Armut im Land des Schwarzen Goldes

Die Wörter „Saudi“ und „reich“ scheinen irgendwie zusammenzugehören. Doch es gibt auch Armut. Paul Aarts und Carolien Roelants berichten von einer anderen, weitgehend verborgenen Realität.

Saudi-Arabien ist bekannt für seine enormen Ölvorkommen, für seine superreiche Elite, die sich in den USA, in Spanien und London palastähnliche Residenzen leisten kann. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Kopf (52.300 US-Dollar) ist die Monarchie jedoch nicht so reich wie ihre Nachbarländer, etwa Katar (137.000 Dollar), Kuwait (70.700 Dollar) oder die Vereinigten Arabischen Emirate (66.300 Dollar). Das Einkommen eines saudischen Haushalts – eine Familie besteht im Schnitt aus sechs Personen – beträgt monatlich rund 3.800 Dollar; die Einkommensungleichheit ist jedoch enorm hoch.

Offiziell – nach Angaben des Sozialministeriums – liegt die Armutsgrenze bei 480 Dollar im Monat; tatsächlich dürfte sie etwas höher liegen. „Die Zahlen der Regierung sind nicht wirklich zuverlässig“, meint etwa ein führender Ökonom an der King Fahd University of Petroleum and Minerals in Dhahran. „Ich gehe davon aus, dass etwa 35 Prozent der Bevölkerung mit weniger als 533 Dollar auskommen müssen. Sie sind arm.“ Seine Schätzung wurde bei kürzlichen Gesprächen auch von ÖkonomInnen in Riad bestätigt.

Manche sind sehr arm. Sie leben in vernachlässigten Provinzen wie Asir, Dschazan und Nadschran, aber auch in den großen Städten. Es gibt zahlreiche Elendsviertel wie al-Jarradiyah und asch-Schumaisi (in Riad) und al Karantina, al-Rowais und al-Salamah (in Dschidda), wo nicht nur extrem arme Saudis leben, sondern auch ausländische ArbeiterInnen. MigrantInnen verdienen manchen Quellen zufolge im Schnitt nur 266 Dollar monatlich. Bettelnde Menschen, großteils voll verschleierte Frauen, gehören am Rande der Slums und an den Straßen Richtung Stadtzentrum zum Alltag.

Arbeitslose Saudis. Arbeitslosigkeit ist eine der Hauptursachen von Armut. Offiziell ist sie relativ niedrig: 11,7 Prozent der Männer und 32,8 Prozent der Frauen sind betroffen. Privat nennen ExpertInnen weit höhere Zahlen.

Die Probleme mit der Arbeitslosigkeit und der Armut ließen sich theoretisch lösen – man bräuchte nur die neun Millionen ausländischen Arbeitskräfte (rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung) nach Hause zu schicken. Praktisch stieße man aber rasch an Grenzen, denn die Arbeitslosen des Landes verfügen nur selten über die Qualifikationen und die Bereitschaft, die Arbeit der MigrantInnen zu übernehmen.

Die Regierung versucht nun schon seit vielen Jahren, die Anzahl der ausländischen Arbeitskräfte zu verringern und die Beschäftigungsquote der einheimischen Bevölkerung zu erhöhen. Mit wenig Erfolg allerdings: Vor zehn Jahren wurde bereits als Ziel ausgegeben, den Anteil der ausländischen Bevölkerung auf ein Fünftel zu senken.

Seit desillusionierte Jugendliche in Tunesien, Ägypten und im Nachbarland Jemen 2011 auf die Straße gingen, um ihre Regierungen zu stürzen, wurden zahlreiche Programme gestartet, um saudische Arbeitgeber dazu zu bringen, einheimische Arbeitskräfte zu rekrutieren, etwa Hafiz („Anreiz“) und Liquaat („Begegnung“). Wer sich etwa an Hafiz beteiligt, erhält monatlich 400 Dollar, bis ein Arbeitsplatz gefunden wird. Das Programm Nitaqat („Zonen“) wiederum fördert die Ersetzung ausländischer durch saudische Arbeitskräfte.

Rund 1,7 Millionen Saudis arbeiten im Privatsektor, wie die englischsprachige Saudi Gazette im Dezember 2015 berichtete – ein Anteil von 17 %. Mehr als doppelt so viele arbeiten im öffentlichen Sektor. Aufgrund der Frauendiskriminierung und der kulturellen und religiösen Regeln über die Trennung der Geschlechter sind Frauen unter den Erwerbstätigen unterrepräsentiert.

Thatcherismus. Gesundheitsversorgung und Bildung sind zwar kostenlos, wenn auch oft von dürftiger Qualität, und bis vor Kurzem wurden Wasser, Strom und Treibstoff stark subventioniert. Der Bevölkerungsmehrheit könnten nun aber einige Einbußen bevorstehen. In Reaktion auf das durch den Ölpreisverfall drohende Budgetdefizit wurde auch eine Kürzung der Subventionen angekündigt.

Am stärksten betroffen werden wohl die Ärmsten sein – obwohl Vizekronprinz Mohammed bin Salman gegenüber dem britischen Magazin The Economist versicherte, „die 20 Prozent der Mittelschichtangehörigen und Ärmeren, die von den Subventionen profitieren“ würden davon verschont bleiben. *

Auf die Frage, ob seine Politik als eine „Thatcher-Revolution für Saudi-Arabien“ betrachtet werden könnte, meinte er: „Mit Sicherheit, keine Frage.“ Das verheißt nichts Gutes für die Habenichtse des Landes.

Copyright New Internationalist

Paul Aarts lehrt Internationale Beziehungen an der Universität Amsterdam; Carolien Roelants war 30 Jahre lang Nahost-Redakteurin der niederländischen Tageszeitung NRC Handelsblad. Ihr gemeinsames Buch „Saudi Arabia: A kingdom in peril“ ist vor Kurzem erschienen (Hurst, 2015).

*)    www.economist.com/saudi_interview

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