Aufstand mit Milchtee

Jung, städtisch und gebildet ist eine neue Protestgeneration in Thailand. Über den Hashtag #MilkTeaAlliance findet sie auch länderübergreifend Solidarität.

Von Marina Wetzlmaier

Der 22-jährigen Soziologiestudentin „Rung" Sithijirawattanakul drohen bis zu 15 Jahre Haft wegen Majestätsbeleidigung.© Lillian Suwanrumpha / AFP / picturedesk.com

Als der thailändische Schauspieler Vachirawit „Bright“ Cheevaaree im April 2020 ein Bild auf dem Nachrichtendienst Twitter teilte, ahnte er wohl kaum, dass er damit eine internationale Bewegung entfachen würde. Es handelte sich um eine Fotocollage, die Bright vermutlich unbedacht aufgrund des Motivs teilte: Eines von vier an verschiedenen Orten aufgenommenen Fotos zeigte Hongkong, „Aufgenommen in vier Ländern“, lautete der Bildtext.

Das reichte, um die Wut chinesischer Nationalist*innen im Netz zu entfachen. Bright würde Hongkong als von China unabhängig betrachten, warfen sie ihm vor. Selbst die chinesische Botschaft in Bangkok äußerte sich in einem Facebook-Eintrag dazu und prangerte alle an, welche die Volksrepublik nicht als einziges „wahres” China betrachteten.

Der Konflikt setzte sich in den sozialen Medien fort. Thailändische Fans von Bright wehrten sich mit kreativen Wortspielen gegen die Angriffe chinesisch-nationalistischer Netzbürger*innen. Bald zeigten sich auch Internetnutzer*innen aus Taiwan und Hongkong solidarisch und schufen den Hashtag #MilkTeaAlliance.

Milchtee deshalb, um sich von China abzugrenzen, wo Tee üblicherweise ohne Milch getrunken wird. In vielen Ländern Südostasiens ist es hingegen ein beliebtes, süßes Getränk.

„Es ist jedoch keine anti-chinesische Bewegung”, betont Wolfram Schaffar, Politikwissenschaftler an der Universität Tübingen. Die Erforschung sozialer Bewegungen in Asien gehört zu seinen Schwerpunkten.

Dass der Fall so schnell Aufmerksamkeit erlangte, liegt zum einen an der großen Fangemeinde von Bright. Er ist Star der Fernsehserie „2gether“, die zum Genre der Boylove-Serien gehört, Liebesgeschichten zwischen jungen Männern oder Jugendlichen, die sich meist im Schul- oder Arbeitsumfeld abspielen. Über zwei Millionen Menschen folgen ihm allein auf Twitter.

Thailand ist führend in der Produktion solcher Serien, die mittlerweile große Fangemeinden in Ost- und Südostasien haben. Und deren Mobilisierungspotenzial zeigte sich im Fall von Bright. Schließlich traf die Auseinandersetzung, die ihre Ursprünge im popkulturellen Raum hatte, auf politischen Aktivismus.

Solidarität. Junge Aktivist*innen nutzen die #MilkTeaAlliance, um für ihre jeweiligen Anliegen länderübergreifend zu mobilisieren. Mit dem Hashtag wurden in der Folge bewusst Tabu-Themen angesprochen: Kritik an chinesischen Infrastrukturprojekten in Thailand, Forderungen nach der Unabhängigkeit Hongkongs oder nach der Anerkennung Taiwans als eigener Staat.

Aktivist*innen aus Thailand und Hongkong, die bereits seit Jahren einen Austausch pflegen, kreierten den politischen Rahmen für die Milchtee-Allianz und forcierten den Online-Protest weiter. Joshua Wong aus Hongkong etwa sprach von einer panasiatischen Solidarität, die dadurch entstanden sei.

Was die Akteur*innen eint, sind ein pro-demokratischer Diskurs und ein gemeinsamer Kampf gegen Autoritarismus. Praphakorn Wongratanawin von der Stiftung Asienhaus in Köln beschreibt die Milchtee-Allianz als loses Netzwerk, das durch ein Solidaritätsgefühl und gegenseitige Unterstützung über Ländergrenzen hinweg besteht. Nicht nur online, sondern auch durch Proteste auf den Straßen von Bangkok, Hongkong und Taipeh.

Reformverlangen. Die neue Protestbewegung in Thailand fordert im Rahmen der „milk tea alliance“ den Rücktritt der Militärregierung, die 2014 durch einen Putsch an die Macht gekommen war. Zu ihren Symbolfiguren gehört die Aktivistin Panusaya „Rung“ Sithijirawattanakul. Die Brille mit den runden Gläsern im Stile Harry Potters ist zu ihrem Markenzeichen geworden.

Im August 2020 trat sie in Bangkok vor tausende Studierende, um ein Zehn-Punkte-Manifest zu verlesen. Darin forderte sie das für Thailand Undenkbare: eine Reform der Monarchie. Den König infrage zu stellen gilt in Thailand als großes Tabu. Nach ihrer Verhaftung im Oktober drohen Rung wegen Majestätsbeleidigung bis zu 15 Jahre Haft.

Eigentlicher Auslöser der Demonstrationen in Bangkok war die Auflösung der liberalen Oppositionspartei Future Forward Party (FFP) durch das Verfassungsgericht im Februar 2020.

Die Partei ist vor allem unter jungen, städtischen Thailänder*innen beliebt. Sie sehen das Verbot als politisch motiviert und befürchten den Ausbau einer absoluten, von der Armee gestützten, Monarchie in Thailand.

Die Proteste brachten an ihrem Höhepunkt rund 10.000 Menschen auf die Straßen Bangkoks, laut manchen Aktivist*innen sogar bis zu 30.000. Über die „milk tea alliance“ erhielten sie auch in Hongkong und Taiwan Unterstützung, wo kleinere Solidaritätskundgebungen stattfanden.

Ohne Rothemden. Auffallend ist, dass es sich bei der Protestbewegung vor allem um Jugendliche aus der thailändischen städtischen Mittelschicht handelt, um Studierende und Akademiker*innen – eine privilegierte Bevölkerungsschicht. Die Akteur*innen der letzten großen Protestbewegung, im Jahr 2010, die sogenannten „Rothemden“, mischen dabei nur am Rande mit.

Die Rothemden waren rund um den Geschäftsmann Thaksin Shinawatra gegründet worden. Ihnen standen in der politischen Auseinandersetzung vor rund zehn Jahren die „Gelbhemden“, also Anhänger*innen der Monarchie, gegenüber.

Die Rothemden kommen vorwiegend aus den ländlichen Regionen im Nordosten Thailands, arbeiten in prekären Verhältnissen oder im informellen Sektor. „Sie haben andere soziale Hintergründe und politische Einstellungen“, sagt Wissenschaftlerin Wongratanawin von der Stiftung Asienhaus im Hinblick auf die Milchtee-Allianz.

Der Opposition in all ihrer Breite – von Rothemden bis zur „milk tea alliance“ – fehle es durch gesellschaftliche Ungleichheit an einem gemeinsamen Nenner. Ohne eine Öffnung entgehe der aktuellen Bewegung viel Mobilisierungspotenzial, sagt Politologe Schaffar: „Wenn man nicht alle ins Boot holt, hat man wenig Aussicht auf Erfolg.“

Hinzu kommen laut Wongratanawin Spaltungen zwischen den jungen Milchtee-Protestierenden. „Ein Teil der Bewegung hat sich radikalisiert“, sagt sie.

Gegenwind. Mobilisierungen auf der Straße sind für die Akteur*innen der Milchtee-Allianz schwieriger geworden. In Hongkong sicherte sich China mit einem neuen Sicherheitsgesetz direkte Eingriffe in das Autonomiegebiet, etwa in die Strafverfolgung.

In Thailand haben Verhaftungswellen und die Corona-Pandemie die Proteste zum Stillstand gebracht. Im Internet bleibt sie aber aktiv, weiterhin tauchen Postings unter dem Hashtag #MilkTeaAlliance auf.

Auch neue Ableger der Allianz haben sich formiert, etwa auf den Philippinen, wo die Bewegung jedoch noch nicht auf der Straße aufgetreten ist.

Beide Expert*innen – sowohl Schaffar als auch Wongratanawin – meinen, dass es Überlegungen vonseiten der Aktivist*innen gibt, die Mobilisierungen neu aufzunehmen – in welcher Form, wird sich zeigen. Abwarten und Teetrinken.

Marina Wetzlmaier ist freie Journalistin und lebt in Wels/Oberösterreich.

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