Auslandsjournalismus braucht Grenzwerte

Warum die ethischen Leitwerte von KorrespondentInnen insbesondere dem Gesetz des „Nichtverletzens“ folgen müssen, erklärt Jana Donat.

Hungerkrisen, Naturkatastrophen, ethnische Konflikte – darum drehen sich viele Medienbeiträge über den globalen Süden. Westliche Mächte prägen durch politische Entscheidungen, Entwicklungszusammenarbeit das Leben unzähliger Menschen im globalen Süden – und auch durch Berichterstattung.

Durch die Medien wissen wir allerdings mehr über ihr Sterben als ihr Leben, wie ich im Zuge von Analysen im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit feststellen konnte. Nicht nur der Fokus auf Krisen sorgt für mediale Verzerrungen, sondern auch strukturelle Ursachen: etwa der zunehmende sogenannte Fallschirmjournalismus, gekennzeichnet durch das unmittelbare, kurzzeitige Einfliegen von JournalistInnen in die berichtenswerte (Krisen-)Region, Zeit- und, im Fall von Onlinemedien, Klickratendruck sowie die alleinige Zuständigkeit einer Korrespondenz für ganz Afrika oder Südamerika.

Dabei wird der globale Süden durch die eurozentrische Brille teilweise als eine homogene, passive Masse betrachtet. Diese Tendenzen untergraben auch die individuelle Berufsethik, welche im Auslandsjournalismus umso anspruchsvoller und folgenreicher ist.

Grund- und Grenzwerte. „Do No Harm“ („Richte keinen Schaden an“) ist für EntwicklungshelferInnen ein zwar teilweise ungreifbares, aber doch ungeschriebenes Gesetz.

Auch JournalistInnen können im globalen Süden durch ihr Eingreifen „von außen“ Schaden anrichten. Der Auslandsjournalismus braucht daher nicht nur Grundwerte, sondern ein Bewusstsein für Grenzwerte. Das Gebot des Nichtverletzens bedeutet, die eigenen Grenzen zu verstehen und die anderer zu respektieren. Das journalistische Handeln und Nichthandeln bedarf einer bewussten Integration in die Entscheidungen bei der Recherche vor Ort und der medialen Repräsentation.

Legen JournalistInnen ihre ideologischen Scheuklappen bei der Recherche ab und sind sie offen für neue Perspektiven? Ist ihr Verhalten vor Ort moralisch und kulturell angemessen? Ethische Dilemmata sind für JournalistInnen unvermeidbar. Ein durch Erfahrung geprägtes Grenzwertbewusstsein bildet die Basis für folgende Grundwerte, die nie ihre Gültigkeit verlieren dürfen:

Empathie & Distanz. KorrespondentInnen im globalen Süden verkörpern das Bindeglied zwischen europäischen Perspektiven und Ansichten vor Ort, die nur durch den Balanceakt zwischen Empathie und Distanz erfahr- oder erzählbar werden. Die große Herausforderung der AuslandsjournalistInnen lautet dabei: die eigenen Vorstellungen hintanstellen, aus der Sicht anderer Kulturen her denken, komplexe Zusammenhänge erklären – ohne das Publikum dabei mit Stereotypen zu unterfordern.

Überzeugung & Selbstzweifel. Die eigene Arbeitsmoral muss über den bloßen Broterwerb hinausgehen. Die Überzeugung von der Sinnhaftigkeit der Berichterstattung verlangt zusätzlich ein permanentes Sich-Hinterfragen. Überzeugung und Selbstzweifel scheinen zunächst in einem unauflösbaren Widerspruch zu stehen. Doch genau diese Wechselwirkung führt zur verantwortungsvollen und selbstreflexiven Haltung.

Wahrhaftigkeit & Permanenz. Die LeserInnen, SeherInnen und HörerInnen können die Berichte aus dem globalen Süden meist nicht – wie bei den Lokalnachrichten – mit der eigenen Erfahrungswelt vergleichen. Umso wichtiger werden dabei Multiperspektivität und Transparenz, um auch die Standortgebundenheit und Argumentation der JournalistInnen nachvollziehen zu können. So bleibt nicht Objektivität, sondern Wahrhaftigkeit das höchste Gut des Journalismus, welcher im Ausland durch seine Transkulturalität umso mehr Transparenz und Kontinuität braucht.

Zudem bestimmt die Permanenz, also die Dauerhaftigkeit, die mediale Repräsentation des globalen Südens, wie auch die innere Haltung der JournalistInnen, wodurch alle Leitwerte zu gleichzeitigen und integralen Bestandteilen des Berufsethos werden.

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