Bussi, Bussi

Was meine Oma, die beste Diskussionspartnerin der Welt, zu gleichgeschlechtlicher Liebe sagt.

Gedanken von Welt von Louna al Mousli

Hier saßen wir mal wieder, im Wohnzimmer in ihrer Wohnung in Wien. Oma und ich. Sie macht sich seit Jahren ihre Gedanken über ihren Glauben und schreibt alles auf. Doch schafft sie es nicht, alles in einem Notizbuch zu sammeln. Ein Gedanke steht im Ikea-Katalog bei den Küchenutensilien, ein anderer in einer Zeitung zwischen den Zeilen.

Wenn ich eine gute Diskussionspartnerin brauche, ist sie die Beste.

Bei unserem letzten Gespräch ging es um gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Diese werden in arabischen Gesellschaften nicht gern gesehen, obwohl es sie hinter verschlossenen Türen natürlich gibt.

Manche arabische Männer sind mit Vorurteilen behaftet und in der Begrüßung „europäischer“ Männer sehr vorsichtig, damit auch nichts missverstanden werden kann. Es soll ja nichts falsch interpretiert werden.

Dabei: würde man sich einmal anschauen wie in „südländischen“ Kulturen begrüßt wird, wäre man schnell erstaunt. Ein Händeschütteln alleine reicht nicht aus, wenn nicht eine Umarmung folgt – und das Ganze auf offener Straße. Dann kommt ein Bussi links, dann ein Bussi rechts.

Die Umarmung ist so fest, dass der Geruch des einen sich automatisch auf den anderen überträgt. Bei Frauen ist es nicht anders. Würde man jemanden in Österreich so begrüßen, würde man sofort komisch angestarrt werden.

Oma suchte in ihren Notizen und meinte: Ich muss aber ehrlich zugeben, jeder soll lieben wen er will, aber ich kann es mir kaum vorstellen, wie Kinder mit zwei Männern oder Frauen aufwachsen sollen. Wen nennen sie Papa und wen nennen sie Mama? Kinder werden heutzutage immer gemeiner, dafür werden sie sicher von anderen gemobbt. Auch wenn es die Kinder schaffen, eine gute Beziehung aufzubauen und die Familie gut damit klarkommt, ich befürchte, sagte Oma, unsere Gesellschaft ist noch nicht so weit. Weder hier im Westen noch im Osten. Ach, dort haben wir derzeit wirklich anderes durchzustehen und gesellschaftlich zu etablieren. Sie drehte sich um und kramte weiter.

Luna Al-Mousli, geboren 1990 in Melk, aufgewachsen in Damaskus, lebt und arbeitet heute als Autorin und Grafik-Designerin in Wien. Abwechselnd mit Nadia Baha macht sich Luna Al-Mousli in jeder zweiten Ausgabe des Südwind-Magazins „Gedanken von Welt“.

luniverse.xyz

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