Auf zur Traumareise

An tausenden Gedenkstätten weltweit wird der Opfer von historischen Gräueltaten gedacht. Unzählige TouristInnen strömen an diese Orte der Erinnerung. Warum?

Von Laurie Beth Clark
Ein Schnappschuss zur Erinnerung: Touristin mit einer der Mütter von den „Madres de la Plaza de Mayo“ in Buenos Aires.

Jedes Jahr besuchen Millionen von TouristInnen Stätten historischer Gewalttaten. Sie kommen, um sich zu erinnern, um zu trauern, wütend zu sein, zu feiern, zu gedenken und zu lernen.

Zu den Traumata, derer in Form von Tourismus gedacht wird, gehören die Sklaverei, die Apartheid, der Holocaust, die Verwendung von Atomwaffen, Genozid und Folter. Weltweit existieren tausende Gedenkstätten. Die bekanntesten finden sich in Deutschland und Polen, in Japan, Vietnam, Kambodscha, Ghana, Ruanda, Südafrika, Chile und Argentinien. Was all diese Orte gemeinsam haben, ist nicht die Art der Dinge, die dort geschehen sind, sondern der Wunsch, der Opfer zu gedenken und den Orten eine heilende Wirkung zu geben.

Trauma-Gedenkstätten sollen vielfältige Funktionen für unterschiedliche Zielgruppen erfüllen. Der widersprüchliche Begriff Trauma-Tourismus fängt die Gegensätze ein: Beim Besuch von Gedenkstätten verbindet sich der Schmerz, der mit dem Trauma assoziiert wird, mit den Freuden, die mit Tourismus verbunden werden. Der Begriff Trauma soll uns daran erinnern, dass unsere individuelle Psyche von gesellschaftlichen Umständen beeinflusst wird. Der Impuls, an Orte, an denen Gewalttaten verübt worden sind, zurückzukehren, hängt oft mit dem eigenen Wunsch zusammen, unsere Gesellschaft zu heilen.

Andere Begriffe, die für diese Praxis verwendet werden, sind dunkler Tourismus, Todestourismus, Trauertourismus und Thanatourismus – abgeleitet von Thanatos, dem Gott des Todes in der griechischen Mythologie. Manche dieser Begriffe vereinen verschiedene Arten von Tourismus – jenen, um der Opfer von Menschenrechtsverbrechen zu gedenken, mit jenem Tourismus, der von Sensationalismus und Nervenkitzel getrieben ist, wie dem Besuch von Häusern von Serienmördern. Die meisten BefürworterInnen von Erinnerungskultur allerdings meinen, dass TouristInnen Gedenkstätten besuchen, um geschichtliche Ereignisse zu verarbeiten. Trauma-Tourismus hat so gesehen eher etwas gemeinsam mit Freiwilligentourismus, Ökotourismus, Slum-Tourismus und anderen Arten des Reisens, denen vorwiegend soziales Engagement zugrunde liegt. Die BesucherInnen fühlen sich oft moralisch dazu verpflichtet, die jeweilige Gedenkstätte zu besuchen. Ihre Motivation spiegelt sich im Slogan „Nie wieder“, der in den meisten Teilen der Welt an solchen Orten auftaucht, wider. Der Slogan ist Ausdruck der Überzeugung, dass wir wachsam bleiben müssen, damit sich frühere Gräueltaten nicht wiederholen. An Trauma-Gedenkstätten wird versucht, die Ungerechtigkeit und den Horror der Ereignisse in der Erinnerung wachzurufen. Ob durch das Erzählen von Geschichten, das Sammeln von Ausstellungsgegenständen oder durch Erinnerungsarchitektur - die Stätten führen vor, wie falsch die begangenen Taten waren.

Gedenkstätten knüpfen oft dort an, wo das Gesetz keine Abhilfe schaffen kann, etwa in Fällen, wo die Beweise vernichtet wurden oder es keine verfügbaren ZeugInnen (mehr) gibt. Sie haben außerdem das Potenzial, eine Meinungsvielfalt innerhalb einer gespaltenen Bevölkerung widerzuspiegeln und ermöglichen es, über die Zeit hinweg – je nach Perspektive auf die Geschehnisse – umgestaltet zu werden.

Es sind unterschiedliche AkteurInnen, die Gedenkstätten errichten: Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen, private Stiftungen, internationale oder lokale Gruppen. Auch die BesucherInnen sind sehr heterogen. Zu ihnen gehören Opfer oder Überlebende und deren Familien oder jene, die mit diesen politisch oder ethnisch verbunden sind, Studierende und Lehrende, auch zufällige BesucherInnen sind darunter. Sie bringen eine Bandbreite an Erwartungen, Hoffnungen, Zielen, Bedürfnissen und Verhaltensweisen mit sich. Manche suchen Erlösung, Versöhnung oder auch Rache. Andere kommen in Solidarität mit oder in Gegnerschaft zu der an der Gedenkstätte propagierten Sichtweise. Manche haben gute Vorkenntnisse die politische und soziale Geschichte betreffend, andere wissen vielleicht gar nichts darüber.

Die Art, wie eine Gedenkstätte gestaltet ist, bestimmt nicht alleine die Wirkung des jeweiligen Ortes. Es sind die Sehnsüchte der BesucherInnen und das Wechselspiel zwischen der gestalteten Umwelt und dem Verhalten der Gäste, das die Wirkung ausmacht. Nicht immer stimmen die Absichten der GestalterInnen mit jenen der BesucherInnen überein.

Gedenkstätten unterscheiden sich in einer Reihe von Punkten voneinander: Die Ereignisse, an die erinnert wird, sind jeweils einzigartig, sie liegen unterschiedlich lange zurück und die Art der Erinnerungskultur ist je nach Land verschieden. Aber sie alle eint eine überraschend konsistente Art von globalisierter Erinnerungsarchitektur. Dazu gehören etwa Wände mit Namen der Opfer, aufsteigende oder absteigende Spiralensymbole, Wasserelemente und symbolische Gärten.

Eine Reihe von Faktoren hat zu dieser Uniformität in der weltweiten Erinnerungskultur beigetragen. Die KuratorInnen von Gedenkstätten aus der ganzen Welt treffen sich bei internationalen Konferenzen und tauschen „Best Practice“-Beispiele aus. Nur eine kleine Anzahl von JurorInnen und ArchitektInnen weltweit entscheidet über die Gestaltung sehr prominenter Gedenkstätten. Kleinere Gedenkstätten wiederum imitieren oft große und bekannte Mahnmäler. BesucherInnen von Gedenkstätten begrüßen häufig diesen Wiedererkennungswert. Viele Merkmale der Erinnerungsarchitektur stammen außerdem von Begräbnisriten ab, die sich durch Kolonialisierung und religiöse Homogenisierung weltweit vielfach ähneln.

Damit in einem Land Trauma-Tourismus entsteht, muss es eine relative bedeutende und ermächtigte Bevölkerungsgruppe geben, in deren Interesse es ist, die Geschichte ihres eigenen Leids zu erzählen. Ihre Motive können nationalistischer Natur sein, wie das in Ruanda oder Japan der Fall ist, oder sie können mit ihrer Diaspora-Erfahrung in Zusammenhang stehen, wie bei der Sklaverei oder dem Holocaust. Sowohl ideologische als auch ökonomische Interessen können damit verbunden sein.

Für viele Menschenrechtsverletzungen fehlt es allerdings an Gedenkstätten. Erzwungene Migration, etwa bei der Teilung Indiens und Pakistans, einige Diktaturen, wie jene von Stalin oder Franco, ungelöste Konflikte, wie bei Israel und Palästina, Umweltkatastrophen wie das Bhopal-Unglück in Indien, oder ökonomische Unterdrückung, die in extremer Armut resultiert – für all dies gibt es keinen Ort zum Gedenken und Erinnern.

Vielleicht müssen einige dieser Ereignisse erst vollkommen verarbeitet oder überwunden werden, damit eine Gedenkstätte errichtet wird und sich eine Kultur der Erinnerung aufbaut. Eines jedoch scheint gewiss: Angesichts des Ausmaßes an Gewalt in der heutigen Welt wird es genug Traumata geben, an die sich zukünftige Generationen erinnern können. Was leider weniger klar ist, ist, ob und wie das Erinnern an die Vergangenheit wirklich dabei hilft, die Zukunft positiv zu gestalten.

Laurie Beth Clark ist Professorin an der künstlerischen Fakultät der Universität von Wisconsin in den USA. Seit 2001 betreibt sie international vergleichende Forschung zum Thema Trauma-Tourismus.
traumatourism.net

Ins Deutsche übertragen von Nora Holzmann.

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