Brücken statt Mauern

Über 900 AktivistInnen aus Europa und Westafrika trafen einander in Paris zu einem zivilgesellschaftlichen Gipfel gegen die Migrationspolitik der EU.

Von Dieter A. Behr
Als Gegenveranstaltung zur zweiten EU-Afrika-Ministerkonferenz Ende November in Paris trafen sich am 17. und 18. Oktober über 900 AktivistInnen von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Gewerkschaften aus Europa und Afrika. Die Konferenz trug das Motto "des ponts pas des murs" (auf Deutsch: Brücken, keine Mauern). Als Ort wurde Montreuil gewählt, ein Pariser Vorort, der stark durch Immigration aus dem Maghreb und aus Westafrika geprägt ist. In diesem Stadtteil sind Sans-Papiers - MigrantInnen mit prekärem oder ohne legalen Aufenthaltsstatus - und französische AktivistInnen gut organisiert, u.a. in besetzten Häusern und Sozialzentren. Themen waren neben Migration auch solidarische Ökonomie und Entwicklungsmöglichkeiten für Afrika - nicht mit karitativen Methoden, sondern im Sinne von Selbstermächtigung und Widerstand. Das Treffen setzte wichtige Akzente gegen die aktuelle Migrationspolitik der EU und endete mit einer Demonstration für Bewegungsfreiheit und Legalisierung von Sans-Papiers.

Madjiguène Cissé, die in deutschsprachigen Ländern mit ihrem Buch "Papiere für alle" bekannt geworden ist, stellte ihre Organisation REFDAF - "Netzwerk von Frauen für nachhaltige Entwicklung in Afrika" vor. Die aus Senegal stammende Aktivistin nahm als Schülerin an der 68er-Bewegung in Dakar Teil, ging zum Studieren nach Deutschland und war lange Zeit Sprecherin der Sans-Papiers in Frankreich. Vor acht Jahren ging sie zurück nach Dakar und gründete REFDAF. Mit Blick auf die Sans-Papiers-Bewegung wie auch auf eine eigenständige Entwicklungspolitik in Senegal erklärt Cissé: "Wenn kein spezieller Anlauf genommen wird, dass Frauen sich selbst organisieren, gewinnen die alten Gewohnheiten die Oberhand und die Diskriminierung bleibt bestehen! Zu Beginn war es bei den Kirchenbesetzungen der Sans-Papiers in Frankreich nicht vorstellbar, dass Frauen bei den Versammlungen mitmachen." Diese Situation hat sich, gerade dank des Engagements von Madjiguène Cissé, zum Positiven verändert.

Mit dem Projekt REFDAF läuft nun seit einigen Jahren ein ähnlicher Prozess in Senegal: "Es geht uns darum, gemeinsam, von der Basis her, selbstbestimmte Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen, indem wir von den Problemen, den Wünschen, aber auch vom Knowhow der Frauen ausgehen", so Cissé. Im Mittelpunkt steht die ökonomische Eigenständigkeit von Frauen, Bildung, Empowerment, das Eintreten für Bewegungsfreiheit sowie die Vernetzung mit europäischen AktivistInnen in antirassistischen Bewegungen.
Die Konferenz zeigte, dass zwischen Paris und Dakar nicht nur ein (sinnloses) Autorennen stattfindet, sondern sich auch soziale Bewegungen tummeln und austauschen, von denen im deutschsprachigen Raum einiges gelernt werden kann.

Dieter A. Behr ist Politikwissenschaftler und Aktivist im Forschungs- und Solidaritätsnetzwerk "Landwirtschaft und Migration" des Europäischen BürgerInnenforums.

Zum Weiterlesen:
Madjiguène Cissé: Papiere für alle. Die Bewegung der Sans Papiers in Frankreich. Assoziation A, 2002.
www.refdaf.org
www.despontspasdesmurs.org

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