Atlas eines ängstlichen Mannes

Christoph Ransmayr

Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt/M. 2012, 456 Seiten, EUR 25,70

Im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais lernt der Autor Herrn Herzfeld kennen, einen jüdisch-deutschen Einwanderer, der gerade noch rechtzeitig seine Heimat verlassen konnte, bevor sie zu einem Schlachthof für Millionen MitbürgerInnen verkam. Herzfeld lädt den Gast aus der Alten Welt ein, ihm an einem der nächsten Tage die Geschichte seines Lebens weiter zu erzählen – doch in der Nacht vor dem geplanten Treffen stirbt dieser. Der Chronist aus Österreich kommt gerade noch rechtzeitig zum Begräbnis.

Christoph Ransmayr ist ein passionierter Reisender und Wanderer. Keine Region dieser Welt, die sein Fuß nicht durchmessen hat. Siebzig Stationen seines Weltenbummlerlebens beschreibt er in seinem neuesten Buch, von Indien und Marokko, von den Osterinseln und von Griechenland, von den Killing Fields der Roten Khmer bis hin zur eisigen Arktis. Episoden aller Art: berührende, beklemmende, humorvolle, skurrile, zutiefst menschliche Geschichten. Er lässt uns teilhaben an Jahrzehnten seines Wanderlebens bis hin zur Kindheit in den oberösterreichischen Voralpen. Dabei verwendet Ransmayr kein gleiches oder ähnliches Strickmuster bei seinen Erzählungen. Nicht nur die Orte sind unterschiedlich, auch die Subjekte: sterbenswillige mexikanische Pilger, schießwütige Putschsoldaten in Bolivien, ein Massaker im nepalesischen Königshaus. Und immer wieder Tiere: Buckelwale in der Karibik, japanische Singzikaden, ein vom Baum gefallenes Faultier.

Der Autor ist ein großartiger Meister der Sprache. Dabei hat die Leserin, der Leser das Vergnügen, sich an der Schönheit der Texte zu erfreuen, ohne dabei an die Zeit und Mühe des Arbeitens denken zu müssen. Eine kleine Kritik soll dennoch angebracht werden: Bei aller Sprachmeisterschaft lässt es der Autor manchmal an Genauigkeit fehlen. Es gibt keinen amerikanischen Bundesstaat und keine amerikanische Flagge; die Hauptstadt von Mexiko heißt Ciudad de México oder übersetzt Mexiko-Stadt, aber nicht Mexiko City. Doch diese Kleinigkeiten können das große Lesevergnügen nicht schmälern.
Werner Hörtner

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