Das Ende der EZA?

Friedbert Ottacher und Thomas Vogel arbeiten seit Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit. In ihrem Buch, das im April erscheint, ziehen sie Bilanz über Erfolge und Fehlschläge und versuchen einen Blick in die Zukunft. Hier ein exklusiver Vorabdruck.

Über das Ende der Entwicklungszusammenarbeit (EZA) wird gesprochen, seit es sie gibt. Viele ihrer Befürworter gehen davon aus, dass die Welt durch Entwicklungszusammenarbeit besser wird, dass Armut vermindert und Wohlstandsunterschiede ausgeglichen werden. Wenn diese Ziele einmal erreicht sind, hat die Entwicklungszusammenarbeit ihren Zweck erfüllt und kann beendet werden.

Die Kritikerinnen wiederum fordern die möglichst baldige Einstellung der Entwicklungszusammenarbeit, denn sie sehen sie eher als Teil des Problems als der Lösung. In einem sind sich die radikalen Kritiker mit den begeisterten Befürwortern also einig: Dass dieses Instrument ein Ablaufdatum hat.

Auch Praktiker wie wir beschäftigen sich mit der Frage, in welche Richtung sich die Entwicklungszusammenarbeit weiter entwickeln kann und soll. (…)

Internationale Zusammenarbeit braucht realistische Ziele
Das Instrumentarium der Entwicklungszusammenarbeit ist zwar durchaus verbesserungsfähig, jedoch ist es weniger das Werkzeug als die Zielsetzung, die nicht passt. Aus heutiger Sicht wird der naive Optimismus belächelt, mit dem sich die Modernisierungstheoretiker der Sechzigerjahre im vergangenen Jahrhundert ernsthaft vorgenommen hatten, Armut und Ungerechtigkeit auf der Welt binnen einer Dekade zu beenden. Anhand des Vergleichs mit den Summen, die Deutschland nach dem Fall der Berliner Mauer aufwandte, um die Unterschiede zwischen Ost und West auszugleichen, haben wir gezeigt, wie unterdimensioniert das Werkzeug „Entwicklungszusammenarbeit“ ist, um an den großen Schrauben des internationalen Wohlstandsgefälles zu drehen.

Und unverhältnismäßig sind nicht nur die verfügbaren Ressourcen im Vergleich zur Größe der Aufgabe. Es geht schließlich nicht nur darum, die notwendigen Mittel aufzubringen. Die Frage, wie diese am sinnvollsten eingesetzt werden, ist ebenfalls alles andere als geklärt. Auch den wohlhabenden Ländern in Europa und Nordamerika ist es bis dato nicht gelungen, in der eigenen Gesellschaft Armut und soziale Ausgrenzung ganz auszumerzen, im Gegenteil: In den letzten Jahrzehnten haben sich auch in den Industrieländern die sozialen Unterschiede vergrößert. Die Zahl der Millionäre nimmt zu, gleichzeitig sind immer mehr Menschen von Armut bedroht. Von einem Masterplan mit akkordierten Strategien darüber, wie denn nachhaltige Entwicklung im globalen Maßstab tatsächlich zu bewerkstelligen ist, ist die Menschheit im Moment noch weiter entfernt als etwa von verbindlichen Zielvereinbarungen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen.

Damit die Entwicklungszusammenarbeit in Zukunft nicht die gleichen Enttäuschungen hervorruft wie in der Vergangenheit, ist unserer Ansicht nach eine wichtige Voraussetzung, dass keine unerfüllbaren Erwartungen mehr an sie gestellt werden. Dass Entwicklungszusammenarbeit alleine die Armut und Ungerechtigkeit auf der Welt nicht beseitigen wird können, heißt aber nicht, dass von ihr nicht wichtige Impulse für diese Bemühungen kommen und die Armut von Millionen Menschen jedes Jahr verringert wird.

Internationale Zusammenarbeit ist eine gemeinsame Anstrengung
Bis zur Jahrtausendwende war die Sache klar: Es gibt den reichen Norden und den armen Süden. Die Mittel der Entwicklungszusammenarbeit fließen vom Geber zum Empfänger – und die Akteure sind schnell genannt: Staaten, internationale Organisationen, NROs, Kirchen und Einzelpersonen. Dieses Bild hat sich über die Jahrzehnte verfestigt, ist aber längst in Auflösung begriffen.

(…)

Auch die Akteurslandschaft hat sich verändert: Mittlerweile sind ehemalige Empfängerländer wie Indien, China, Brasilien oder die Türkei zu sogenannten neuen Geberländern aufgestiegen. Daneben spielen inzwischen Stiftungen wie die von Bill und Melinda Gates eine gewichtige Rolle im Konzert der Geber. (…) Die Einbeziehung der neuen Geber und besonders der privaten Unternehmen ist unserer Meinung nach ein richtiger Schritt, der insbesondere von NROs oft kritisch kommentiert wird – warum beschreiben wir im nächsten Kapitel.

 

Friedbert Ottacher und Thomas Vogel
Entwicklungszusammenarbeit im Umbruch
Bilanz, Kritik, Perspektiven

Brandes & Apsel, Frankfurt a.M.,
176 S., € 17,90

Nachhaltige Entwicklung ist nicht das Gegenteil profitorientierter Wirtschaft, sondern ihr sinnvolles Regulativ
Entwicklungszusammenarbeit wurde lange als Gegenpol zur Privatwirtschaft gesehen. Die Vorbehalte basisnaher NROs gegenüber profitorientierten Unternehmen speisen sich aus dem Verhalten jener multinationaler Konzerne, die sich das prekäre Arbeitsrecht, die schwachen Umweltschutzauflagen und die unzureichende staatliche Steuerpolitik, die in vielen Ländern des globalen Südens gang und gäbe sind, zunutze machen, um höhere Profite zu erzielen. Diese traditionell wirtschaftsfeindliche Haltung kommt also nicht von ungefähr. Noch heute wollen viele entwicklungspolitisch Engagierte etwa von Wirtschaftspartnerschaften nichts wissen und werfen diese in einen Topf mit Freihandelsabkommen, Wasserprivatisierung und anderen wirtschaftsliberalen Auswüchsen.

Auch wir wollen die Machenschaften einiger multilateraler Konzerne, die mit ihrer umfassenden PR-Macht die Verbraucher manipulieren, Regierungen erpressen und Umwelt- und Sozialstandards unterlaufen, nicht verteidigen. Jedoch sind wir der Meinung, dass solche Unternehmen nur für einen kleinen Ausschnitt im Themenspektrum Wirtschaft und Entwicklung stehen. (…)

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