Büchertips

Von Redaktion ·

Jeanette Erazo Heufelder: Gloria Cuartas. Bürgermeisterin für den Frieden. Lamuv Verlag, Göttingen 1999. 240 Seiten, öS 218,-.

Eigentlich ist es ein Wunder, daß sie ihre Amtszeit lebend überstand: Gloria Cuartas, von 1995 bis 1997 Bürgermeisterin der nordkolumbianischen Kleinstadt Apartadó, einem Zentrum des mörderischen Kleinkriegs zwischen Guerilla, paramilitärischen Gruppen und Staatsgewalt. Sie wagte es, gegen die Gewaltausübung aller beteiligten Konfliktparteien aufzutreten, aktive Friedens- und Menschenrechtsarbeit zu leisten (wofür sie 1996 von der UNESCO ausgezeichnet wurde), ohne sich durch politische Feindseligkeiten und Drohungen gegen ihre Person aufhalten und einschüchtern zu lassen.

In ihrer dreijährigen Amtsperiode – eine direkte Wiederwahl ist laut kolumbianischer Verfassung nicht möglich – verlor Gloria Cuartas im Rathaus 17 MitarbeiterInnen durch Mordanschläge. In Apartadó, einer Stadt mit knapp 100.000 EinwohnerInnen, wurden in derselben Zeit 1200 Personen umgebracht: Menschenrechtsverteidiger, Rechtsanwälte, LehrerInnen, Gewerkschafter, Bäuerinnen – kurzum alle, die sich für ein Ende der fanatischen Intoleranz einsetzten oder der Parteinahme für eine andere Konfliktpartei verdächtigt wurden.

Die Akteure des Gemetzels sind vielfach: die Guerilla, Bürgerwehren, politische Splittergruppen – und vor allem die paramilitärischen Todesschwadronen des Carlos Castańo, die 1996 in Apartadó eindrangen. Damit war, wie Gloria Cuartas bald erkennen mußte, ihr Versuch einer politischen Konsensbildung im Rathaus gekippt.

Nach Auslaufen ihrer Amtszeit arbeitete Gloria Cuartas ein Jahr lang für die UNESCO in einem weltweiten „Netzwerk der Städte für den Frieden“. Heute ist sie wieder in Kolumbien tätig, in einer Art Krisenberatung für Stadtverwaltungen in Konfliktgebieten.

Die Autorin – Ethnologin, Regisseurin von Dokumentarfilmen, Drehbuchautorin – hat aus dem Porträt einer Bürgermeisterin einer kleinen Stadt am Ende der Welt, von uns aus betrachtet, einen hinreißend direkten, authentischen Bericht über die gegenwärtigen politischen Probleme Kolumbiens und über die existierenden und möglichen Alternativen zu Krieg und Gewalt geschrieben. Ein ausgezeichnetes Buch, in dem, bei aller Dramatik der geschilderten Situation, das Prinzip Hoffnung neue Nährung erfährt.

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Tenzin Choedrak

Der Palast des Regenbogens

Insel Verlag, Frankfurt am Main, 318 Seiten, öS 291,-

Der Leibarzt des Dalai Lama erinnert sich: nicht nur an seine Kindheit in Armut, seinen Eintritt ins Kloster und seine harte Ausbildung in traditioneller tibetischen Medizin: auch an die 21 Jahre in chinesischen Gefängnissen und Konzentrationslagern.

Schon die Kindheit des Halbwaisen ist von tiefer Religiosität geprägt. Ungeschönt schildert Choedrak die im Kloster herrschende unspirituelle Zucht und die strengen Hierarchien. Einige der Buben flüchten. So auch Choedrak, der schließlich seine Lebenschance darin sieht, Arzt zu werden. Tatsächlich schafft er es als Armer (die Aufnahme in tibetische Klöster und Ausbildungsstätten muß erkauft werden), ohne Protektion und bereits ein paar Jahre älter als die anderen Studenten, einen Ausbildungsplatz im berühmten Mentsikhang in Lhasa zu bekommen.

Choedraks Biographie bietet Einblicke in Denk- und Arbeitsweise der traditionellen tibetischen Medizin, die sich hierzulande seit dem Film „Die Kunst des Heilens“ einer gewissen Popularität erfreut. Die Menge des sich einzuverleibenden Wissens scheint unermeßlich. Unter härtesten Bedingungen werden Kräuter auf den windigen Berggipfeln gesammelt. Doch ungeachtet der komplexen Diagnose- und Behandlungsmethoden (Pulsmessungen, Moxibustionen, Kräutermischungen, Meditationen u.a.m.) ist es doch die Geisteshaltung, der uneingeschränkte Wille zu helfen, was einen guten tibetischen Arzt ausmacht.

Choedrak erzählt sein Leben als das eines einfachen Menschen, nicht eines Auserwählten. Die Rolle als Lhamenpa, als Leibarzt des Dalai Lama, fällt ihm als jahrgangsbesten Absolventen des Mentsikhang zu. Und nur deshalb wird der unpolitische Choedrak zum politischen Gefangenen der chinesischen Invasoren.

Seine Schilderungen der unsäglichen Greuel, die den gefangenen TibeterInnen von den Chinesen angetan werden, klagen dennoch nicht an. Aus ihnen spricht vielmehr die Trauer über den gewaltsamen Verlust der eigenen Kultur, der Zerstörung der Flora und Fauna durch den Raubbau der chinesischen Besatzer und besonders über die Kollaboration seiner eigenen Landsleute.

„Wir mußten überleben, um Zeugnis abzulegen.“ In diesem Sinne sind Choedraks Lebenserinnerungen zu einem hochpolitischen Buch geworden, das aus der Viezahl von aktuellen Tibet-Publikationen durch seine Authentizität, durch die überragende geistige Kraft und tiefe Religiosität des Autors hervorsticht.. Es kann heute im Westen kaum einen besseren publizistischen Advokaten für die Sache Tibets geben.

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