

Wie die Hauptstadt Mexikos zu einem Zufluchtsort für queere Menschen geworden ist.
Wie durch Wolken tritt Abigail Sanchez zwischen ausladenden Reifröcken, jeder Menge weißen Tülls und Spitzen hervor. Sie arbeitet in einem der vielen Brautmoden-Geschäfte, die sich in den Hallen von „La Lagunilla“, einem großen Markt in Mexico City, aneinanderreihen. „Was suchst du, Schätzchen?“, fragt sie herumschlendernde Kundinnen und dabei wippen ihre Ohrringe mit. In Mexico City sind trans Personen heutzutage deutlich sichtbarer in der Öffentlichkeit vertreten als noch vor ein paar Jahrzehnten. „Der Zugang zu Arbeit für uns ist heute merkbar einfacher“, sagt Abigail, eine trans Frau. „Das hat sich gebessert, weil viele von uns für diese Rechte gekämpft haben. Heute genießen wir mehr Freiheiten, können uns so zeigen, wie wir sind.“
Zufluchtsort für queere Menschen
Mit São Paulo und Buenos Aires ist Mexikos Hauptstadt eines der drei wichtigsten kulturellen und touristischen Zentren der die LGBTQIA+ Gemeinschaft in Amerika südlich der USA.
Hier dürfte die frühe Ausrufung des laizistischen Staats Ende des 19. Jahrhunderts zu ihrem Pionierstatus beigetragen haben, wie Alejandro Brito von der mexikanischen NGO „Letra ese“ sagt. Seitdem sei konsequent vermieden worden, dass sich Kirchen in die Politik oder den Gesetzgebungsprozess einmischen.
Mexico City, seit Jahrzehnten durchgehend von linksgerichteten Bürgermeister:innen regiert, sei schon lange Zufluchtsort für queere Menschen aus den weit weniger offenen ländlichen Gegenden gewesen, so Brito. „Hier wurden Organisationen mit Hilfsangeboten gegründet, es gab Demos für Gleichberechtigung und die Community wurde für den Rest der Stadt sichtbar.“
Es folgten im Gesetz verankerte Rechte für alle Lebensbereiche. Mit dem Antidiskriminierungsgesetz ebnete das Land 2003 den Weg für mehrere Reformen zur Geschlechteridentität. Seit 2010 gilt die Ehe für alle und das Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Ehepaare. Auch Sanchez konnte dank eines neuen Gesetzes 2015 ihr Geschlecht in ihrem Ausweis anpassen.
Mit der starken Sichtbarkeit wurde die Community auch als Wähler:innengruppe interessant für die Politik. Der jüngste Schritt ist das von Bürgermeisterin Clara Brugada 2025 eingeführte „Gabinete de la Diversidad Sexual“, ein LGBTQIA+ Beratungsgremium für die Stadtpolitik, das gerade seine Arbeit aufnimmt.
Schatten unterm Regenbogen
Aber: Mexiko zählt mit seinen 130 Millionen Einwohner:innen zu den gewalttätigsten Ländern der Region und weltweit. „Die Zahl der Hassverbrechen in der Hauptstadt, vor allem an trans Frauen, nimmt zwar ab, aber es gibt sie immer noch, sagt Alejandro Brito. Die Aufklärungsrate von Verbrechen nicht nur im Bereich LGBTQIA+, ist extrem niedrig. Bei Mord liegt sie bei rund zwei Prozent.
Dennoch wachsen der Respekt und die Aufgeschlossenheit gegenüber queeren Menschen in der Stadt immer weiter. Zur jährlichen „Orgullo“, der Pride-Parade, kommen längst auch Familien. Viele Kinder beobachten sie von den Schultern der Eltern aus, manche schwingen Regenbogenfähnchen. „Es gibt auch Kritik daran, dass der ursprüngliche Sinn der Pride als Protestmarsch verloren gegangen ist und jetzt Partystimmung vorherrscht“, sagt Alejandro Brito, „aber dennoch wird dabei auch spürbar, wie sehr die Bevölkerung die Community akzeptiert.“
Flurina Sirenio Dünki hat in verschiedenen Ländern Lateinamerikas für Non-Profit-Organisationen gearbeitet, bevor sie zum Journalismus kam. In der Schweiz war sie mehrere Jahre für Tageszeitungen tätig. Seit 2022 berichtet sie als freie Journalistin aus Mexico City.
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