Das gute Leben

Die Soziologin Valerie Møller von der südafrikanischen Rhodes University in Grahamstown erforscht „das gute Leben“.

Von Karin Chladek
Südafrikas Jugend hat andere Vorstellungen vom guten Leben als noch ihre Großeltern. Ein solides Haus bleibt jedoch weiterhin das Wichtigste.

Valerie Møller stellt sich viele Fragen: Was ist eigentlich Lebensqualität? Verstehen wir nicht alle etwas anderes unter Lebensqualität? Ist es möglich, all diese Vorstellungen in Einklang mit nachhaltiger Entwicklung zu bringen – noch dazu in einer Zeit, wo der globale Klimawandel und der rasante Artenverlust zeigen, dass die Menschheit, beziehungsweise ein Teil von ihr, bereits zu viel von ihrem Planeten verlangt hat? Und wodurch unterscheiden sich „grundlegende Bedürfnisse“ von netten Extras und angenehmen Dingen, die das tägliche Leben zwar leichter machen, aber nicht wirklich nötig sind? Und wer kann sich anmaßen, der Bevölkerung von Ländern wie Südafrika den alltäglichen Luxus abzusprechen, der in den Industriestaaten als selbstverständlich gilt?

„Eines ist sicher“, meint Valerie Møller. „Die heutigen jungen Leute in Südafrika haben andere Vorstellungen davon, was für ein ‚gutes Leben‘ unverzichtbar ist als noch ihre Großeltern.“ Dies wurde deutlich bei einer 2005 in Südafrika durchgeführten Studie unter der Leitung von Michael Nobel: eine landesweite Studie über Einstellungen zu Lebensqualität, deren Resultate Valerie Møller und ihre KollegInnen immer wieder bestätigt finden. Im Rahmen der „South Africa Social Attitudes Survey“ wurden SüdafrikanerInnen darüber befragt, welche Infrastruktur, Besitztümer und Art von Umgebung für einen akzeptablen Lebensstandard unverzichtbar wären. Mehr als 90 Prozent der Befragten nannten ein wetterfestes, solides Haus. Fast genauso hoch bewertet wurden Straßenbeleuchtung, Elektrizität, ein Kühlschrank, eine geteerte Straße und eine Toilette mit Wasserspülung. 77 Prozent bezeichneten ein Radio als essenziell, 72 Prozent ein TV-Gerät, 63 Prozent ein Mobiltelefon. 74 Prozent nannten eine Nachbarschaft ohne Müll in den Straßen, 65 Prozent eine Wohnumgebung ohne Luftverschmutzung, 56 einen eigenen Garten.

„Es zeigte sich, dass sowohl Wohlhabende als auch Arme Lebensqualität ganz ähnlich definierten“, so Møller. Viele dieser Wünsche seien stark von der Werbeindustrie beeinflusst, an der sich auch die seit dem Ende der Apartheid entstandene, einkommensstarke schwarze Mittelschicht ausrichten würde. „Diese so genannten schwarzen Diamanten sind sehr konsumorientiert. Sie denken, all diese materiellen Dinge stünden ihnen einfach zu. Die südafrikanische Jugend sieht sie oft als Vorbilder“, so Møller. Die Einkommensunterschiede zwischen schwarzen SüdafrikanerInnen seien aber drastisch gewachsen. Halte man sich vor Augen, dass Arbeitslosigkeit gerade unter jungen SüdafrikanerInnen weit verbreitet ist, werde die Unzufriedenheit der Jungen verständlich. Soziale Konflikte und das massive Energie- und Ressourcenproblem, auf das auch Afrika zusteuere, würden durch dieses Anspruchsdenken und das vorrangige Interesse an materiellem Konsum allerdings verschärft.

Einer weitverbreiteten Meinung zufolge sorgen sich arme Menschen weit mehr um ihr unmittelbares Überleben und Wohlergehen als um die Umwelt. Zwar werde die Umwelt auch in den Townships als Faktor für Lebensqualität wahrgenommen, aber eher nur dann, wenn gravierende Umwelt- und Luftverschmutzung für Unmut sorgten.

Ist das immer so? Valerie Møller hält dem entgegen, dass viel komplexere Faktoren die Einstellung gegenüber Umwelt und Natur prägen würden: „Eine Studie zeigt, dass die BewohnerInnen von Mpumalanga, der Region, in der so berühmte Nationalparks wie der Krüger Park und Blyde River Canyon zu finden sind, gegenüber dem Naturschutz am wenigsten aufgeschlossen waren. Das hat sicher spezifische historische Gründe, denn von diesen alten Naturschutzgebieten wurde die lokale Bevölkerung während der Apartheid systematisch ausgeschlossen. Natürlich nützte ihnen selbst der Naturschutz so nichts. Andererseits waren ausgerechnet die BewohnerInnen von Limpopo, der ärmsten ländlichen Provinz Südafrikas, am meisten an Umwelt- und Naturschutz interessiert. Das liegt vor allem an der traditionellen Kultur der dort beheimateten Venda, in der die Natur einen hohen Stellenwert hat.“ Eine Chance für nachhaltige Entwicklung in einer von Armut geprägten Region.

„Wir müssen auch in Südafrika eine Balance finden zwischen unserem Wunsch nach materiellem Wohlstand und der Bewahrung unseres natürlichen und kulturellen Erbes“, bekräftigt Valerie Møller. Die grüne Bewegung in Afrika sei zwar noch jung, aber vielversprechend: „Sie setzt auf Sonnenenergie, um dem wachsenden Elektrizitätsbedarf nachzukommen. Gerade in Südafrika müssen wir funktionierende Infrastruktur wie die Wasserversorgung aufrechterhalten und ständig erneuern. In den ländlichen Gebieten wird es wegen des Klimawandels darauf ankommen, die Selbstversorgung mit Nahrung sicherzustellen. Dafür braucht es trockenheitsresistente Sorten. Traditionelles Wissen kann uns hier sehr helfen.“

Karin Chladek ist Wissenschaftsjournalistin mit den Schwerpunkten Umwelt – Soziales – Nachhaltige Entwicklung. Sie leitet die Öffentlichkeitsarbeit von respect – Institut für Integrativen Tourismus und Entwicklung.

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