Aufbruch mit Hindernissen

Konflikte an mehreren Fronten und viel Korruption: Fast zwei Jahre nach der Unabhängigkeit steht Südsudan vor großen Herausforderungen. Ein Lokalaugenschein im jüngsten Staat der Welt.

Von Siobhán Geets
Zwischen gestern und heute: Eine Schule in der südsudanischen Provinz West Equatoria ist noch gezeichnet vom Krieg.

Vom Flugzeug aus ist zu sehen, wie sich die Landschaft Richtung Süden verändert. Der Wüstensand der Sahelzone weicht gelber, staubiger Erde und weiten Grasflächen. Unzählige ausgetrocknete Flussläufe graben sich in die trockene Landschaft. Kurz vor der Landung in Südsudans Hauptstadt Juba sieht man eine asphaltierte Straße. Es ist die einzige im Land und sie endet nicht allzu weit entfernt im Staub. Danach säumen umgekippte Lastwägen den Weg, verlassene Riesen, die Container und Benzintanks transportierten. Die Straßen in Südsudan sind hügelige Pisten voller Schlaglöcher, auf denen man nur schleichend vorankommt. In der Regenzeit sind viele Gebiete auf dem Landweg gar nicht erreichbar.

In der Hauptstadt treiben die Menschen ihre Rinder durch die Straßen, vorbei an Wellblechhütten und Betonbauten. Am Straßenrand sitzen Frauen und verkaufen geröstete Maiskolben, Kleidung und Getränke. Die Geräuschkulisse zu diesen Bildern reißt nie ab: Das Rattern unzähliger Dieselmotoren, den einzigen Stromquellen der Stadt, ist bis in die Nacht hinein zu hören.

Trotz aller sichtbaren Probleme spürt man die Aufbruchstimmung in Juba. Überall wird gebaut. „South Sudan – We Believe“, „Südsudan, wir glauben daran“, steht auf den Plakaten eines Mobilfunkanbieters. „The Taste of Progress“, „Der Geschmack des Fortschritts“, wirbt eine lokale Brauerei. Nach über 20 Jahren Bürgerkrieg schlossen Juba und Khartum 2005 ein Friedensabkommen. In einem Referendum stimmten 99 Prozent der südsudanesischen Wählerinnen und Wähler für eine Abspaltung vom Sudan. Im Juli 2011 wurde der Südsudan zum eigenen Staat.

Zwei Drittel der Ölreserven des einstigen gemeinsamen Staates liegen in Südsudan. Die größten Ölfelder befinden sich allerdings in der Grenzregion zum Norden und werden auch von Sudan beansprucht. Beim Öl-Export ist der junge Staat von den Pipelines abhängig, die durch Sudan ans Rote Meer führen. Nachdem Khartum die Zölle drastisch erhöht hatte, drehte Juba im vergangenen Jahr den Ölhahn zu. Die Folge: Ein bewaffneter Konflikt in den Grenzgebieten zwischen der südlichen Sudan People’s Liberation Army (SPLA) und Truppen aus Khartum. Nach langwierigen Verhandlungen haben Norden und Süden im März ein Abkommen unterzeichnet, das den Export von Erdöl wieder ermöglicht. Doch bis die Ölproduktion ihr Vorkriegs-Niveau von 350.000 Barrel pro Tag erreicht, könnte ein ganzes Jahr vergehen. Viele Ölfelder wurden im Kampf zerstört und die Pipelines müssen repariert werden.

Im Sezessionskrieg waren rund zwei Millionen Menschen ums Leben gekommen (heute leben etwa neun Millionen Menschen in Südsudan), es gab unzählige Verletzte und Traumatisierte. Bis heute ist das Land vom Krieg gezeichnet. Zwischen 1983 und 2005 mussten hunderttausende Familien fliehen. Um die Bombenangriffe durch Antonov-Maschinen aus dem Norden zu überleben, versteckten sich die Menschen in Erdlöchern. Auch heuer flogen die alten russischen Bomber wieder, und zwar über das umkämpfte Grenzgebiet Südkordofan. Die humanitäre Lage dort ist schlimm: Mehr als tausend Menschen fliehen jede Woche in das nächstgelegene Flüchtlingslager. Zehntausende sitzen im Grenzgebiet zwischen Nord und Süd fest.

Der Konflikt mit Khartum ist nicht die einzige Herausforderung für den jüngsten Staat der Welt. Im Norden des Landes kommt es immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gruppen.

„Nachdem der gemeinsame Feind weg ist, machen wir uns gegenseitig Probleme“, sagt Bullen Abiatara von der regierenden Partei Sudan People’s Liberation Movement (SPLM) im Bundesstaat West Equatoria. Dabei geht es vor allem um Ressourcen, um Land und Wasser. Zudem hat die SPLM Schwierigkeiten, eine funktionierende Bürokratie aufzubauen: Südsudans Verwaltungseinheiten orientieren sich oft an der Aufteilung von Bevölkerungsgruppen, die Grenzen sind nicht immer genau festgelegt. Hohe Positionen werden oft von Dinka besetzt. Sie stellen die größte Bevölkerungsgruppe des Landes, doch neben ihnen gibt es unter anderem noch die Nuer, Schilluk und die Azande. Viele Beamte gehörten im Sezessionskrieg der SPLA an, dem bewaffneten Arm der SPLM. Heute trifft man kaum auf einen erwachsenen Mann, der nicht von seinen Kämpfen zu berichten weiß. Die SPLA wurde bis 2008 von der US-Regierung mit Waffen ausgerüstet. Präsident Salva Kiir, selbst ehemaliger Kämpfer, trägt bis heute stolz einen schwarzen Cowboyhut, ein Geschenk von George W. Bush. 2009 begann die Regierung mit der Entwaffnung und der Reintegration ehemaliger Soldaten und Milizionäre.

Südsudan kämpft zudem mit einem eklatanten Mangel an gut ausgebildeten Leuten und Fachkräften. Viele Expertinnen und Experten kommen aus Kenia, Uganda und Äthiopien. „Wir haben zwar die richtigen Leute, aber sie sitzen auf falschen Positionen, für die sie nicht die nötigen Kompetenzen haben“, sagt Abraham A., der Kopilot einer afrikanischen Fluglinie ist. „Drei von zehn Arbeitern in unserem Büro wissen nicht einmal, was sie hier tun sollen.“

Über 70 Prozent der über 15-Jährigen können nicht lesen und schreiben. Viele Kinder besuchen heute die Schule, doch Unterrichtsmaterial gibt es nur vereinzelt. In den Klassenzimmern ländlicher Schulen, die im Krieg zu Militärbaracken umfunktioniert wurden, klaffen Einschusslöcher von Maschinengewehren. An den Wänden stehen die Sprüche von Soldaten, die ihre Verluste beklagen. Tische und Sessel gibt es keine. Die Lehrer sind oft ehemalige Soldaten, etwa die Hälfte von ihnen verfügt lediglich über einen Volksschulabschluss. Nur drei Prozent haben eine Universität besucht. „In anderen Ländern würde man diese Leute nicht einmal in die Nähe einer Schulklasse lassen“, sagt Deng Deng Hoc Yai. Der Staatssekretär für Bildung versucht gerade, das Schulsystem neu aufzubauen. Doch es mangelt an Geld. Lehrerinnen und Lehrer verdienen zwischen umgerechnet 50 und 100 US-Dollar im Monat – zu wenig, um zu überleben.

Die Stimmung in der Bevölkerung hat sich mit der Unabhängigkeit zwar gebessert, doch für viele hat sich seit Juli 2011 nicht genug verändert. Gerade arme Bevölkerungsschichten am Land, die ohne Strom und fließendes Wasser leben, haben kaum etwas von der Euphorie des Neustarts mitbekommen: „Der neue Staat bringt nur denen etwas, die lesen und schreiben können“, sagt Maru L., Mutter von fünf Kindern aus dem Bundesstaat Central Equatoria. „Die bekommen vielleicht Arbeit, aber was ist mit uns?“

Ayen, eine Allgemeinmedizinerin aus Juba, ist froh über die Unabhängigkeit. Die 28-Jährige sitzt in ihrem brandneuen SUV. Sie sieht kulturelle Unterschiede zwischen dem islamisch geprägten Sudan und Südsudan, in dem vor allem Christentum und lokale Religionen eine wichtige Rolle spielen: „Unter Khartums Herrschaft wurden wir als Bürger zweiter Klasse behandelt“, sagt sie. „Im Norden haben sie die Scharia, hier sind wir Christen.“ Die größten Probleme, sagt Ayen, seien die Wirtschaftslage und die mangelnde Infrastruktur. Doch wie viele andere SüdsudanesInnen hütet auch sie sich davor, die Regierung zu kritisieren.

Die Korruption durchzieht sämtliche Schichten der südsudanesischen Politik und behindert die Verwaltung an allen Ecken und Enden. Im vergangenen Juni forderte Präsident Kiir seine Minister und Beamte in einem offenen Brief dazu auf, vier Milliarden Dollar, die aus der Staatskasse gestohlen wurden, zurückzuzahlen. Gebracht hat es nichts.

Sudan und Südsudan sitzen auf einem Schuldenberg von rund 38 Milliarden Dollar. Wie viel davon schlussendlich auf den Süden fallen wird, muss erst verhandelt werden. Es ist eines der vielen Fragezeichen, die die Entwicklung des jungen Staates begleiten.

Zurück am Flughafen in Juba. Hier werden Flugtickets handgeschrieben ausgestellt, Computer gibt es keine. Abraham A., der Kopilot, taucht noch einmal auf. „Wir sind jetzt frei“, ruft er. „Aber wir haben noch einen weiten Weg zu gehen.“

Siobhán Geets schreibt als freie Journalistin für Tageszeitungen und Magazine. Im Rahmen einer Pressereise von „Licht für die Welt“ besuchte sie Südsudan.

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