Das Buch zur Revolution

Wer in Ägypten wissen will, was das Volk beschäftigt, liest keine Zeitung, sondern nimmt das Taxi. Der Ägypter Chalid al-Chamissi hat mit „Im Taxi“ das Buch über die Menschen geschrieben, die einen der mächtigsten Despoten der Welt zum Fall brachten. Kristina Bergmann traf den Autor zum Gespräch.

Chalid al-Chamissi

Südwind-Magazin: Wann und warum haben Sie beschlossen, das Buch „Im Taxi“ zu schreiben?
Chalid al-Chamissi:
Das war 2005. Ich wollte über die einfachen Leute schreiben. Ich beschloss sozusagen, in Volkes Stimme ausdrücken, was und wie in Ägypten gedacht wird. Das Gewissen der einfachen Leute ist meine innere Stimme – von den Intellektuellen hatte ich hingegen genug. Deren Wissen ist meiner Ansicht nach begrenzt. Als ich mich für die Durchführung meines Plans entschieden hatte, reiste ich zweimal ins Haus meiner Schwester ans Mittelmeer. Zuerst im Oktober 2005, dann im März 2006. Beide Male war ich der einzige Gast dort, schließlich war es kalt. Ich hatte einen Hund, einen Labrador, dabei, und mit dem ging ich zwischendurch spazieren. Dabei schrieb ich im Kopf vor, was ich anschließend zu Papier bringen wollte.

Ist das Buch Fiktion?
Ja. Ich habe dazu nicht recherchiert. Durch langjährige Erfahrung mit Taxifahrern weiß ich, wie sie denken und agieren. Meiner Meinung nach spiegeln sie besser als jede andere Gruppe die ägyptische Gesellschaft wider, denn sie haben oft noch einen weiteren Beruf neben dem Taxifahren. Ausserdem kommen sie aus unterschiedlichen Schichten. Mein Buch erzählt nicht von wirklichen Begegnungen. Als Schriftsteller habe ich mein Wissen dann in Gespräche gegossen. Ich weiß, dass es so wirkt, als hätte ich die Konversationen direkt nach den Fahrten aufgeschrieben. Das stimmt aber nicht.

Haben Sie Taxifahrern von Ihrem Plan erzählt?
Nie. Die hatten keine Ahnung. Kaum einer kennt mich und mein Buch. Außerdem sind sie extrem beschäftigt – schließlich müssen sie ihren Lebensunterhalt verdienen und oft Raten für ihre Wagen abzahlen.

Welcher Mittel haben Sie sich bedient, um möglichst viel über das Denken der Fahrer heraus zu bekommen?
Die meisten Chauffeure erzählen von sich aus. Man braucht nur an ein Thema zu tippen, und schon bekommt man etliches zu hören. In meinem Leben habe ich oft Taxis genommen und vielen, vielen Geschichten gelauscht. Dass die nicht immer stimmen, habe ich damals im Vorwort der arabischen Originalausgabe geschrieben. In Ägypten brodelt die Gerüchteküche, und was erzählt wird, ist nicht unbedingt wahr! Tricks musste ich selten anwenden. Manchmal provozierte ich Fahrer, um mehr zu erfahren.


Chalid al-Chamissi: Im Taxi. Lenos Verlag, Basel 2011, 187 Seiten, € 19,90

Heute werden in Kairo viele der alten, typischen schwarzen Taxis gegen neue weiße ausgetauscht. Was halten sie davon?
Das ist eine Neuerung, die ich gut finde. Schon wegen der Zähler; jetzt steht der zu zahlende Betrag da – vorher musste man immer diskutieren, wie viel man entrichten würde. Mühsam!

Was sagen sie zu der ägyptischen Revolution?
Ich habe lange darauf gewartet. Eigentlich seit 1981, als Hosni Mubarak Präsident wurde. Damals war ich Student und bin oft zu Demonstrationen gegangen. Vielleicht habe ich das Buch „Im Taxi“ geschrieben, weil ich spürte, dass uns in Ägypten eine Revolution bevorsteht. Jedenfalls habe ich das gegenüber Freunden geäußert. Den früheren Präsidenten Mubarak empfand ich als Stehaufmännchen – immer, wenn er ganz unten war, erhob er sich. Wir Ägypterinnen und Ägypter dachten oft, dass wir nicht tiefer fallen könnten, doch mit ihm fielen wir in einen bodenlosen Abgrund. Übrigens war ich Ende Jänner, Anfang Februar, also während der 18-tägigen Revolution, oft auf dem Tahrir-Platz, dem Zentrum des Volksaufstands, der nah bei meiner Wohnung liegt. Ich bin zu Fuß dorthin gegangen und habe mitdemonstriert.

Erhoffen Sie sich nun kulturelle Veränderungen?
Ja, denn ohne die kann es keinen Fortschritt geben. Vor allem müssen wir die Erziehung verbessern und unser altes Wissen auffrischen. Außerdem müssen wir extremistische Ideen bekämpfen. Die haben weder eine Beziehung zu uns, noch zum Islam, noch zu sonst einer Religion, sondern sind schlicht eine Katastrophe!

Kristina Bergmann lebt in Kairo und ist Korrespondentin der NZZ. Sie hat das Buch „Im Taxi“ vom Arabischen ins Deutsche übersetzt.

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