Brief aus Taipei

Von Brigitte Pilz ·

Mitten in den Vorbereitungen meiner Reise nach Taiwan, Anfang Oktober, rief ein Bekannter an. „Was, du fliegst zu den bösen Chinesen?“ meinte er entrüstet. Als Vertreter der 68er-Studenten-Generation galt seine Sympathie und Hoffnung damals der Volksrepublik China unter Mao Tsetung. Taiwan war die Provinz, auf die sich die Nationalisten unter Chiang Kai-shek nach der siegreichen Revolution der Kommunisten auf dem Festland 1949 zurückgezogen hatten. Die Kuomintang (KMT) regierte die Insel mit Kriegsrecht und eiserner Hand „bis zur Rückeroberung ganz Chinas“.
Heute finde ich mich hier mitten in einem demokratischen Wahlkampf. In den achtziger Jahren hat eine mutige soziale Bewegung begonnen, Mitsprache zu fordern und zu erkämpfen. Auch innerhalb der KMT gab es Veränderungen. 1987 wurde das Kriegsrecht aufgehoben und weitere politische Parteien wurden zugelassen. 1988 gab es mit Lee Teng-hui erstmals einen Taiwanesen (und nicht einen auf dem Festland geborenen Chinesen) als Präsidenten.
Vieles ist noch unausgegoren in dieser jungen Demokratie. Das brisanteste und heikelste Thema ist jedoch die Haltung der politischen Parteien und ihrer VertreterInnen zur Volksrepublik – kurz gesagt: Anstreben der Wiedervereinigung mit China oder der Unabhängigkeit Taiwans (dazu können Sie im SWM 1-2/2002 mehr lesen).

Um an den Beginn zurück zu kommen: Einmal gefasste Meinungen dürfen auch revidiert werden. Differenziertes Wahrnehmen von Konflikten ist erforderlich, um Lösungen näher zu kommen. Gerade in der heutigen Zeit ist das Denken in Schwarz-Weiß-Kategorien gefährlicher denn je.
Weniger die Haltung „gut hier – böse dort“ mag ausschlaggebend sein für eine zumindest seltsam anmutende Entscheidung europäischer Staaten. Im Februar d.J. wurde von der Liberalen Internationale der diesjährige „Preis für Freiheit“ Chen Shui-bian, dem derzeitigen Präsidenten Taiwans, für seine Verdienste im Kampf um die Demokratisierung seines Landes verliehen. Preisträger aus den Vorjahren sind Aung San Suu Kyi, Mary Robinson oder Vaclav Havel. Chen Shui-bian kann den Preis nicht persönlich in Empfang nehmen, weil ihm die dänische, die holländische und auch die französische Regierung die Einreise verweigern. Begründung ist ein inoffizielles Übereinkommen der EU-Mitglieder: keine Visa für die fünf ranghöchsten taiwanesischen Politiker. Dahinter mag diplomatischer Druck Pekings stecken, sicher auch die Sorge, sich das Geschäft mit dem Hoffnungsmarkt China durch eine taiwanfreundliche Haltung zu verderben, denn Peking ist in dieser Frage unerbittlich: Taiwan ist eine Provinz der VR. Mutigeres Vorgehen europäischer Regierungen wäre allerdings wünschenswert.

P.S.: Im Namen des gesamten SÜDWIND-Teams wünsche ich Ihnen ein friedvolles Weihnachtsfest und viel Glück im Neuen Jahr. Das nächste SÜDWIND-Magazin erscheint Ende Jänner 2002.


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