auf literarischer Entdeckungsreise im Süden

Von Karl Markus Gauß
Ob Literatur die Welt verändern kann? Jedenfalls verändert sie mich, und ein Teil der Welt bin schließlich auch ich.

Im Gefängnis von Malagueta, einem fiktiven westafrikanischen Staat, harrt ein Aufrührer seiner Hinrichtung. Er hört das ferne Tosen des Atlantik, denkt an die vielen, die vor ihm hier auf ihr Ende gewartet haben und trauert noch einmal um sein Land, "das sich im Würgegriff der übelsten Bande von Halsabschneidern befand, die jemals das Land regierte". Am Ende des Romans wird er zum Galgen schreiten. Dazwischen aber, zwischen seiner Verhaftung und seiner Hinrichtung, wird die 300jährige Geschichte Westafrikas erzählt, eine Geschichte voller Hoffnungen und Enttäuschungen, reich an Großmut und Grausamkeit.

Daß die Hölle einen ihrer Eingänge irgendwo zwischen Liberia und Sierra Leone haben muß, wissen wir aus den Berichten im Fernsehen. Auch Syl Cheney-Coker, 1945 in Freetown geboren, erzählt in seinem Roman "Der Nubier" von Schrecken und Verzweiflung. Von der Verschleppung freier Familien durch arabische Sklavenhändler bis zur Rückkehr ihrer Nachkommen, hundert Jahre später, ist der Bogen seiner Familiensaga gespannt. Cheney-Coker zeigt, was aus dem Traum von "Liberia", vom freien Staat freier Afrikaner, wurde, und er erspart uns dabei nichts. Aber das ist nicht alles, denn sonst wäre "Der Nubier" nur eine farbenprächtige Illustration dessen, was wir ohnehin schon wissen. Wortgewaltig erzählt Cheney-Hoker nicht von der bitteren Armut alleine, sondern auch von einem unbekannten Reichtum Afrikas, von Weisheit, Sinnlichkeit und dem Versuch, Magie und Vernunft zu vereinen.

Gebannt lesend lernte ich ein Afrika kennen, von dem die politischen Nachrichten nichts berichten und auch gar nichts wissen wollen, und so oft ich seither politische Nachrichten aus Afrika zu hören oder lesen bekam, mußte ich an Cheney-Coker und sein anderes Afrika denken.

Syl Cheney-Coker: Der Nubier. Roman. Hammer-Verlag 1996, 558 Seiten, geb. öS 336,-; Piper Verlag 1998, TB öS 182,-.

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