Das Strahlen der Dinge

Mit dem kürzlich eröffneten Schaudepot beschreitet das Weltmuseum Wien neue Wege musealer Präsentation.

Von Irmgard Kirchner
Reinhard Blumauer hat den „Korridor des Staunens“ kuratiert.© Eraldo Peti

"Korridor des Staunens", so nennt das Weltmuseum Wien seine neu eröffneten Ausstellungsräume mit neuem Konzept. Der Name sei richtig und falsch zugleich, erklärt Direktor Christian Schicklgruber im Gespräch mit dem Südwind-Magazin. Es handle sich nicht um einen Korridor, sondern um drei prachtvolle Säle. Schicklgruber: „Richtig ist das Staunen. Unsere Besucherinnen und Besucher sollen ins Staunen kommen: über die Vielfalt der Dinge, die Schönheit der Dinge und ihre Inszenierung.“

Etwa 800 Objekte werden in einer gänzlich ungewohnten Manier ausgestellt. Alle anderen Objekte im Haus, so Schicklgruber, seit 2018 Chef des Weltmuseum, haben ihre Beschriftung, ihre Erklärung und eine museale Funktion, irgendwelche Geschichten zu erzählen. Im Schaudepot gibt es keine Beschriftung.

„Da sind wir sehr radikal. In vielen anderen Schaudepots haben es sich die Gestalter doch nicht verkneifen können, zumindest Kurzerklärungen zu geben.“

Vor der Redimensionierung des Weltmuseums, das Ausstellungsfläche an das Haus der Geschichte abgeben musste, waren vier Räume als „Korridor des Staunens“ geplant.

Die aktuell drei Räume sind jeweils einem Thema gewidmet: Menschenbilder, Musikinstrumente und Modelle (von Häusern und Booten). Küche und Kochen, erklärt Schicklgruber, wäre das Thema des vierten Raumes gewesen. „Über das ganz profane alltägliche Objekt kann man eine Brücke zwischen Ursprungsgesellschaft des Objekts und dem Besucher schlagen.“ Diese Brücke gelinge wesentlich besser über alltägliche Dinge als über exotische Figuren oder Ritualgegenstände.

Herausforderung. Auf jeden Fall sei der „Korridor des Staunens“ für die Besucherinnen und Besucher eine unerwartete Herausforderung. „Wir alle hören Radio, sehen Universum-Sendungen im Fernsehen, lesen National Geographic oder irgendwelche ethnographischen Bücher“, so Schicklgruber. „Dadurch ist sehr viel an Wissen, an Bildern, an Filmen im Kopf gespeichert. Und wenn über ein Ding im Schaudepot irgendetwas im Hirn aktiviert wird, Fantasien in Gang gesetzt, Erinnerungen wachgerufen oder Filme im Kopf gestartet werden, dann ist das genau das, was wir uns wünschen. Ob die richtige Filmsequenz abläuft, bleibt dabei offen.“

Dadurch sei der „Korridor des Staunens“ auch ein Experiment. Doch, so Schicklgruber: „Wenn man in einem Museum dieser Art oder generell in Museen nicht anfängt, zu spielen und zu experimentieren, dann wird es irgendwann fad und dann darf man sich nicht wundern, wenn niemand mehr kommt.“ Natürlich könne man nicht das ganze Haus so aufbauen.

Reinhard Blumauer, Kurator des Schaudepots, sieht es nicht als Gegenentwurf zur Schausammlung im Haus und auch nicht als Beispiel, wie zukünftig Ausstellungen gemacht werden. Texte seien im Museum ganz zentral. Im Schaudepot soll allerdings das Bedürfnis nach Einordnung hinterfragt werden.

Blumauer: „Im Alltag verlässt man sich im Umgang mit Menschen sehr auf bestimmte Kategorien. Als würden Nationalität und Geburtsdatum viel über eine Person aussagen.“ Mit Objekten sei es ähnlich: „Objektkennungen im Museum gaukeln vor zu vermitteln, aber das Objekt selbst habe ich weder angeschaut noch verstanden.“

Sprechende Dinge. Im „Korridor des Staunens“ sprechen die Dinge selbst. Schicklgruber: „Ich kann mir 800 Sachen aussuchen, die mich anstrahlen. Altes steht neben Neuem, Seltenes neben Massenware, Profanes neben Heiligem und Einzelstücke neben Serien.“

Kurator Blumauer hat bewusst auch beschädigte und unvollständige Objekte ausgesucht.

Ob das neue Schaudepot auch Ausdruck eines Überflusses an Objekten ist? Schicklgruber widerspricht energisch: „Wir haben nicht zuviel.“ Wie die meisten großen Museen zeigt das Weltmuseum lediglich eineinhalb Prozent seines Bestandes, der in diesem Fall 200.000 Inventarnummern mit noch mehr Objekten umfasst. Und nur ein unbedeutender Teil werde voraussichtlich nie den Weg vom Depot ans Licht der Ausstellungsräume schaffen.

„Wir gehen davon aus, dass in den nächsten 200 bis 300 Jahren 80 Prozent von dem, was jetzt im Keller ist, oben steht, in anders gestalteten Schausammlungen oder in Sonderausstellungen.“

Heute bietet der „Korridor des Staunens“ – so hofft man – völlig neue Möglichkeiten für Kulturvermittlung. Weil keine vordergründigen Antworten gegeben werden, können die Besucherinnen und Besucher zu tiefgründigen Fragen angeregt werden.

Zwei Vitrinen hat Kurator Blumauer noch leer gelassen: In ihnen sollen zukünftige Schenkungen und spontane Mikroausstellungen Platz finden. „Sie verweisen darauf, dass das Museum kein abgeschlossenes, fertiges Produkt, sondern immer im Wandel begriffen ist.“

www.weltmuseumwien.at

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