Das Orakel schweigt

Von Silvia Matras ·

Die BewohnerInnen der ägyptischen Oase Siwa hat man aus ihren alten Traditionen gerissen und ziemlich abrupt mit der Zivilisation des 20. Jahrhunderts konfrontiert.

Siwa, die geheimnisumwobene Oase der Antike, liegt etwa 400 Kilometer südlich der ägyptischen Mittelmeerküste, nahe der libyschen Grenze. Trotz der Abgeschiedenheit stand der Ort schon vor mehr als 2.000 Jahren im Zentrum des politischen Interesses. Seine Berühmtheit verdankt er dem Orakel des Gottes Amun. Neben Delphi war es das bekannteste, weil effizienteste und treffsicherste im Mittelmeerraum.

Kein geringerer als Alexander der Große zog im Jahr 331 sechs Wochen lang mit seinen Soldaten durch die Wüste nach Siwa, um dort seine politische Zukunft zu erfahren. Auch Hannibal (247-183) holte sich in Siwa Rat. Mitte des 6. Jahrhunderts nach Christus wurde der Orakelbetrieb eingestellt.

Als Überfälle der Nachbarstämme immer häufiger wurden, verließ die Bevölkerung die Behausungen rund um den Amuntempel und baute auf dem nahegelegenen Hügel die Wohnburg Shali. Dort kultivierte sie vor allem Datteln, Oliven und Gemüse und lebte, von der Welt ziemlich vergessen, ein ungestörtes und gutes Leben.

Wichtige Hinweise über die politische und wirtschaftliche Autarkie der Oase finden sich im sogenannten „Siwa-Manuskript“, das ausführlich über Geschichte und Lebensformen seit dem Einzug des Islam in Siwa berichtet. Das Dokument gilt als verschollen. Der deutsche Ethnologe Frank Bliss schreibt dazu: „Es kann bestätigt werden, daß die Existenz des Manuskriptes bei der (ägyptischen) Verwaltung erhebliche Beunruhigung ausgelöst hat und man den Text in der Tat einziehen wollte, weil hier die ethnische Verschiedenheit der Siwaner, vor allem aber die kulturelle Identität in Abgrenzung von „Ägypten“ wiederholt aufgegriffen wurde und die Einverleibung Siwas in den ägyptischen Staatsverband als Verrat und ein schreckliches Ereignis bewertet wird.“

INI = Zurück in die Vergangenheit, als Siwa noch eine unabhängige Nomadengemeinde war, die von den Stammesscheichs regiert wurde. Bis 1820 lebten die Leute ein recht ungestörtes, autarkes Leben. Hinter einer hohen Stadtmauer, deren wuchtige Holztore Feinde und ungebetene Gäste abhielt, lebten sie nach ihren eigenen Gesetzen, die ziemlich rigoros wirtschaftliche und politische Einflüsse von außen verboten: Fremden Händlern war der Zutritt zum Burgberg nur für drei Tage gestattet.

Weil aber die Menschen in Siwa reich und nicht sehr arbeitsfreudig waren, mußten Fremde die Arbeit auf den Feldern verrichten. Diese wurden außerhalb der Burg auf dem Mansiya-Platz angesiedelt. Dort entstand die lockere Gegenwelt zur Strenge innerhalb der Mauern: Was drinnen verboten war – hier war es erlaubt: Man braute und konsumierte Alkohol, und Frauen verdienten sich ihr Brot als Prostituierte.

INI = 1820 wurde alles anders: Ägyptische Soldaten nahmen die Stadt in einer Nacht- und Nebelaktion ein. Bisher hatten die Bevölkerung Siwas recht gut vom Tauschhandel gelebt, Geld war unbekannt. Nun mußte sie plötzlich Steuern zahlen. Mißtrauen und Ablehnung gegenüber den Ägyptern sind bis heute unvermindert stark.

„Das sind alles Ägypter, keine Siwaner“, erklärt mir Ahmed, als wir auf dem Masiya-Platz am Fuße des verfallenen Burgberges Shila sitzen. „Leute aus Kairo, die während der Ernte Arbeit suchen und sich dann hier ansiedeln. Der da ist ägyptischer Regierungsbeamter“, sagt Ahmed mit mürrischer Miene und weist auf einen Dicken in einem (der wenigen) Autos.

Ahmeds Familie gehört zu einer der sechs ältesten aus dem Ostteil des Burgberges, der schon über ein Jahrhundert nicht mehr bewohnt ist. Aber noch immer zählt „die gute und richtige Adresse“ aus der Vergangenheit als Referenz.

Die großen Familienverbände teilen sich bis heute in sechs östliche, die den Großteil der Gärten und Felder besitzen und die das Sagen haben, und in drei westliche, die noch immmer unter dem Makel aus der Vergangenheit, nämlich aus dem westlichen Burgteil zu stammen, zu leiden haben.

INI = Schwerwiegende Probleme, wie Grenzstreitigkeiten, Vergehen gegen den Glauben oder Scheidungen werden in Siwa noch immer von den Scheichs gelöst. Einmal im Jahr, zum Vollmond im September, kommen sie für drei Tage zusammen, diskutieren und entscheiden. Jeden Abend beschließen sie ihre Beratungen mit einem Dankgebet an Allah und einem Tanz in tranceähnlichem Zustand auf dem vom Vollmond beschienenen Feld.

Ein Fest als Bollwerk gegen die neue Zeit, die das Leben in Siwa rasant zu verändern droht. „Nicht immer zum Guten“, meint Ahmed. „In der Schule dürfen unsere Kinder nur mehr Arabisch sprechen. Unsere eigene Sprache, Siwi, ist verboten. So werden die jungen Leute von unserer Kultur entfernt. Klar, mit Arabisch kommen sie auch draußen weiter, können auf der Universität studieren oder einen Staatsposten bekommen. Aber unsere Welt, in der wir jahrhundertelang gelebt haben, geht verloren.“

INI = Während Ahmed erzählt, fahren auf einem Eselskarren eine Frau und ein Mann vorbei. Gesicht und Haare der Frau sind unter einem grauen Tuch versteckt. In Siwa wird man keine einheimische Frau – ob verheiratet, verwitwet oder alleinstehend – ohne Mann ausgehen sehen. Sie verläßt das Haus nur zu wichtigen Anlässen, wie zu Hochzeiten und Begräbnissen oder hin und wieder, um den Palmengarten außerhalb der Stadt zu besuchen. Und das tut sie nur nur verschleiert.

Ab der Geschlechtsreife sind Frauen an das Haus gefesselt. Betritt ein fremder Mann das Haus, huschen sie schnell in ein anderes Zimmer. Die Frauen selbst finden ihr Leben nicht eingeengt oder unerträglich. Wann immer ich von Frauen ins Haus eingeladen wurde, spürte ich ihre Gelassenheit und Lebensfreude. Mag sein, daß ich nur die Fassade sah. Aber eine Diskussion war wegen der Sprachprobleme nicht möglich und wäre in ihren Augen wahrscheinlich auch unnötig gewesen.

Sobald ein Mädchen verheiratet wird – oft schon mit 13 oder 14 Jahren – , ist ihre Bewegungsfreiheit auf Haus und Hof beschränkt. Trotzdem wollen die Frauen nichts anderes als verheiratet sein und bleiben, gibt ihnen doch die Ehe relative Sicherheit.

Aber eben nur relative. Scheidungen sind in Siwa relativ häufig und werden ausschließlich von Männern betrieben. Eine Frau ohne Ehemann gilt in dieser Gesellschaft wenig oder nichts. Einer Witwe geht es besonders schlecht. Sie verwandelt sich in eine „gula“ – was soviel wie Menschenfresser oder Wolf bedeutet. Nach dem Begräbnis ihres Mannes muß sie vier Monate außerhalb des Dorfes leben, darf sich nicht waschen, kämmen und niemandem unter die Augen kommen. Wen sie in dieser Zeit anschaut, dem widerfährt ein schreckliches Unglück. Nach der vorgeschriebenen Trauerzeit darf sie nach der rituellen Reinigung ins Dorf zurückkehren und gilt wieder als heiratsfähig.

„Eines Tages hat uns die Regierung einen Beamten aus Kairo geschickt, der uns

klarmachen sollte, daß diese Tradition gegen den islamischen Glauben verstoße und daher verwerflich sei. Am nächsten Tag suchte er demonstrativ so eine Gula auf, um uns die Unsinnigkeit unseres Tuns zu beweisen. Ob es ein Zufall war, daß noch in derselben Nacht sein Vater starb?“

Ahmed ist ein Verfechter der Tradition und steht der neuen Zeit skeptisch gegenüber. „Das Fernsehen und die neue große Straße, die uns mit der Küste verbindet, haben unserem Leben ein Tempo und eine Form auferlegt, die wir so schnell nicht aufnehmen können und auch nicht wollen.“

Anders sieht Mahdi Hweiti die Situation. Er steht dem Fortschritt kritisch aufgeschlossen gegenüber. Als Historiker, der sich mit den alten Festen Siwas beschäftigt, achtet er peinlich genau auf die Einhaltung der Zeremonien und reklamiert die geringste Abweichung.

Die häßlichen Betonwohnsilos, die die Regierung in den letzten Jahren rund um das alte Siwa aufgestellt hat, die Kasernen für die Soldaten, den Damm, der einen der schönsten und größten Salzseen außerhalb Siwas brutal durchschneidet, akzeptiert er mit resignierendem Achselzucken: „Wir werden nicht gefragt, ob wir das alles haben wollen. Uns muß klar sein, daß wir nicht weiterhin im Mittelalter dösen können. Wir brauchen den Anschluß an die Welt.“

Die Autorin ist freie Journalistin und Fotografin mit den Schwerpunkten Nordafrika und Orient. Sie lebt in Wien.

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