Das Dilemma mit dem Zahlenwerk

Die aktuelle Corona-Pandemie führt einmal mehr vor Augen, warum Statistiken in Afrika differenziert betrachtet werden müssen.

Von Martina Schwikowski, Johannesburg

Die epidemiologische Kurve ging in den vergangenen Wochen und Monaten auch in Afrika immer weiter nach oben. Doch die Datenlage zur Zahl der mit dem Virus SARS-CoV-2 infizierten Menschen und Behandlungskapazitäten in Afrika ist laut Francesco Checci, Mitarbeiter an der London School of Hygiene and Tropical Medicine (LSHT), sehr lückenhaft: „Das bedeutet, dass die Zahlen der Infizierten keine sehr verlässliche Quelle dafür sind, in welchem Ausmaß das Virus übertragen wird.“

Es sei zudem schwierig festzustellen, in welchem Maße Kliniken, ÄrztInnen und Pflegepersonal auf die Krise reagieren können, sagt Checci: „Der Gesundheitssektor in Sub-Sahara Afrika ist unterbesetzt und mangelhaft ausgestattet, das ist eine schlechte Ausgangslage für eine Datenerhebung.“

Die Corona-Epidemie zeigt beispielhaft, wie unklar oftmals die Zahlenlage ist, gerade in ärmeren Regionen. In 43 afrikanischen Ländern gebe es insgesamt weniger als 5.000 Betten auf Intensivstationen, teilte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor wenigen Wochen mit. Das seien ungefähr fünf Betten für eine Million Menschen – im Vergleich zu 4.000 Betten pro einer Million EinwohnerInnen in Europa.

Nur ein halbes „Normalbett" wäre für 1.000 NigerianerInnen in den Krankenhäusern des westafrikanischen Landes im Notfall vorhanden. Im Osten des Kontinents, in Kenia, ist die Lage mit 1,4 verfügbaren Betten pro 1.000 EinwohnerInnen demnach nur unwesentlich besser.

Aber: die Zahlen sind veraltet. Für Nigerias Erhebung gilt das Jahr 2005, Kenias Zählung der Krankenhausbetten geht auf das Jahr 2010 zurück, die aktuellsten Angaben für den Kontinent stammen aus dem Jahr 2011.

Zahlen sind auch im Alltag – ohne Gesundheitskrise – die Grundlage für Geschäfte und beeinflussen Prognosen. Morton Jerven bestätigt die begrenzten Möglichkeiten für eine Datenerhebung in vielen afrikanischen Ländern. Der Norweger ist Professor für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Lund. „Das Hauptproblem ist: Länder mit geringem Einkommen haben weniger Kapazitäten.“

Der Ökonom fordert: „Wir sollten das zunächst einfach anerkennen und die Idee von präzisen Vorhersagen in der Entwicklungspolitik fallen lassen.“ Doch auf lange Sicht brauchen afrikanische Länder verlässliche Statistiken.

Faktor informelle Arbeit. Die Schwierigkeiten beginnen laut Jerven mit den Rohdaten. Die große Mehrheit der wirtschaftlichen Aktivitäten Afrikas finde in der Landwirtschaft oder in mittleren oder kleinen Unternehmen im informellen Sektor statt. Diese jedoch blieben in offiziellen Statistiken unberücksichtigt.

„Oft führen die kleinen Händler oder Farmer nicht Buch. In vielen Ländern gibt es politisch instabile Gegenden bis hin zum Bürgerkrieg. Da ist es nicht leicht, an Daten zu gelangen“, erklärt Jerven.

Wenn Daten vorlägen, fehle es häufig an umfassenden Informationen, auf welchen Quellen und Annahmen sie beruhten. „Wenn wir keine Fakten haben, kommt es zu schnell zu bloßen Schätzungen“, erläutert der Ökonom.

Fehlende Daten – darin sieht auch der sudanesisch-britische Unternehmer Mo Ibrahim eine zentrale Herausforderung für Afrika. Im aktuellen Afrika-Bericht seiner gleichnamigen Stiftung fordert er erneut die Verbesserung der Datenerhebung durch den Aufbau von Statistikbehörden: „In acht von 54 afrikanischen Ländern gibt es Geburtsregister – das ist ein Witz.“ Die Länder müssten die Datenerhebung vorantreiben.

Wichtig seien die Daten zudem für die Entwicklungszusammenarbeit, sagt Ökonom Jerven. Denn andere Länder und Finanzinstitute wie die Weltbank knüpften Zahlungen häufig an bestimmte Ziele, die es zu erreichen gilt. Und die sollen messbar sein.

Dabei würden jedoch die Schwierigkeiten lokaler StatistikerInnen vor Ort häufig ignoriert. Tatsächlich seien die vorhandenen Statistikbehörden in afrikanischen Staaten in den seltensten Fällen ausreichend finanziell und personell ausgestattet, um die globale Nachfrage nach Informationen bedienen zu können, sagt Jerven. „Wo es Ignoranz gibt, da ist Raum für Manipulationen.“

Vorwurf an Ruanda. Zahlen zu verfälschen warf die Financial Times im vergangenen Jahr Ruanda vor: Die Londoner Finanzzeitung hatte nach einer Analyse Zweifel an Ruandas Zahlen zur Armutsentwicklung geäußert und damit an der Glaubwürdigkeit der rasanten Wirtschaftsentwicklung des Landes unter Präsident Paul Kagame gerüttelt.

Ein weiterer Fall: In Uganda fand das Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR) heraus, dass die Behörden 2016 die Zahl der Geflüchteten aus dem Südsudan absichtlich manipuliert hatten, um mehr Hilfsgelder zu kassieren.

Mangelhafte Daten und Zahlenspielereien sind dabei kein „afrikanisches“ Problem: „Auch in der Europäischen Union gibt es Länder, die es schwer haben, bestimmte Kriterien zu erfüllen und die Zahlen dann ,bearbeiten‘“, betont Jerven. Das habe zum Beispiel die Schuldenkrise in Griechenland gezeigt. „Das Problem ist universell.“

Das bestätigt Yannick Lefang, Gründer der Datenfirma Kasi Insight, einer afrikanischen Firma mit Sitz in Nairobi. Es sei eine globale Herausforderung, „aber es betrifft Afrika als aufstrebenden Kontinent stärker. Wir brauchen verschiedene Datenquellen für robuste Messungen“, so Lefang. „Daten bieten Ansätze für bessere politische Entscheidungen, Bekämpfung der Korruption und mehr Verantwortung. Wenn wir unzuverlässige Statistiken produzieren, schaden wir uns selbst.“

Der junge Unternehmer Lefang und sein Team geben seit drei Jahren regelmäßig den Verbraucherpreisindex heraus, um die Inflation zu messen. Grundlage dafür sind Umfragen mit 5.000 Menschen in sieben afrikanischen Ländern: Ghana, Südafrika, Nigeria, Kamerun, Elfenbeinküste, Kenia und Tansania. „Der Index hat  auf den Plattformen der Wirtschaftsagenturen wie Bloomberg und Reuters einen festen Platz.“

Für ihn steht fest: „Wenn eine kleine Firma wie wir das schaffen kann, dann können Regierungen das auch.“

Afrikanische Länder sähen Daten oft als unerwünschtes Mittel zur Kritik, sagt Lefang. „Sie mögen nicht immer rosig sein, aber sie zeigen auf, was wir tun müssen.“

Martina Schwikowski ist Korrespondentin der deutschen Tageszeitung taz für das südliche Afrika und lebt in Johannesburg.

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