Den Genozid im Rücken

15 Jahre nach dem Völkermord kämpfen die Menschen im Land der tausend Hügel nicht nur mit ihrer blutigen Vergangenheit, sondern auch mit der harten Realität des Alltags.

Von Christa Wüthrich
1994 wurden 800.000 Menschen in Ruanda ermordet. Die Hutu-Mehrheit des Landes verübte einen Genozid an der Tutsi-Minderheit sowie an Hutus, die sich am Völkermord nicht beteiligen wollten. Zerstört wurden nicht nur die Menschenleben, sondern auch ein Teil der ruandischen Kultur. Denn schriftliche Literatur in der Landessprache Kinyarwanda gab es kaum. Die ruandischen Geschichten wurden über Generationen mündlich überliefert. Durch den Völkermord drohten sie ganz zu verschwinden.

Agnes Gyr-Ukunda verlor durch den Genozid einen Teil ihrer Familie. Sie selbst floh schon in den 1970er Jahren vor Unruhen zwischen den zwei Volksgruppen aus ihrer Heimat und kam durch ein Stipendium in die Schweiz. Ihrem Land beim Wiederaufbau zu helfen war für die vierfache Mutter selbstverständlich. Die heute 52-jährige Ruanderin gründete 1995 die "Edition Bakame", den ersten und bis heute einzigen Kinderbuchverlag in Ruanda. Das Ziel ist klar: Ruanda soll seine Geschichten bewahren und die Kinder sollen die Leichtigkeit des Erzählens und die Faszination des Zuhörens wiederentdecken. Bis heute hat die Edition Bakame mehr als eine halbe Million Geschichtenbücher gedruckt und vertrieben. Finanziert wird das Unternehmen durch den Schweizer Verein "Bücher für Kinder in Ruanda". "Nur so können wir die Preise tief halten, damit sich die breite Bevölkerung ein Buch leisten kann", erklärt Agnes Gyr. Das billigste Buch kostet rund einen Euro. Für ein Land, in dem 60 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze leben, ist auch dies ein hoher, doch erschwinglicher Betrag.

Laut offiziellen Zahlen beträgt das durchschnittliche Jahreseinkommen in Ruanda 300 US-Dollar. "300 Dollar?" Manuel, ein 43-jähriger Tagelöhner, schaut fragend auf. Soeben hat er von den offiziellen Zahlen und Statistiken Ruandas gehört. Er selbst kann weder lesen noch schreiben, dafür staunen. Leute, die 300 Dollar im Jahr verdienen, seien reich. Er kenne hier jeden auf diesem Hügel - aber keinen einzigen Reichen. An sehr guten Tagen verdient Manuel etwa 2.500 ruandische Francs. Umgerechnet sind das rund drei Euro.

Doch die guten Tage sind schon lange her. Beim Reparieren eines Daches ist der achtfache Familienvater gestürzt und hat sich den Knöchel verstaucht. Zwei Wochen konnte er kaum arbeiten. Versichert ist er nicht, obwohl das in Ruanda offiziell obligatorisch ist. Die einzige Mahlzeit pro Tag sei nun öfters ausgefallen. Von den acht Kindern ist keines länger als vier Jahre in die Schule gegangen. Kinder und Schule seien teuer. Zwar ist der Schulbesuch offiziell gratis, doch die Eltern müssen die Kosten für Lehrmaterial und Uniformen übernehmen - und dafür fehlt meist das Geld. Das Einkommen wird gebraucht, um zu überleben. Wie 94 Prozent der Menschen in Ruanda hat Manuel keinen direkten Stromanschluss. Auch fließendes Wasser bleibt für ihn und die breite Bevölkerung auf dem Land eine Wunschvorstellung. Solchen Luxus genießt nur eine kleine Oberschicht. Mit guter Ausbildung, hohem Einkommen und in einflussreicher Position heben ihre Mitglieder sich von der Masse ab. Statistisch tragen sie dazu bei, dass die offiziellen Zahlen staunen lassen.

Doch von "einem" Ruanda kann nicht die Rede sein - weder wirtschaftlich noch sozial; es ist ein Land mit zwei Seiten. Die Elite des Landes ist gut ausgebildet, verdient sehr gut und ist in der boomenden Hauptstadt Kigali bestens situiert. Dort werden neue Hotels gebaut, ein neuer Flughafen ist in Planung und vor kurzem wurde das erste Casino des Landes eröffnet. Auf der anderen Seite steht die breite Masse der Landbevölkerung, die in körperlicher Schwerstarbeit die tausend Hügel bepflanzt. Ackerland ist zu knapp und die Familien sind zu groß. Sich selbst zu versorgen ist das Ziel. Vom Fortschritt spüren die Menschen am Land nichts. Wie es ein deutscher Arzt, der in einem Krankenhaus im Osten des Landes arbeitet, formulierte: "Der Fortschritt hat den Sprung aufs Land nicht geschafft. Hier ist die Zeit vor mehreren Jahrzehnten stehen geblieben."

Die Regierung Ruandas hat sich jedoch dem Fortschritt verschrieben. In der so genannten "Vision 2020" ist festgehalten, wo das Land in gut zehn Jahren stehen soll: höherer Durchschnittslohn und besseres Bildungsniveau. Erzielt werden soll der Fortschritt nicht nur durch Investitionen und wirtschaftliches Wachstum, sondern auch durch eine Gesinnungsänderung in den Köpfen der Menschen. Von Hutu und Tutsi zu reden ist heute verboten. Wer trotzdem von verschiedenen Ethnien spricht, läuft Gefahr, im Gefängnis zu landen. Die Anklage lautet "Divisionisme" - Auseinanderbringen der Nation. Doch was in der Öffentlichkeit verboten ist, dominiert das ruandische Privatleben.

"Die ethnische Zugehörigkeit und die Spannungen zwischen den verschiedenen Gruppen gehören zum ruandischen Alltag, sie durchziehen Familien und Dorfgemeinschaften", erklärt Ariane Inkesha vom "Institut de Recherche et de Dialogue pour la Paix", dem Institut für Forschung und Dialog für den Frieden. "Wir sprechen immer noch von Paul Kagame als Tutsi-Präsidenten. Hutu sind als Täter stigmatisiert und die Tutsi gelten als Opfer. Die Gesellschaft ist immer noch von Ethnien geprägt", erklärt die 29-Jährige. Drei bis vier Generationen werde es wohl brauchen, bis dieses Denken einem einheitlichen Gemeinschaftsgefühl weicht. Vielleicht. Ariane Inkesha: "Versöhnung ist ein langer Prozess."

Nach dem Völkermord stand Ruanda vor einer großen Herausforderung: mehr als 130.000 Genozid-Angeklagte warteten Ende der 1990er Jahre auf ihren Prozess. Doch auch nach sechs Jahren waren erst 6.000 Dossiers behandelt. Das Justizsystem hätte mehr als 100 Jahre gebraucht, um alle Angeklagten zu verurteilen. Ruanda reaktivierte darum im Jahr 2002 die Gacaca-Gerichte. Das Ziel war klar: die Verurteilung von Genozid-TäterInnen, eine Entlastung der überfüllten Gefängnisse, Klarheit über den Völkermord, aber auch der Beginn einer Versöhnung. Der Begriff Gacaca umschreibt ein traditionelles ruandisches Rechtsinstrument, bei dem die Dorfgemeinschaft als Justizinstanz wirkt. Gacaca ist auch der Name einer Grasart. Die Gerichtsverhandlungen wurden früher auf diesem Gras sitzend durchgeführt.

Nach dem Genozid wurden die lokalen Gacaca-Gerichte zu einem festen Bestandteil des ruandischen Justizsystems. Die rund 13.000 modernisierten Gacaca-Gerichte sind rechtlich verankert und verfügen über die gleiche Handlungsmacht wie ein herkömmliches Gericht. Sie kümmern sich jedoch ausschließlich um Genozid-Angeklagte, und die Verhandlung findet unter freiem Himmel statt. TäterInnen können zu Geldstrafen, sozialer Arbeit, aber auch zu Gefängnisstrafen von bis zu 30 Jahren verurteilt werden.
Wer gesteht, bekommt eine Reduzierung der Strafe oder kann einen Teil davon als Sozialdienst abarbeiten. Geleitet werden die Prozesse von LaienrichterInnen, die durch das Volk gewählt wurden. Unabhängige Personen zu finden, stellte ein großes Problem dar. Denn in Ruanda ist jede Familie vom Völkermord betroffen. In gewissen Fällen mussten RichterInnen zurücktreten, weil sie befangen waren oder gar selbst beschuldigt wurden. Bis heute haben tausende LaienrichterInnen landesweit 1,4 Millionen Fälle behandelt.
Die Beteiligung der Gemeinde so wie der Aspekt der Versöhnung stehen bei den heutigen Gacacas im Zentrum. In der Gerichtsversammlung sitzen die Angehörigen der Opfer, die wissen möchten, was mit ihren Verwandten wirklich geschehen ist, wo sie umgebracht und vergraben wurden. Die Toten werden dann lokalisiert, identifiziert und von den Angehörigen offiziell bestattet. Dies ist eine Voraussetzung dafür, dass das Geschehen verarbeitet und die Trauerarbeit abgeschlossen werden kann. Opfer und TäterInnen sollen beim Bearbeiten und Lösen des Konflikts involviert sein. Die Klarheit über das Geschehene, das Verurteilen der Tat, aber auch die mögliche Versöhnung sollen Ruanda wieder zu einer einheitlichen Nation zusammenwachsen lassen.

Eine Demonstration dieser Einheit fand Anfang November 2008 in Ruanda statt. In Frankfurt wurde am 9. November Rose Kabuye, die Protokollchefin des ruandischen Präsidenten Paul Kagame, verhaftet. Die Regierung in Kigali rief daraufhin zu Massendemonstrationen in der ruandischen Hauptstadt auf.
In den 1990er Jahren hatte Rose Kabuye der Rebellengruppe RPF (Ruandische Patriotische Front) angehört. Im Juli 1994 war die RPF unter der Führung des heutigen Präsidenten Paul Kagame in Kigali einmarschiert und hatte den Völkermord gestoppt. Rose Kabuye, ehemalige RPF-Majorin, wurde danach Bürgermeisterin von Kigali, dann Parlamentarierin. Seit 2006 ist sie Protokollchefin des Staatschefs. Gegen die heutige Spitzenpolitikerin, den amtierenden Präsidenten so wie acht ihrer ehemaligen RPF-MitstreiterInnen liegt seit November 2006 ein von Frankreich erlassener Haftbefehl vor. Präsident Paul Kagame genießt jedoch Immunität. Basierend auf französischen Untersuchungen wird ihnen vorgeworfen, 1994 das Flugzeug des damaligen Präsidenten Juvénal Habyarimana abgeschossen zu haben. Mit dem Tod des Präsidenten begann damals der Völkermord. Bis heute ist offiziell nicht geklärt, wer hinter dem Anschlag auf das Flugzeug des Präsidenten steht.

Die Regierung Ruandas reagierte erzürnt auf die Verhaftung in Deutschland und verwies kurzerhand den deutschen Botschafter des Landes. Die französischen Ermittlungen seien manipuliert und die Verhaftung ein Zeichen der europäischen Arroganz und der völligen Geringschätzung gegenüber dem ruandischen Volk, betonte Präsident Paul Kagame. Über Radio, Zeitungen und per SMS wurde die Bevölkerung in Ruanda aufgerufen, gegen die Verhaftung Kabuyes zu demonstrieren. 150.000 Menschen fanden sich darauf vor der deutschen Botschaft in der Hauptstadt Kigali ein. Das Land stand still. Büros und Geschäfte blieben geschlossen. Die Mobilisierung der Massen funktionierte schnell und lückenlos. Auf die Frage, warum er hier mit marschiere, antwortet ein Teilnehmer kurz: "Weil es die Regierung sagt und es alle tun." Die Bevölkerung in Ruanda hinterfragt auch heute die Befehle der Regierung kaum. Die Angst vor möglichen Sanktionen ist groß. Die Obrigkeitshörigkeit kontrolliert das eigene Handeln. Zusätzlich ist der Druck des Kollektivs meist stärker als die Eigenverantwortung. Auch 15 Jahre nach dem Genozid.

Christa Wüthrich ist freie Journalistin und arbeitet für verschiedene Printmedien (www.wuethrich.eu). Von September 2007 bis Mai 2008 lebte und arbeitete sie in Kigali. Im April dieses Jahres besuchte sie Ruanda nochmals.

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