Wunden im Regenwald

Von Martin Frimmel · · 1999/01

Vor zehn Jahren wurde der prominente brasiliansiche Umweltschützer Chico Mendes vor seinem Haus ermordet. Seine Ideen leben weiter, und sogar erfolgreich. Kürzlich wurde sein enger Mitarbeiter Jorge Viana Gouverneur des Amazonas-Bundesstaates Acre.

Xapuri, kurz vor Weihnachten 1988: Der Gewerkschaftsführer und Umweltschützer Francisco Alves Mendes Filho – besser bekannt als Chico Mendes – spielt in der Küche seines Hauses Domino mit den beiden Leibwächtern, die die brasilianische Militärpolizei für ihn abgestellt hat. Chico will die Dusche aufsuchen, die sich im Toilettenhäuschen im Hinterhof befindet. Er murmelt etwas über die Dunkelkeit und tritt hinaus. In diesem Moment feuert ein Mann aus einer Schrotflinte auf ihn. Sein Oberkörper wird von Dutzenden Kugeln durchsiebt. Wenige Minuten später ist Chico Mendes verblutet.

Der bereits international bekannte Umweltschützer hat kurz vor seiner Ermordung gesagt: „Ich bin seit 1977 sechs Mal immer knapp entkommen. Aber wenn sie mich töten, dann gibt es Hunderte Chicos, die meine Arbeit weiterführen.“

Ein guter Freund von Mendes, der Landwirtschaftsexperte Gomercindo Rodrigues, erinnert sich: „Ich war beunruhigt, weil ich gesehen habe, daß die Revolverhelden plötzlich wie vom Erdboden verschluckt waren. Ich machte Chico darauf aufmerksam: `Da stimmt was nicht: Die Pistoleiros sind verschwunden, da ist was im Gange.'“ Um ihn in Sicherheit zu wiegen!

Nach der Ermordung haben sich mehr als 30 Organisationen zum „Chico-Mendes-Komitee“ zusammengeschlossen. Sie übten durch nationale und internationale Öffentlichkeitsarbeit Druck auf die Behörden aus, damit das Verbrechen geahndet würde.

Und wirklich: 1990 wurden die Großgrundbesitzer Darly und Darci Alves des Mordes für schuldig befunden und zu 19 Jahren Haftstrafe verurteilt. 1993 gelang ihnen die Flucht aus dem Gefängnis; drei Jahre später konnten sie wieder gefaßt werden.

Raimunda Bezerra vom „Chico-Mendes-Komitee“: „Die anderen Auftraggeber sind nie gefaßt worden und haben auch nie Probleme bekommen.“

Mendes war ein Sohn von Seringueiros, den Gummizapfern. In regelmäßigen Abständen gehen sie die viele Kilometer langen Pfade ab, entlang derer die Gummibäume stehen, und ritzen mit schrägen Schnitten die Rinde an. Das austretende Latex rinnt langsam in einen am Baum angebundenen Topf und kann beim nächsten Rundgang eingesammelt werden.

Der erste riesige Plan zur sogenannten „Entwicklung“ Amazoniens wurde 1972 bis 1974 in der Zeit der Militärdiktatur verwirklicht. Große Rinderfarmen wurden angelegt. Viele Gebiete hatten gar keinen rechtmäßigen Eigentümer. Gummizapfer und Indianer, die zwar ein Nutzungsrecht hatten, waren sich oft ihrer Rechte nicht bewußt oder hatten nicht die Mittel, ihre Rechte geltend zu machen.

Damals begann auch die Vertreibung der Gummizapfer durch die Rinderbarone. Sie wurden verfolgt, ihre Hütten angezündet – doch sie leisteten Widerstand.

„Im März 1986 bei Brasileia haben wir erstmals eine Aktion mit 160 Leuten gemacht und die Empate erfunden,“ so Chico Mendes selbst. „Das ist eine Gemeinschaftssaktion, wo wir uns zwischen den Holzarbeitern und den Bäumen aufstellen und so die Arbeit zum Stillstand und die Arbeiter zum Abzug bringen.“ Chico organisierte viele der Empates und erreichte internationale Unterstützung für den Kampf der Gummizapfer. Unter anderem wurde er 1987 von der UNO mit dem „Global-500-Preis“ ausgezeichnet. Mendes spielte auch eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Nationalen Rates der Seringueiros (CNS).

Beim Gründungstreffen dieser Vereinigung wurde auch das Konzept des „Sammelreservates“ diskutiert. „Wir haben einen alternativen Vorschlag entwickelt“, erklärte Chico Mendes später, „die Sammelreservate. Uns interessiert kein Eigentumstitel über das Land, wir wollen nur, daß das Land unserer Organisation zur Verfügung steht.“

Heute existieren in Brasilien 21 Sammelreservate, unter anderem das Reservat „Chico Mendes“ mit 9705 km2.

Auch die Anzahl der Konflikte ist zurückgegangen, „weil mit der Abgrenzung der Sammelreservate nun eine klare Grenze da ist, wo die Rinderfarm aufhört und das Sammelreservat anfängt“, sagt Jose Juarez, Vizepräsident des CNS.

„Es gibt aber Konflikte mit Holzfirmen, wo wir wieder die Empates angewandt haben – mit Erfolg.“

Ein anderes Problem: Der Gummipreis verfällt, mehr und mehr Seringueiros verlieren die Existenzgrundlage und ziehen in die Großstädte. Diesem Teufelskreis versucht man durch eine Wiederbelebung der Gummiproduktion durch alternative Methoden entgegenzuwirken.

Chico Ramalho, Gewerkschaftsführer in Xapuri: „Die neue Alternative besteht darin, auch kleine Pflanzungen anzulegen, wo ein bis zwei Hektar intensiv genutzt und Gummi- und Paranußbäume angepflanzt werden – und dann wieder eine extensive Zone, wo gar nichts verändert wird im Wald, um Parasiten keine Chance zu bieten.“

Ebenso versucht man, auf andere Produkte auszuweichen – wie Nüsse, Heilpflanzen, Früchte, Fruchtkonserven, Sirup, Essenzen, Öle, Kunsthandwerk und Pflanzenleder.

„Wir müssen es schaffen, Ökoprodukte anzubieten, die auf dem Weg des fairen Handels zum Konsumenten kommen,“ meint Michael Schmidlehner von der brasilianischen Umweltschutzorganisation AmazonLink. Er schlägt vor, die Möglichkeiten des Internet zu nützen, um eine direkte Verbindung zu den KonsumentInnen herzustellen und Produkte über das Internet zu vermarkten (Informationen: www.nwf.org/international/chico, www.amazonlink.org).

Der Autor ist Mitarbeiter von Greenpeace Österreich und besuchte im vergangenen Dezember die brasilianische Amazonasregion.

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