielen anderen die Politologen Brand und Wissen in ihrem Ansatz der „Imperialen Lebensweise“ fordern, bleibt derzeit aus. Ähnlich wie beim Klimaschutz drängt bei den SDGs die Zeit.

Auf den folgenden Seiten werfen wir den Blick auf unterschiedliche AkteurInnen und Perspektiven, die zeigen, was es bräuchte, um mit den SDGs das Fundament für ein gutes Leben für alle zu legen.

Monika Austaller, Ruth Fulterer und Leonie Sontheimer schreiben aus Wien, Bozen und Berlin im Team über Klima, Entwicklung und Postwachstum.

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