Der Dürfer

Von Erich Hackels Monatskolumne ·

Maske und Mummenschanz

Das Vermummungsverbot, das die österreichische Regierung erlassen will oder schon erlassen hat, wendet sich angeblich gegen DemonstrantInnen, die die Anonymität zu Gewalttaten nutzen. Aber ich glaube, da steckt was anderes dahinter – die Absicht, politische Gegner zu vereinzeln oder in der Vereinzelung zu belassen. Denn wer sich vermummt oder maskiert, ist schwer zu fassen. Er, oder sie, erhebt Anspruch, mehr zu sein als nur ein Mensch: Sinnbild, Charakter, Tendenz.
Einmal, vor mehr als zehn Jahren, lernte ich in Mexiko-Stadt einen Mann kennen, von dem keiner wusste, wer er eigentlich war. Er trat immer nur vermummt auf, im Ringerdress und mit Maske, und nannte sich Superbarrio. Superbarrio war Symbol des Widerstands gegen korrupte Politiker, geldgierige Hausbesitzer, Spekulanten und Umweltverbrecher. Seine Vermummung bedeutete: Ich bin kein Held, ich bin kein Führer, ich bin nicht mehr als die vielen, mit denen ich kämpfe – die Armen, Rechtlosen, Übervorteilten. Mit der Maske machte er klar: Auf mich allein kommt es nicht an. Meine Person ist nicht wichtig. Ich bin nicht ich.
Ein paar Jahre später tauchte in den Bergen von Chiapas der nächste Vermummte auf, Subcomandante Marcos von der Zapatistischen Befreiungsarmee. Auch Marcos war bemüht, seine Identität geheim zu halten. Die Wollmütze bewahrte ihn davor, das Gesicht dahinter zu verlieren – an die Machthaber und ihre Büttel in den Medien, die so gern einen Star kreieren, einen individuellen Star, versteht sich, einen käuflichen. Wer sein Gesicht nicht zeigt, ist nicht käuflich.

Der Zauber des Widerstands erlischt, sobald die Widerständigen aus dem Dunkel der Anonymität treten. Die Personalisierung macht sie wehrlos; so können sie, Schritt für Schritt, ausgeschaltet, neutralisiert werden. Gerade das, denke ich, ist das heimliche Motiv der Regierenden: ihren entschiedenen Gegnern die Möglichkeit zu nehmen, sich als Kollektiv wahrzunehmen.
Sogar Superman, die läppische Comicfigur aus den USA, war stark nur in seinem Kampfkostüm. Privat, als Lohnschreiber Clark Kent, war er scheu, linkisch, ängstlich. Das Vermummungsverbot entspricht dem Zwang, Angst zu haben. Gegen Ängstliche regiert es sich leicht.

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