„Bin ich Gott?“

Von lym ·

Die Schriftstellerin Waris Dirie besuchte zum dritten Mal Wien, um eine Literaturklasse zu leiten und ihre Stiftung „desert dawn“ vorzustellen.

Sie kennen meine Geschichte, sonst wären Sie heute Abend wohl nicht hier“, sagt Waris Dirie Mitte Oktober im restlos ausverkauften großen Saal des Radio Kulturhauses in Wien. Sie hat Recht: Jeder kennt Waris Dirie, Fotomodel, Somalierin, Bestsellerautorin („Wüstenblume“, „Nomadentochter“) und UNO-Sonderbotschafterin gegen weibliche Genitalverstümmelung. Waris Dirie wurde mit fünf Jahren beschnitten. Mit 14 floh sie aus ihrer Heimat weil sie gezwungen werden sollte, einen älteren Mann zu heiraten. Zuerst nach Mogadischu und dann nach London. Dort wird sie als Model entdeckt, lebt und arbeitet anschließend in New York. „Sie würden mir gar nicht zuhören, wenn ich nicht ein berühmtes Model gewesen wäre.“ Waris Dirie spaziert unruhig auf der Bühne auf und ab und deutet auf die Zuhörenden. Die Wiener „Schule für Dichtung“ hat Dirie nach Wien geladen, wo sie zehn Wochen lang (bis Mitte Dezember) eine Internetklasse unter www.sfd.at leitet.
Christian Ide Hintze, Leiter der Schule für Dichtung, fasziniert die orale Tradition in der somalischen Dichtung. „Die meisten Menschen kennen nur die schreckliche Seite von Somalia, haben die Bilder vom Bürgerkrieg im Kopf. Doch Somalia ist vor allem auch ein Land der Poesie, der mündlichen Überlieferungen“, so Hintze.

Unter dem Titel „uncut and natural“ (unbeschnitten und natürlich) können Internet-UserInnen virtuell auf Englisch mit Waris Dirie in Kontakt treten. Gedichte, Sprüche und Kurztexte können verfasst und auf dem Website www.sfd.at gepostet werden. Dirie wird einen Teil der Beiträge kommentieren. „Das ist eine schöne Art und Weise miteinander zu kommunizieren, Kulturen auszutauschen“, sagt Shurla Blades, Leiterin der Stiftung „desert dawn“ (www.desertdawn.org).
Für die Stiftung werden vor allem Spenden gebraucht, um in Somalia Gesundheitszentren für beschnittene Frauen aufzubauen. Weiters soll in Somalia Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden, um dem grausamen Ritual ein Ende zu bereiten. „Ich habe den Wunsch, dass alle Frauen auf der Welt unbeschnitten und natürlich bleiben“, sagt Waris Dirie.
„Warum seid ihr heute Abend hier?“, fragt Dirie, „Bin ich Gott?“ Eine Frau ruft: „Nein, das sind Sie bestimmt nicht, deshalb bin ich auch nicht gekommen!“ Unruhe und teilweise sogar Bestürzung machen sich breit. Manch eineR verlässt den Saal. Wütend.
Auf diejenigen bezogen, die den Saal protestierend verlassen hatten, meint die Moderatorin des Abends, die Assistentin an der Akademie für Angewandte Kunst, Renée Gadsden: „Das ist keine Veranstaltung der Afrikanistik oder Völkerkunde. Das ist eine Veranstaltung der Schule für Dichtung. Sie erleben hier zeitgenössische Kunst.“
Andere wiederum nahmen Waris Dirie, so wie sie sich gab, waren geradezu verzückt von ihrer spontanen, mutigen und gefühlsbetonten Art. Eine Frau aus dem Publikum springt auf und ruft: „Wenn ich Sie sehe, bin ich stolz, eine Frau zu sein.“ Tosender Applaus. In der Pause und nach der Veranstaltung wird die Somalierin bestürmt, alle wollen mit ihr reden, ein Autogramm einheimsen, sie umarmen, einen Blick erhaschen, ein Foto von ihr machen. Niemand im Saal blieb unberührt.

Literatur:
Waris Dirie: „Wüstenblume“, Taschenbuchausgabe, Heyne Verlag, 281 Seiten, 2 9,20 (siehe Rezension in SWM Nr. 5/1999)
„Nomadentochter“, Verlag Blanvalet, München 2002, 288 Seiten, 2 22,60 (siehe Rezension in SWM Nr. 10/2002)

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