Befreiung von oben

Franziskus wird schon jetzt als Papst der Armen gefeiert. Dabei verwendet er gerne Gesten der in Lateinamerika entstandenen Befreiungstheologie, ohne sich tatsächlich zu ihr und zu ihrer radikalen Gesellschaftskritik zu bekennen.

Von Wolfgang Thielmann
Fußwaschung am Gründonnerstag: Papst Franziskus wusch und küsste die Füße von InsassInnen eines Jugendgefängnisses in Rom. Erstmals inkludierte ein Papst in das Ritual auch Frauen.

Franziskus, der neue Papst, erobert die Herzen im Sturm. Dabei ist noch gar nicht klar, was der neue Papst mit einer Kirche an der Seite der Armen meint, von der seine Predigten und Gesten zeugen – etwa die Fußwaschung im Gefängnis, an Männern und Frauen, ein kleiner, kalkulierter Bruch des Kirchenrechts. Sein Verhalten nährt Hoffnungen. Zum Beispiel darauf, dass er den theologischen Entwürfen seines Heimatkontinents zu einem anerkannten Platz in der katholischen Kirche verhilft. Allen voran steht da die Theologie der Befreiung, die Mutter aller sogenannten kontextuellen Theologien, die die Theologie nicht als zeitloses Gebäude aus Dogmen verstehen, sondern als eine Botschaft, die angesichts der sie umgebenden Zustände immer neu bedacht und reformiert werden muss. Sie lässt sich dabei nur schwer umgrenzen. Selbst der Vatikan, der sich 1984 von zentralen Gedanken distanzierte, sprach nur von bedenklichen Aspekten der Befreiungstheologie, ohne den Begriff selbst abzulehnen.

Die große Entdeckung der Befreiungstheologen war die Armut, die sie umgab. Und die Tatsache, dass sie menschengemacht war und kein Schicksal, das man hinnehmen muss. Und dass die Kirche bisher auf der Seite des Reichtums gestanden hatte. Die katholische Kirche in Lateinamerika war im Gefolge der Eroberer aus der alten Welt auf den Kontinent gekommen. Zwar hatten Jesuiten und andere sich schon früh für die indigene Bevölkerung eingesetzt. Doch auch Jesuiten predigten im Konflikt Gehorsam. Sie konnten sich gegen die politischen Machtkämpfe, in die die Kirche eingebunden war, nicht durchsetzen. Selbst das gut katholische Internetlexikon „Kathpedia“ räumt ein: „Bis heute wirkt die Verquickung des kolonialen Großgrundbesitzes mit der Kirche nach und bereitete damit einen wirksamen Nährboden für die Befreiungstheologie.“

Als Papst Franziskus nach seiner Wahl von den Armen sprach und einer armen Kirche, da hörten viele erstaunt hin. Und fragten sich, ob der Erzbischof aus Buenos Aires ein verkappter Anhänger der Befreiungstheologie war. Er selber legt sich nicht darauf fest.

Zu den Glücklichen über den neuen Papst gehört der frühere Franziskanerpater Leonardo Boff. Der Professor aus dem brasilianischen Petrópolis ist der berühmteste Befreiungstheologe des lateinamerikanischen Kontinents. Und er hat seine Berühmtheit seinem Dauerkonflikt mit der katholischen Hierarchie zu verdanken, so dass er aus seinem Orden austrat und seine Priesterweihe zurückgab, um seither als Professor für eine gerechte Welt zu kämpfen.

Boff erwartete nichts, aber auch gar nichts mehr von der alten Kirchenführung unter Papst Benedikt XVI., der ihn gemaßregelt hatte. Jetzt sieht er seine Ansichten bestätigt: Dem neuen Papst sei „bewusst, dass die Kirche kurz vor dem Kollaps stand infolge des Autoritätsverlusts durch die diversen Skandale, und da sie das Wertvollste, das sie besessen hatte, einbüßen musste: die Moral und die Glaubwürdigkeit.“ Boffs Hoffnung auf Franziskus ist daher groß: „Mit seiner pastoralen Erfahrung und seiner Sichtweise von unten kann er die Kurie umgestalten, die Verwaltung dezentralisieren und der Kirche ein neues, glaubwürdiges Gesicht verleihen.“

Ähnlich wie Boff denkt auch Erwin Kräutler, der aus Österreich stammende Bischof von Xingu, der flächengrößten Diözese Brasiliens im Norden des Landes, mit Bischofssitz im Bundesstaat Pará. Beide, Kräutler und Boff, vereint, dass sie für ihr Engagement zugunsten der Umwelt den Alternativen Nobelpreis erhalten haben. Kräutler ist begeistert vom neuen Papst: „Ear engagiert sich ganz bewusst für die Ausgegrenzten und vertritt damit eines unserer Hauptanliegen“, sagte er dem deutschen Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. „Wenn er die Bedürftigen nicht nur als arme Hascherl ansieht, sondern fragt, welche Strukturen dafür verantwortlich sind, dass es ihnen immer schlechter und den Reichen immer besser geht, dann ist das ein Grundanliegen der Befreiungstheologie.“ Er hat Erwartungen an den Papst: „Ich erwarte eine starke Rückendeckung für die Arbeit in unseren kleinen Basisgemeinden. Dass die Kirche dezentralisiert wird.“

Die letzten Sätze lassen auch bei Kräutler Kritik am bisherigen Kurs Roms erkennen. Dabei ist Kräutler ein Sohn der Kirche: 1939 in Koblach geboren, maturierte er in Salzburg und wurde Missionar vom Kostbaren Blut. Anders als Boff hat er sich nie von der Kirche abgewandt, obwohl er sich wie dieser zur Befreiungstheologie bekennt. Allerdings wurde er auch nicht wie Boff mit Bußschweigen und Lehrverbot belegt. Zum Bischof wurde Kräutler schon 1980 geweiht, vier Jahre bevor der Vatikan erstmals Irrlehren in der Theologie der Befreiung verurteilte. In den letzten Jahren machte ihn der Kampf gegen das Mega-Kraftwerksprojekt Belo Monte bekannt. Dabei soll der Xingu-Fluss mehrmals gestaut werden. Dafür sind die Planer bereit, das Lebensgebiet von tausenden Indigenen zu zerstören. Der Preis für Kräutlers Einsatz ist hoch: ein gespanntes Verhältnis zur Regierung; Morddrohungen und ein Attentat, das er schwer verletzt überlebte.

Die Befreiungstheologie fand unter den Bischöfen Anhänger und Gegner. Zwar haben sich die Bischöfe schon 1979 auf einer gemeinsamen Konferenz im mexikanischen Puebla auf eine „vorrangige Option für die Armen“ festgelegt und damit einen Kerngedanken der Theologie der Befreiung aufgenommen. Doch auf der anderen Seite fanden sich genug konservative Bischöfe, die in Zeiten von Militärdiktaturen eine zwielichtige Rolle im Dunkel von Doppelmoral und korrupter Oberschicht spielten. So ist der argentinische Klerus bis heute dabei, seine Rolle während der Militärdiktatur bis 1983 aufzuarbeiten. Und es heißt, dass bis in die jüngste Vergangenheit Kollaborateure vom Vatikan gedeckt worden seien. Aber auch darüber hinaus gelang es dem Katholizismus auf dem katholischsten aller Kontinente nicht, den Machismo zu überwinden oder soziale und moralische Prägekraft zu entfalten. Ganz im Gegenteil musste er zusehen, wie sich in seiner Mitte die so genannte charismatische Bewegung, dazu gehört etwa die Pfingstkirche, wie nirgends sonst auf der Welt entfaltete. Sie geht das Thema der Armut mit einem optimistisch-individuellen Appell an und verbreitet damit Hoffnung.

In Argentinien besuchen heute mehr ChristInnen charismatische als katholische Gottesdienste. In Brasilien gehen 36 Prozent der KatholikInnen, aber 90 Prozent der CharismatikerInnen sonntags zur Kirche. Ihr Netzwerk ist dichter, ihr Wachstum ungebrochen. Die selbstbestimmte protestantische Frömmigkeit hat das Modell der „Basisgemeinden“, wie sie von Befreiungstheologen gegründet wurden, perfektioniert. Und sie profitiert von einem Niedergang der Befreiungstheologie. Nach dem Fall des sowjetischen Machtblocks geriet diese in eine Krise. Denn sie hatte sich zu lange und zu intensiv mit der marxistischen Gesellschaftsanalyse verbunden.

Der Klassenkampf, dessen sich die Menschen im Ostblock mit Macht entledigten, taugt auch in Lateinamerika nicht mehr als Motivation.

Der neue Papst weiß, dass die Kirche seines Kontinents Reformen braucht und sich um die selbstbewusst gewordenen kleinen Leute kümmern muss. Er tut es mit den Gesten und Gedanken von Befreiungstheologen. Doch in seinen Äußerungen bleibt er immer in den Grenzen, die Kardinal Ratzinger schon 1984 um die Theologie der Befreiung gezogen hat. Der hatte davor gewarnt, die Kirche in die Kritik an den bestehenden Machtstrukturen einzubeziehen. Stattdessen forderte er, den Kampf gegen Armut und Ungerechtigkeit nur zusammen mit den Bischöfen und im Gehorsam gegenüber der Kirche aufzunehmen. Also stellt Franziskus die Kirche in den Mittelpunkt seiner Überlegungen, die Kirche, die selber Reformen braucht, die sich neu konditionieren muss, um ihre Verkündigungsaufgabe zu erfüllen. Aber die auch selber definiert, was Armut ist und wie sie ihr begegnet. Auch Franziskus sieht die Armut aus der Sicht der Kirche: von oben. l

Wolfgang Thielmann ist stellvertretender Ressortleiter „Christ und Welt“ bei der Wochenzeitung DIE ZEIT.

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