„Das Meer ist böse auf uns …“

Cedeño, ein kleines Fischerdorf an der honduranischen Pazifikküste, im Golf von Fonseca gelegen. Das Meer bestimmt hier das Leben der Menschen.

Von Birgit Cálix
Unser Jeep rumpelt über die staubige Piste. Der letzte asphaltierte Straßenabschnitt liegt weit hinter uns. Vor uns die Ebene der einstmals fruchtbaren Pazifikküste und ein Flimmern über der „Straße“. Hinter uns eine einzige Staubwolke. Die Hitze im Auto ist trotz Klimaanlage kaum zu ertragen. Früher, so meint Don Justo, unser Fahrer und Begleiter, war diese Straße asphaltiert, um den Tourismus an diesem Küstenabschnitt zu beleben. Außerdem war das einmal fruchtbares Land, wo Viehwirtschaft, Baumwoll- und Zuckerrohranbau verbreitet waren. Heute sehen wir vor allem Brachland und weitläufige Melonenfelder, auf denen gerade hHunderte ArbeiterInnen unter sengender Sonne mit der Ernte beschäftigt sind. Dazwischen liegen Zuckerrohrfelder, so weit und grün, dass sie in dieser ansonsten kargen Gegend mitten in der Trockenzeit beinahe unecht wirken.
Früher, das war für Don Justo – wie für viele andere HonduranerInnen auch – vor dem Hurrikan Mitch*. „Wir sind hier starke Regenfälle gewöhnt, aber Mitch, der brachte so viel Wasser, dass die Flüsse über ihre Ufer traten. Alles stand unter Wasser, viele Leute in dieser Gegend starben in den Fluten. Doch erst als das Wasser wieder zurücktrat, konnte das wahre Ausmaß der Schäden festgestellt werden. Die Häuser entlang der Straße waren zerstört, die Straße selbst war weggerissen, die fruchtbare Erde unter Sand begraben worden, und einige Flüsse hatten ihren Lauf geändert.“ Seither werden in der Gegend vor allem Melonen und Zuckerrohr angebaut, und das unter enormem Chemieeinsatz, sodass die Menschen bereits mit allerlei Gesundheitsproblemen zu kämpfen haben.

Weiter geht die Fahrt. Entlang der Straße stehen die Elendshütten der PlantagenarbeiterInnen. Bretterbuden, die Wäsche hängt zum Trocknen über dem Stacheldraht, vor den Hütten Kinder, Hunde und Hühner. Endlich zeigen Palmen die Nähe zum Meer an. Unser Ziel, Cedeño, ist erreicht.
In diesem Fischerort am Fonseca-Golf hatte es vor wenigen Monaten eine Springflut gegeben. Deren Auswirkungen zu eruieren, die Bedürfnisse der Menschen abzuklären und möglicherweise ein Wohnbauprojekt zu beginnen, waren der Anlass unserer Reise in dieses vergessene Dorf.
Wir fahren sogleich in die Nähe des Strandes. Eine Art Düne hat die umliegenden Häuser zum Teil im Sand vergraben. Der Strand selbst ein einziges Trümmerfeld. Überall die Überreste der einstigen touristischen Infrastruktur: Betonbrocken, Mauerwerk, Stahlträger, Eisen und ins Leere führende Treppen. Was einmal TouristInnen ins Dorf locken sollte, war mit der Springflut zur Gefahrenquelle für alle Badenden geworden.
„Hier stand das bekannte Restaurant Sobre las Olas (‚Über den Wellen‘). Es war ein gewagter Pfahlbau mit einer wunderbaren Terrasse und Blick aufs Meer. Davon ist nichts übergeblieben“, erinnert sich Don Justo. „Alle Häuser der ersten bis dritten Reihe wurden von der Flut entweder zerstört oder schwer beschädigt. Die bescheidene touristische Infrastruktur war mit einem Schlag zerstört worden.“

Am schlimmsten hat es jedoch die Fischerfamilien selbst erwischt. Sie haben all ihr Hab und Gut verloren, da sie seit jeher in der Strandzone siedeln.
Das Dorf liegt nunmehr hinter uns, vor uns säumen Palmen die weitläufigen Sandstrände von Cedeño. Im dürftigen Schatten der Palmen stehen dicht an dicht die kleinen, aus schwarzen Plastikplanen und allerlei Schwemmgut zusammengeflickten Hütten der betroffenen Fischerfamilien. Die Kinder kommen sofort auf uns zugelaufen. Ihr Geschrei macht die Frauen auf uns aufmerksam, die uns alsbald umringen und lebhaft auf uns einreden. Für sie ist jeder Besuch seitens ausländischer Organisationen ein Hoffnungsschimmer. Zudem sind sie über das Ziel unserer Mission informiert worden.
Die Körper und Gesichter sind ausgemergelt, aber die Augen leuchten und zeigen im Gespräch jene Entschlossenheit und Kraft, die vielen Familien hier das Überleben sichert. „Dank dem Herrn, dass Sie gekommen sind, denn wir hoffen noch immer auf ein Wunder. Sehen Sie nur, wir leben nach wie vor in diesen erbärmlichen Hütten, und das, obwohl uns der Präsident bereits am Tag nach der Flut persönlich besucht und seine Hilfe versprochen hat. Er hatte sogar Leute vom Fernsehen und der Presse dabei. Die haben viele Fotos gemacht. Aber passiert ist nichts, und mittlerweile hat er uns sicher vergessen“, so Doña Lencha.

Ihre Worte erinnern mich an die Berichterstattung in der Folge des Unglücks. Da war die Rede von Entschädigungen, Landzuweisungen, Entfernung des Schutts und Unterstützung für den Wiederaufbau, Planung und Neugestaltung der touristischen Infrastruktur und des Dorfes. Große Summen sollten in das Dorf investiert werden, um die (touristische) Entwicklung des Ortes voranzubringen. Umfangreiche Pläne wurden gemacht und große Worte verloren, allein die Taten ließen auf sich warten. Bis zum Tag unseres Besuches, fast fünf Monate danach, war nichts geschehen.
Eine andere Frau ergänzt: „Sehen Sie nur, selbst der Strand ist seit Monaten nicht von den Trümmern gereinigt worden. Er stellt eine tägliche Gefahr für unsere Kinder und unsere Männer dar. Und Ostern steht kurz bevor, wie sollen denn da die Touristen baden!“
Ostern ist in Honduras die heißeste Zeit des Jahres und die Hauptreisezeit. Wer kann, fährt ans Meer und an die Flüsse, um zu baden. Für Cedeño ist Ostern das Geschäft des Jahres. Davon profitieren nicht nur die Restaurants und Hotels, sondern auch die Fischer und ihre Familien. Die Nachfrage nach Fisch steigt und damit der Preis.
Die Frauen finden zumindest für eine Woche bezahlte Arbeit in den Restaurants und Hotels. Damit können die Familien die dringensten Anschaffungen besorgen. „Wenn nicht endlich etwas passiert, werde ich heuer meinen Kindern nicht einmal die Schuluniform und Schuhe kaufen können“, klagt eine andere Frau. „Nein, selbst wenn die Touristen kommen, werden wir kein Geld verdienen können. Unsere Männer haben seit Wochen keine guten Fänge mehr. Das Meer ist böse mit uns! Zuerst nimmt es uns unser Zuhause, und jetzt geizt es auch noch mit den Fischen“, fällt Doña Ana der Frau ins Wort.
Don Justo, der uns unsere Verwunderung und Unkenntnis anmerkt, erklärt uns die Situation: „Die Zeiten für die Fischer sind denkbar schlecht. Einerseits spüren wir hier im Golf die Auswirkungen von El Niño. Seit Mitch hat sich das noch verstärkt. Zum anderen bekommen wir die Folgen der intensiven Shrimps-Zucht zu spüren.“

Aufgrund der massiven Mangrovenwaldvernichtung und der Überfischung in den Mangroven geht der Fischbestand im Golf seit Jahren kontinuierlich zurück. Die Mangroven sind Laichplatz für unzählige Fischarten. Wenn der Wald immer weniger wird, der Wasseraustausch durch Dämme verhindert, das Wasser mit den Abwässern aus den Shrimps-Zuchtbecken verseucht wird und die kleinen Fischlarven als Beifang zu den Shrimps-Larven abgetötet werden, dann gibt es keinen natürlichen Fischnachwuchs. Das sind auch die Gründe, weshalb CODDEFFAGOLF für den Erhalt des Ökosystems Mangrovenwald kämpft.
Diese honduranische Umwelt-NGO setzt sich massiv für die Rechte der Fischer- und Kleinbauernfamilien im Golf von Fonseca ein.
„Nein, uns geht es nicht nur um die Natur, die Fische und Vögel, uns geht es um die Lebensgrundlage für diese Leute! Die derzeitige Schlechtwetterphase verstärkt diese Phänomene, so dass die Fänge gerade noch für das Überleben der Familien reichen“, erklärt Don Justo.
Betroffenheit macht sich breit, für einen Moment findet keiner die rechten Worte. Da meldet sich Doña Lencha, eine der Wortführerinnen der Gruppe, zu Wort: „Ja, das mag ja alles stimmen, aber sollen wir deshalb gleich aufgeben, für unsere Rechte zu kämpfen? Meiner Ansicht nach ist es noch immer am besten, sich zu organisieren und gemeinsam Projekte zu entwickeln. Wir sollten nicht länger auf die Hilfe der Regierung warten. Lasst uns die Sache selbst in die Hand nehmen.“
Diese Worte waren es auch, die mir auf der Rückfahrt noch lange durch den Kopf gingen. Woher diese Frau wohl die Entschlossenheit, die Kraft und den Mut angesichts einer beinahe ausweglosen Situation nimmt?


* Der Hurrikan Mitch vernichtete Ende Oktober 1998 weite Teile von Honduras und dem nördlichen Nicaragua, wobei vor allem Honduras massiv von Erdrutschen und Überschwemmungen betroffen war. Dabei kamen über 11.000 Personen ums Leben, 2,2 Mio. wurden geschädigt.

Birgit Cálix war mehrere Jahre in der österreichischen Entwicklungspolitik und im Fairen Handel tätig. Derzeit lebt sie mit ihrer Familie in Honduras und arbeitet dort als Konsulentin für den Arbeiter-Samariter-Bund Deutschland und als Assistentin im Büro

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