Asiens offene Flanken

Der Flügelschlag eines Schmetterlings in einem weit entfernten Ort der Welt kann einen finanziellen Sturm in Asien auslösen, warnt Jayati Ghosh.

Wir befinden uns angeblich im „asiatischen Jahrhundert“. Mit dem spektakulären Aufstieg Chinas und der generellen wirtschaftliche Dynamik in Asien hat sich die Ansicht verbreitet, dass der westliche Kapitalismus stagniere und dem Untergang geweiht sei, während der asiatische Kapitalismus weiter rasch wachsen und neue geowirtschaftliche Verhältnisse schaffen werde.

Die Entwicklungen nach der globalen Finanzkrise haben das scheinbar bestätigt: Zwar kam es 2009 auch in den größten Wirtschaften Asiens, in China und Indien, zu einem Abschwung, doch die Erholung folgte rasch, mit höheren Wachstumsraten als im Rest der Welt.

Der optimistische Blick auf diesen neuen Wachstumspol übersieht jedoch, dass die stärkere Dynamik Asiens nur sehr wenigen Ländern zu verdanken war: zuerst Japan und Südkorea bis Ende der 1980er Jahre; dann, im aktuellen Jahrhundert, China. Und der chinesische Exzeptionalismus war eben nur das: eine außergewöhnliche Entwicklung, gestützt auf eine kluge, unorthodoxe Wirtschaftspolitik eines stark zentralisierten Staates, der das Ruder in die Hand nimmt.

Hohe Neuverschuldung. Die Erholung und Expansion seit der globalen Krise verdankte sich jedoch in fast allen größeren Ländern Asiens vor allem einer hohen Neuverschuldung. Selbst in China hat sich das Verhältnis von Schulden zum BIP seit vor der Krise mehr als verdoppelt, und in vielen asiatischen Ländern hat die Verschuldung insbesondere bei Immobilien- und Privatkrediten alarmierende Ausmaße erreicht.

In Asien, vielleicht sogar mehr als im globalen Norden, hat die Strategie, die Erholung auf eine Ausweitung der privaten Verschuldung zu stützen, die Anfälligkeit für weitere Krisen erhöht.

Erholung und Expansion nach der globalen Krise basierten in fast allen größeren Ländern Asiens – auch in China – auf einer hohen Neuverschuldung.

Gleichzeitig sind die asiatischen Wirtschaften mehr als je zuvor den unvorhersehbaren Launen der Finanzmärkte ausgeliefert. Kaum war die Politik des „billigen Geldes“ als Reaktion auf die Finanzkrise etabliert, setzten die weltweiten Aktienmärkte wieder zum Höhenflug an. Mehrere Schwellenländer in Asien wurden zum Ziel der Wechselkursspekulation. Die Börsen in Südkorea, Indien und Thailand waren seither fiebrig, volatil und von heftigen Kursschwankungen betroffen.

Solche sogenannnte „Bullenmärkte“ führen zu einer enormen Akkumulation ausländischer Investments sowohl auf den Aktien- als auch den Anleihenmärkten. Selbst unbedeutende schlechte Nachrichten können Anleger dazu veranlassen, ihr Geld aus diesen Märkten abzuziehen, was unter den gegebenen Bedingungen zu starken Abwertungen führen und die nationalen Finanzsysteme in Schwierigkeiten bringen würde. Anders gesagt: Der Flügelschlag eines Schmetterlings in einem weit entfernten Ort der Welt kann einen finanziellen Sturm in Asien auslösen.

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Jayati Ghosh, eine der führenden ÖkonomInnen der Welt, ist Professorin für Volkswirtschaft an der Jawaharlal-Nehru-Universität in Neu-Delhi.

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