Armut schadet (fast) allen

Die soziale Schere bringt mehr Gewalt, mehr Stress, weniger Leben und weniger Vertrauen. Es geht um Verteilung, meint Martin Schenk.

Aber es geht nicht nur um die Verteilung von Geld, sondern auch von Lebensqualität, Wohlbefinden, Chancen, Anerkennung, Gesundheit, Lebenserwartung und Verwirklichungschancen. Es geht um das ganze Leben.

Denn: Noch mehr soziale Ungleichheit heißt noch mehr Krankheiten und noch geringere Lebenserwartung, mehr Teenager-Schwangerschaften, mehr Status-Stress, weniger Vertrauen, mehr Gewalt und mehr soziale Ghettos. Das Interessante: Eine sozial polarisierte Gesellschaft bringt Nachteile nicht nur für die Ärmsten, sondern auch für die Mitte. Es stehen nicht nur die unterprivilegierten Mitglieder schlechter da, sondern auch die Wohlhabenderen. Die soziale Schere schadet, und zwar fast allen.

Dazu gibt es eine erdrückende Beweislast an Studien, aktuell auf der österreichischen Armutskonferenz präsentiert vom renommierten Gesundheitswissenschafter Richard Wilkinson, Professor an der Universität von Nottingham und des University College London. Im internationalen Vergleich schneiden die skandinavischen Länder sehr gut ab, Großbritannien, Portugal und USA liegen abgeschlagen am Schluss, Österreich ist vorne dabei, aber nicht top.

Gesellschaften mit größeren Ungleichheiten in Einkommen, Arbeit und Wohnen weisen einen schlechteren gesundheitlichen Gesamtzustand auf als solche mit ausgewogener Verteilung von Einkommen und Lebenschancen. Sobald ein bestimmter Grad an Wohlstand erreicht ist, dürfte die relative Höhe des Einkommens ausschlaggebend für die gesundheitliche Situation sein. In den ärmeren Teilen der Erde ist mit höherer Wirtschaftsleistung pro Kopf eine höhere Lebenserwartung verbunden. In den reichen Ländern ist ein derartiger Zusammenhang nicht mehr nachweisbar. Es konnte aber ein erstaunlich hoher Zusammenhang zwischen Lebenserwartung und dem Anteil am Volkseinkommen, den die ärmeren Haushalte beziehen, nachgewiesen werden.

Einkommensverhältnisse in Kombination mit Statusunterschieden wurden als jener Faktor identifiziert, der am stärksten die höhere Erkrankung Ärmerer erklärt. Der Anstieg der Lebenserwartung in einem Zeitraum fiel umso größer aus, je größer der relative Zuwachs an Einkommen der ärmeren Haushalte war. Nicht wie reich wir insgesamt sind, ist hier die Frage, sondern wie stark die Unterschiede zwischen uns sind. Unter den modernen Industriegesellschaften sind nicht die reichsten Gesellschaften die gesündesten, sondern diejenigen mit den geringeren Unterschieden zwischen Arm und Reich.

Gesellschaften mit größerer Ungleichheit unterscheiden sich von denen mit weniger Ungleichheit auch in anderen Aspekten. Das Vertrauensniveau fällt geringer aus, Menschen sind weniger dazu bereit, anderen zu vertrauen. Und es gibt weniger Beteiligung an der Gemeinschaft. Es liegt etwas im Argen mit den sozialen Beziehungen in sozial polarisierten Gesellschaften. Große Bedeutung haben Freundschaften, der soziale Status selbst und die frühkindliche Entwicklung. Lerne ich den Geschmack vom zukünftigen Leben als Konkurrenz, Misstrauen, Verlassensein, Gewalt? Oder habe ich die Erfahrung qualitätsvoller Beziehungen, Vertrauen und Empathie gemacht? Werde ich schlecht gemacht und beschämt oder geschätzt und erfahre Anerkennung? Ist mein Leben von großer Unsicherheit, Angst und Stress geprägt, oder von Vertrauen und Planbarkeit?

Mehr chronische Krankheiten, mehr Schulabbrecher, mehr Gefängnisinsassen, mehr Gewalt, mehr soziale Probleme verursachen auch volkswirtschaftliche Kosten. Mehr Armut und soziale Ungleichheit ist teuer. Eine höhere Schulabbrecher-Quote beispielsweise verursacht durch steigende Sozialausgaben, höhere Gesundheitskosten und entgangene Steuereinnahmen bei 10.000 Drop-Outs Kosten von drei Milliarden Euro.

Die soziale Ungleichheit wird in und nach Wirtschaftskrisen größer, wie der renommierte britische Sozialwissenschafter Tony Atkinson anhand von vierzig Wirtschaftskrisen beobachtet hat. Wir sehen eine zunehmende Ungleichheit innerhalb der Arbeitseinkommen und gleichzeitig eine wachsende Schere durch wieder steigende Vermögenseinkommen bei wenigen ganz oben. Bei Reichtum ist vorrangig nicht Einkommen das Thema, sondern Vermögen.

Der Gini-Koeffizient, ein Maß für Ungleichheit zwischen 0 und 1 (0 heißt alle haben genau gleich viel, 1 heißt einer hat alles) beträgt bei den Haushaltseinkommen europaweit geringe 0,33. Da schlagen sich die sozialstaatlichen Sozial- und Dienstleistungen nieder. Bei den Geldvermögen springt der Gini-Koeffizient auf hohe 0,66 hinauf, bei Immobilienvermögen auf 0,76, bei Unternehmensbeteiligungen auf 0,88 und bei der angeblichen Mittelschichtssache "Erbschaften" auf 0,94. Vererben tun ganz wenige fast alles an ganz wenige.

Wer der sozialen Schere mit all ihren negativen Folgen für die ganze Gesellschaft gegensteuern will, muss nicht nur für die Stabilisierung des Finanzsektors eintreten, sondern auch für die Stabilisierung des sozialen Ausgleichs. Was jedenfalls nicht hilft: die Opfer der Wirtschaftskrise und der Arbeitslosigkeit zu Schuldigen ihres Schicksals zu stempeln. Was nicht hilft, ist, die untersten Einkommensschichten aufeinander zu hetzen und damit die Verteilungsdebatte gegen die Ärmsten zu richten. Das Ende der Krise ist nicht mit dem Steigen der Aktienkurse anzusetzen, sondern mit dem Sinken der Armut. Die Krise ist dann vorbei, wenn die Armut sinkt.

Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie und Mitarbeiter der Armutskonferenz. Aktuell bei Deuticke erschienen: Es reicht. Für alle. Wege aus der Armut (siehe Rezension S. 39).

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