Das Holz der Reichen

Von Ulrike Prinz · ·
Leonson Sateré ist Präsident von Nusoken, einer Produktionsgemeinschaft, die u. a. Rosenholz in ihren Waldgärten kultiviert.

Mit Rosenholz aus dem Amazonas blühte die Parfümwelt auf. Für die indigenen Sateré-Mawé brachte es Schulden, Gewalt und Krankheit. Jetzt holen sie sich ihren Baum zurück.

Der Boden federt bei jedem Schritt und Wasser tropft von den Bäumen herab. Es riecht modrig. Verstreut stehen hier Guaraná-Sträucher, Açaipalmen, Andirobabäume und: Rosenholz. Stolz streichelt Leonson Sateré mit der Hand über die weißlich-helle Rinde eines schlanken, 15 Meter hohen, Baumes. „Pau rosa“ wird er hier genannt, nach der roten Farbe des aromatisch duftenden Holzes. Er ist der Vorsitzender der indigenen Sateré-Mawé-Produzent:innen im Nordwesten Brasiliens. Dort wird der Rosenholzbaum heute angebaut.

Mit Ende der Militärdiktatur um 1988 und der Markierung ihrer traditionellen Territorien in den Bundesstaaten Amazonas und Pará hatte sich die Situation der Sateré-Mawé deutlich verbessert. Als Mitglied des Rates der Gemeinschaft hatte sein Schwager, Obadias Batista García, nach Möglichkeiten gesucht, ihr Gebiet zu schützen und gleichzeitig darauf leben zu können. Er begann einen Fairtrade-Handel mit der Pflanze Guaraná aufzuziehen. „Sie ist unser Heiligtum“, erklärt García. „Bevor die weißen Botaniker Guaraná entdeckten, kannten wir den Wert der Pflanze schon – so sehr, dass wir als Kinder der Guaraná-Pflanze gelten.“ Die Sateré pflanzten sie in ihren Waldgärten nach den Prinzipien der Permakultur. Erst vor 19 Jahren kam das Rosenholz dazu. Die Vielfalt der Gärten ist wichtig. Von den Samen lassen sie etwa ein Drittel für Nagetiere und Vögel übrig. „Deswegen kommen auch Papageien hierher. Sie sind wichtig, weil sie die Samen nicht nur fressen, sondern sie auch weitertragen und vermehren. Das ist gut für uns!“, sagt Sateré. Dafür haben Menschen wie García und er lange gekämpft.

Ab Beginn des 20. Jahrhunderts nutzten französische Konzerne wie L’Oréal, Coty und später Chanel Rosenholzöl für ihre Parfümkreationen. Nach dem Zweiten Weltkrieg explodierte die Nachfrage. „In den 1950er Jahren wurden etwa 50.000 Kilo Rosenholzöl produziert“, sagt Barata. Dafür wurden schätzungsweise 22.000 Bäume gefällt. Das hinterließ seine Spuren in Amazonien – auch bei den Sateré-Mawé.

Elend im Boom. In einem ihrer Dörfer, an einem der Zuflüsse zum Andirá, lebt Valdir Souza. Er erinnert sich noch an die Erzählungen früherer Generationen, die in die vergangenen 70 Jahre zurück reichen. Die Flusshändler bezahlten Hölzer und Arbeitskraft der Indigenen schlecht und boten ihnen dafür überteuerte Industrieware an: Kleidung, Töpfe, Gewehre. Auch die Werkzeuge mussten sich die Indigenen selbst kaufen. Dadurch gerieten sie in einen Schuldenkreislauf. Am Ende arbeiteten sie faktisch ohne Lohn. Doch das war noch nicht alles: „Die Weißen brachten Masern, Keuchhusten und Malaria mit“, erzählt Souza. „Es war eine Invasion, es gab Partys, Handel und Prostitution.“ Irgendwann hatten die Leute die Nase voll und zerstörten die Ölmühle.

1992 schlug die brasilianische Umweltschutzbehörde Ibama Alarm wegen des schwindenden Rosenholzes und führte einen Genehmigungsprozess für die Abholzung und Exportkontrollen ein. Doch die Maßnahmen waren uneffektiv. Das Holz wurde weiter in großen Mengen auf dem Schwarzmarkt verkauft. Ende der 1990er Jahre war das Rosenholz in Amazonien fast verschwunden.

Chanel unter Druck. Der internationale Druck kam schließlich auch aus Frankreich – ausgerechnet aus dem Land, das den Raubbau einst angetrieben hatte. Schon 1995 waren französische Umweltschützer:innen auf die Barrikaden gegangen. Die Organisation Robin des Bois nahm das Unternehmen Chanel ins Visier. Ihre Forderung: Das in Chanel N°5 enthaltene Rosenholzöl durch synthetisch herstellbare Substanzen zu ersetzen. Andernfalls drohe ein Boykott.

Chanel beharrte zunächst darauf ihre Rezepturen nicht offenzulegen. Nach längerem Hin- und Her einigten sich die Parteien auf die Formel, dass „Chanel nur in geringem Umfang Rosenholzöl verwende“. Gemeinsam bemühten sich beide Seiten, dass Rosenholz in den Anhang II des Washingtoner Artenschutzabkommens, das den Handel mit bedrohten Arten reguliert, aufgenommen werde. 2010 war es so weit, die betreffende Art des Rosenholzes wurde in das Abkommen aufgenommen.

In der Zwischenzeit hatte Chanel die Forscher Lauro Barata und Peter H. May, die beide an brasilianischen Universitäten tätig waren, beauftragt, eine nachhaltige Lösung für die Produktion der begehrten Essenz zu finden. Ihre Forschung ermöglichte den großen Umbruch. „Ich stellte fest, dass auch die Blätter und Zweige aromatisch sind“, sagt Barata. Zudem fand er heraus, dass es möglich war ein Öl daraus herzustellen. „Das ist dem Holz so ähnlich, so dass der Baum nicht gefällt werden muss“. 2006 erhielt er dafür den Samuel-Benchimol-Preis, eine renommierte Auszeichnung für nachhaltige Entwicklungsprojekte, wirtschaftliche Initiativen und technologische Innovationen für die Amazonas-Region. „Darüber hinaus gibt es eine botanische Kontrolle vor Ort. Die Inspektor:innen zertifizieren die Bäume und legen fest, wie viel Öl in diesem Jahr produziert werden darf“, erklärt Barata.

Gute Aussichten. Für die Industrie stieg daraufhin der Druck: Hersteller mussten ihre Lieferketten offenlegen und Importeure riskierten hohe Strafen bei fehlenden Papieren. Das senkte die Nachfrage und ließ die Preise auf das Achtfache steigen.

Damit verspricht das Rosenholz für die Sateré-Mawé eine gute Einnahmequelle zu werden. „Heute sind eine Menge Leute hier bereit, es anzubauen und die Biomasse zu verkaufen“, sagt Leonson Sateré. Jetzt fehle ihnen noch ein eigener Destillator, damit sie eine eigene Wertschöpfungskette aufbauen können – vom Baum bis zum Öl. So soll der Gewinn in den Gemeinden und der Wald erhalten bleiben. Das könnte nun Selbstbestimmung bedeuten – wenn die Infrastruktur folgt.

Ulrike Prinz ist freie Journalistin und Ethnologin. Sie forschte in Brasilien, gab die Zeitschrift Humboldt für den Kulturaustausch mit Lateinamerika heraus und schreibt über wissenschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Themen.

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