Armeniens steinerne Zeugen

Text und Fotos: Thomas L. Lindermayer

Im Herzen Jerewans liegt die Aram-Straße und in ihr die Werkstatt Meister Hambardzumyans. Der renommierte Steinmetz stellt die traditionellen, kunstvoll gefertigten Kreuzsteine, genannt „Chatschkare“, her. Die alten Muster und das Wissen um die Steinbearbeitung gibt Hambardzumyan an junge Bildhauer weiter. Bis zu zwölf Hände bohren, flexen, hämmern und schleifen hier gleichzeitig an rötlichem Gestein. Mehr als 700 kunstvolle Kreuzsteine haben die Hände den Felsblöcken in zwanzig Jahren Arbeit abgerungen.

Der Friedhof von Noratus am Sewansee versammelt hunderte „Chatschkare“. Die Stelen sind nicht nur Grabsteine, sondern auch Chronisten des Dorflebens, die von Alltag, Feldarbeit und Festen erzählen.

Nichts symbolisiert die armenische Identität mehr als diese Steine: „In ihnen schlummern die Gedanken unserer Ahnen und die christliche Kultur Armeniens“, sagt der Bildhauer. „Sie sind steinerne Zeugen der kulturellen Blüte, aber auch der Tragödien unseres Landes.“ Die Unabhängigkeit 1991, nach dem Zerfall der Sowjetunion, folgte auf fast 600 Jahre Fremdherrschaft. Armenien fand sich dabei wiederholt in der Mitte von Konflikten zwischen Großmächten: Byzanz und Persien beanspruchten das Territorium ebenso wie später Russland und das Osmanische Reich.

Am 24. April 1915 übernahm die politische Bewegung der Jungtürken in Istanbul die Macht und setzte einen Genozid in Gang, der bis zu 1,5 Millionen Armenierinnen und Armenier vernichtete. „Aghet“ (Katastrophe) nennt man in Armenien den Völkermord, der sich heuer zum 100. Mal jährt und dessen Aufarbeitung in der aus dem Osmanischen Reich hervorgegangenen Türkei ein heikles Thema geblieben ist. Im Narrativ der türkischen Regierung hat es nie einen Genozid gegeben.

Die Chatschkare-Werkstatt des Meisters in Jerewan.

Mit der Türkei und Aserbaidschan unterhält Armenien weder Grenzverkehr noch Beziehungen. Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion kam es 1988 zum Konflikt um Berg-Karabach, bei dem sich Armenien dank Russland behaupten konnte und tausende Aserbaidschanerinnen und Aserbaidschaner aus Berg-Karabach vertrieb. Der Konflikt ist bis heute nicht gelöst und flammte im Sommer 2014 neuerlich auf. Für den Verlust Berg-Karabachs rächte sich Aserbaidschan mit der Zerstörung des größten Chatschkare-Friedhofs bei Culfa in Nachitschewan, einer Exklave Aserbaidschans.

Auf die Ornamentik der Kreuzsteine aus Nachitschewan und auf Replikas aus Culfa hat sich die Werkstatt Hambardzumyans spezialisiert. Seine Chatschkare sind heute von den USA bis Russland und von Europa bis in die Emirate zu finden – überall dort, wo sich die armenische Diaspora niedergelassen hat.

Thomas L. Lindermayer ist Historiker, Filmemacher und freier Journalist. Im Herbst 2014 bereiste er Armenien und den Kaukasus.

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