Das Ungewöhnliche eines gewöhnlichen Lebens

Mit 12 verheiratet, mit 14 Mutter, Slumbewohnerin, Hausbedienstete, Buchautorin: Für ihre ursprünglich in Bengali verfasste mutige Autobiographie hat Baby Halder viel Anerkennung bekommen. Das Buch ist nun auf Englisch erschienen.

Von Brigitte Voykowitsch
Ich war hilflos und an meinen Ehemann gebunden. Ich musste tun, was er sagte, ich hatte keine Unabhängigkeit. Warum bloß? Ich machte mir Gedanken über diese Ungerechtigkeit. Es war mein Leben, nicht das seine. [...] Wenn ich in seinem Haus kein Glück und keinen Frieden finden konnte, musste ich dann in dieser Hölle auf Erden ausharren?“
Baby Halder entschloss sich zu gehen. Eines Tages packte sie ihre drei minderjährigen Kinder – zwei Söhne und eine Tochter – und zog in den Großraum Delhi, wo sie nach anfänglichen Schwierigkeiten eine Arbeit als Hausbedienstete fand. Sie hatte doppeltes Glück. Nicht nur behandelte sie ihr Arbeitgeber, ein Nachkomme des bedeutenden Hindi-Autors Munshi Premchand, gut. Als er bemerkte, mit welchem Interesse sie beim Staubwischen seine Bücher betrachtete, gab er ihr die Autobiographie der bengalischen Autorin Taslima Nasrin zu lesen. Er beschaffte ihr Papier und Schreibutensilien und ermutigte sie, ihre eigenen Lebenserfahrungen niederzuschreiben. Auf Bengali verfasst und zuerst in Hindi-Übersetzung publiziert, ist das Werk nun unter dem Titel „A Life Less Ordinary“ in englischer Sprache erschienen. Übersetzt hat es Urvashi Butalia, die Leiterin des in Neu Delhi ansässigen feministischen Verlags Zubaan.
Baby Halder, die sich zunächst gefragt hatte, ob sie mit ihren wenigen Jahren an Schulbildung in der Lage sein würde zu schreiben, hat viel Anerkennung für ihr Buch erhalten. K. Satchidanandan, Generalsekretär der indischen Literaturakademie Sahitya Akademi, würdigte es als „eine der besten subalternen Autobiographien“, die er gelesen hätte. Die große bengalische Autorin Mahasweta Devi sprach von „einer Geschichte des Muts“, einem dringend notwendigen Werk.

Baby Halder entstammt einer niedrigen Kaste, die Männer in der Verwandtschaft waren als Töpfer, Kleinbauern und Händler tätig, ihr Vater verbrachte einige Jahre beim Militär. Als Baby noch ein Kind war, packte ihre Mutter eines Tages den jüngsten Sohn und verließ für immer die Familie, weil sie das Eheleben nicht mehr ertragen konnte. Mit zwölf Jahren wurde Baby selbst verheiratet, mit 14 war sie bereits Mutter. Gewalt und Unterdrückung kennzeichneten ihre Ehe. Entscheidend für den Entschluss, ihren Mann zu verlassen, war aber auch ihr Wunsch, ihren eigenen Kindern die Bildung zukommen zu lassen, die ihr selbst verwehrt worden war. „Mehr als alles andere wollte ich meinen Kindern ein gutes Leben ermöglichen. Es genügt nicht, Kinder auf die Welt zu bringen, ihre Geburt bringt eine Verantwortung mit sich: [...] Mein Mann konnte – oder wollte – das nicht verstehen. Denn das hätte bedeutet, dass er die Verantwortung hätte teilen müssen, und daran hatte er kein Interesse. [...] Ich musste stark sein und einen Weg aus dieser Misere finden.“
Baby Halder ließ sich weder von Verwandten noch Bekannten beirren. Auch die bösen Kommentare der Frauen in dem Slumviertel, in dem sie zunächst ein Quartier fand, konnten sie nicht von ihrem Weg abbringen. „Schließlich gibt es Frauen ohne Ehemänner, die sich durchs Leben schlagen, oder nicht?“ Baby Halder erinnert sich auch an eine Verwandte, die einmal auf jemandes Feststellung „das ist alles Schicksal“ gemeint hatte: „Wenn alles nur Schicksal ist, warum hat uns Gott dann Hände, Ohren und alle unsere Fähigkeiten gegeben?“
„Man kann als Hausbedienstete arbeiten und daneben schreiben“, stellt Baby Halder am Ende ihrer Autobiographie fest. Sie arbeitet nun an ihrem zweiten Buch.

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