„Chico Mendes war ein Visionär“

Von Martin Frimmel · · 1999/01

Martin Frimmel sprach für das SÜDWIND-Magazin mit dem Gouverneur des Bundesstaates Acre, Jorge Viana von der Arbeiterpartei.

Frage: Sie waren ein guter Freund von Chico Mendes. War er ein charismatischer Mensch?

Er war ein großartiger Mann, und er war ein Visionär. Er lebte im Amazonas und verteidigte die spezifischen Rechte der Landbevölkerung. Die Art und Weise, wie er er die Landbevölkerung organisierte und unterstützte, hat auch mitgeholfen, die Natur zu verteidigen. Die gesamte Welt ist auf den Kampf aufmerksam geworden, denn er hat die Umwelt verteidigt, in der wir alle leben.

Frage: Hat er immer schon gewußt, daß er bedroht wird?

Er hat von den Drohungen gewußt, und er war sich sicher, daß er das Jahr 1988 nicht überleben würde. Es war eigentlich klar, weil er sehr viel Risiko auf sich genommen hat. Wir haben das aber erst sehr spät erkannt, denn schließlich war das ja ein politischer Kampf. Die physische Eliminierung war einfach die nächste Stufe der Eskalation.

Frage: Hat er nicht überlegt, den Kampf aufzugeben und woanders hinzugehen?

Nein, niemals. Er hat das immer abgelehnt. Und wir haben uns nicht vorstellen können, daß das wirklich passiert. Ich habe in diesem Jahr mit Chico viel Zeit verbracht, wie etwa lange Fahrten auf der offenen Ladefläche eines Geländefahrzeugs, in der Nacht und ohne Sicherheitsvorkehrungen. Ermordet worden ist der dann in seinem eigenen Haus.

Frage: Wie hat sich die ökologische und soziale Situation in den zehn Jahren seit Chicos Ermordung verändert?

Chico Mendes hat uns ein großes Vermächtnis hinterlassen: die Sammelreservate, und auch die Indianerreservate, die demarkiert wurden. 60 % des Landes befinden sich in der Hand des Staates und der sozialen Bewegungen. Aber das ist nicht genug: Wir wollen eine Verbesserung der Lebensumstände. Acre ist ärmer geworden, ärmer als vor zehn Jahren.

Frage: Was haben Sie als neuer Gouverneur dieses Bundesstaates ganz konkret vor, um die Lage zu verbessern?

Es gibt eigentlich nur ein Entwicklungsmodell, das hier möglich ist, nämlich die nachhaltige Entwicklung. Es ist einfach unakzeptabel, daß hier die Menschen arm sind, hier in einer Gegend, die eigentlich eine der reichsten Gegenden auf diesem Planeten ist.

Vor zehn Jahren habe ich geweint, als Chico Mendes ermordet wurde. Heute bin ich Gouverneur von Acre. In Wirklichkeit waren es aber die Ideen von Chico Mendes, die diese Wahl gewonnen haben.

Frage: Setzen sie vor allem auf Holz – oder auf alternative Waldprodukte?

Wir wollen mit den Produkten arbeiten, die immer schon unser Leben bestimmt haben – Kautschuk, Paranüsse, verschiedene Früchte, Öle und Harze, eben die vielfältige Waldnutzung. Das heißt, daß wir vor allem mit Nicht-Holz-Produkten arbeiten möchten. Als Forstingenieur habe ich auch kein Problem damit, in einer vernünftigen Form in einigen Gebieten mit Holzprodukten zu arbeiten. Wir können die Armut mit einem Paket von ökonomischen Maßnahmen bekämpfen, um den Menschen, die im Wald leben, ein besseres Leben zu bieten.

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