Das Gesetz des Dschungels

Weit weg von Paris und noch weiter entfernt von Gesetz und Rechtsstaatlichkeit: In Französisch-Guyana leben sechs der sieben indigenen Völker der EU, doch ihre Rechte werden nicht respektiert

Von Werner Hörtner
Es gibt immer mehr Fälle von Geburten missgestalteter Kinder. Das sind die Folgen der so genannten Minamata-Krankheit, die durch mit Quecksilber verseuchtes Wasser entsteht. Auch die Goldsucher, die in direkten Kontakt mit dem Quecksilber kommen, leiden an gesundheitlichen Schäden. Die schlimmen Spätfolgen dieser Verseuchung werden sich aber erst in den nächsten Jahrzehnten im vollen Umfang zeigen. Und all das geschieht mit der stillschweigenden Duldung der französischen Behörden.“
Der, der diese Anschuldigungen in ruhigem Ton und mit überzeugender Prägnanz von sich gibt, weiß, wovon er spricht. Der französische Anthropologe Thierry Sallantin kam 1986 ins französische Übersee-Departement Guyana, wo er mit mehreren indigenen Völkern lebte. Sein Engagement für diese Gemeinschaften in ihrem Kampf gegen die Goldgräber-Mafia und sein Aufdecken von Korruptionsfällen innerhalb der kreolischen Elite des Landes machten ihm viele Feinde. Nur mit Mühe entkam er einem Mordanschlag, wurde in einem politischen Prozess zu einer hohen Haftstrafe verurteilt, von der er sechs Jahre in Guyana absitzen musste. Im Jahre 2000 kam er wieder nach Europa zurück, wo er seither auf zahlreichen Vortragsreisen über die Situation in dieser einzigen EU-Enklave in Amerika informiert.

Eine der letzten Amtshandlungen des scheidenden Staatspräsidenten Jacques Chirac war es, Ende Februar ein umstrittenes Nationalpark-Projekt im französischen Übersee-Departement Guyana zu realisieren. Was auf den ersten Blick wie eine Maßnahme zum Schutz von Umwelt, Biodiversität und indigener Bevölkerung aussieht, hat in Wirklichkeit gegenteilige Folgen. Sechs Mio. Hektar des ca. 8 Mio. ha großen Waldgebietes – ein Gebiet fast so groß wie Österreich – bleiben ungeschützt, und selbst in der zwei Mio. ha großen Kernzone kann der Staat in Zukunft Straßen bauen und den Tourismus fördern. Frankreich weigert sich beharrlich, die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zum Schutz der Rechte indigener Völker anzuerkennen. In Europa haben nur Norwegen, Dänemark, die Niederlande und kürzlich auch Spanien die Konvention ratifiziert, weltweit bisher 18 Staaten. Auch Österreich weigert sich, das wichtigste Regelwerk zum Schutz indigener Völker zu unterzeichnen, da, so die offizielle Argumentation, es bei uns „keine Indianer gibt“.
Mit dem Gesetz vom 27. Februar 2007 wurde auch der Wille der indigenen Bevölkerung ignoriert, den Goldabbau im Nationalpark zu verbieten. Die Wayana und Emerillon-Indios haben Einspruch gegen den Nationalpark in dieser Form erhoben, doch vergeblich. Am 28. Dezember des Vorjahres schrieben sie an den Präsidenten im fernen Paris, doch dieser hatte nicht einmal Zeit für eine Antwort. Immer mehr indigene Kinder kommen mit Missbildungen auf die Welt – eine Folge des Einsatzes von Quecksilber im Goldabbau. Seit 1. Jänner dieses Jahres ist dieser Einsatz zwar verboten, doch die tausenden illegalen Goldgräber scheren sich wenig um diese Verfügung.

Die wenigen Kenner des Landes wie der Anthropologe Thierry Sallantin oder der Botaniker Francis Halé warnen vor einem Ethnozid, also der bewussten Vernichtung der Kultur der indigenen Völker, in Französisch-Guyana. Die Errichtung eines Nationalparks in dem Übersee-Departement war bereits 1992 vom damaligen Präsidenten Mitterand bei der UN-Konferenz in Rio versprochen, dann jedoch immer wieder aufgeschoben worden.
Seit 1970 ist der mittlere und nördliche Teil der Region, wo die Völker der Wayampi, Teko und Wayana leben, ein Indianerschutzgebiet; AusländerInnen durften nur mit einer Sondergenehmigung des Präfekten in der Hauptstadt Cayenne das Gebiet betreten.
„Mit dem Inkrafttreten der Verfügung über den Nationalpark wird die ehemalige Schutzzone für den Tourismus geöffnet. Es gibt jetzt deshalb eine große Auseinandersetzung mit den Indigenen“, erzählt Sallantin. Sie wollen, dass die alte Schutzbestimmung, die dieses Gebiet als „indianisches Land“ auswies und vor Fremden schützte, in Geltung bleibt. Und außerhalb der Kernzone des Parks – in der ohnehin kaum Gold gefunden wird – kann das begehrte Edelmetall weiterhin geschürft werden.
Der Anthropologe weiß Schauderhaftes von den Arbeits- und Lebensbedingungen der etwa 30.000 Goldgräber zu berichten, die großteils aus Brasilien kommen und in sklavenartigen Verhältnissen leben und arbeiten. Wenn sie sich über die ausbeuterischen Bedingungen aufregen, etwa weil sie bei der Bezahlung betrogen werden, bekommen sie eine Kugel als „Lohn“ oder landen mit einem Ziegelstein um den Hals im Fluss. Die Zwischenhändler und Goldgräber-Bosse beschäftigen eigene Milizen; sie verkaufen das Gold weiter, vor allem an kanadische Goldfirmen.

Wenn man hierzulande Französisch-Guayana erwähnt, assoziiert man dieses einzige EU-Territorium in Amerika bestenfalls mit dem Europäischen Raumfahrtzentrum Kourou an der Karibikküste des Departements. Einige ältere Semester haben vielleicht noch die Geschichte von „Papillon“ in Erinnerung, das später verfilmte Buch über die – von 1852 bis 1951 bestehende – französische Strafkolonie vor der Küste Guyanas mit ihren grausamen Haftbedingungen.
Für die französische Regierung ist wichtig, dass der Betrieb von Kourou störungsfrei über die Bühne geht, alles andere scheint ihr egal zu sein. Etwa die verbreitete Korruption unter der einheimischen kreolischen Elite und deren Rassismus gegenüber der indigenen Bevölkerung. Auch die EU, die zwei Drittel der Fördergelder für das französische Departement zur Verfügung stellt, will sich in die „inneren Angelegenheiten“ ihres Mitgliedslandes nicht einmischen. So wird im einzigen Regenwald eines EU-Staates weiterhin das Faustrecht des Stärkeren herrschen, die fatalen Folgen der Vergiftung ihrer Flüsse – Fisch ist ihr Hauptnahrungsmittel – für die indigene Bevölkerung werden zunehmen, die einströmenden TouristInnen werden tödliche Krankheiten einschleppen. Und das alles auf dem Territorium eines EU-Staates, der sich gerne als Mutterland der Menschenrechte präsentiert.

nach oben

Durch die Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich mit dem Einsatz von Cookies einverstanden. Mehr Informationen